Sokrates und Goethes Gardinen

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Mein Freund Sokrates und ich hatten einst zusammen das Abitur in einem kleinstädtischen Gymnasium absolviert. Wir waren voller Träume, liebten Schiller und hassten Goethe. Ursache war keine einzige Zeile des Dichters, sondern unser Traum, wie wir einst zu leben planten: ein großes Haus mit größeren Fenstern, Glas und Licht überall, offen und transparent. Es gab damals ein beliebtes Lied, der Sänger tönte darin großherzig, dass er allen Menschen große Fenster wünsche, die Gardinen spärlich nur und dünn. Es war ziemlich pädagogisch, es ging um Einsicht und Aussicht, dann kam noch was von Vertrauen derer, die sich gegenüber wohnen. Auch das fanden wir Klasse und bezogen es logischerweise auf uns.

Aber zurück zu Goethe: zu unserer Schulzeit war es üblich, dass junge Menschen im Klassenverband nach Weimar fuhren. Wir trabten in Reihe durch Goethes Gartenhaus. Hier hätte - so rief die begeisterte Deutschlehrerin - der Gute gekocht, in den Messingtöpfen gerührt und auf dem Bette manch schöne Stunde verbracht. Er sei ein Mensch wie du und ich. Sie blickte Sokrates tief ins Auge: "Auch Sie können einmal etwas Schönes erreichen, etwas Großes schaffen, man muss nur wirklich wollen." Offenbar wollte sie auch etwas Großes, nämlich Sokrates. Ich lenkte den Blick meines Freundes auf eine der furchtbarsten Kleinbürgeranhängsel: die Gardinen. Und was für Gardinen! Sie waren nicht dünn und spärlich, sondern dick und überall. Der Feind war erkannt. Faust - da mussten wir nur lachen. Wie konnte jemand an den Schlaf der Welt rühren, wenn er klitzekleinbürgerliche Fenster hatte. Mit Gardinen! Wir schworen uns ewige Liebe, niemals Gardinen zu kaufen und Goethe ein Lebtag zu meiden. Bald darauf trennten wir uns.

Irgendwann hörte ich davon, dass jemand die Gartenlaube verdoppelt hatte. Es war mir unfasslich. Statt großer Fenster doppelt so viel kleine - zugemauerte dazu.

Kurz darauf sah ich gegen ein Uhr morgens, wenn die Sendeplaner nur noch denkende Singles ohne Sexualpartner vor der Kiste vermuten, eine Aufzeichnung aus Weimar. Ein gutaussehender Thüringer trug vor, was der Doppelbau des Gartenhauses provozieren wollte. Man solle seinen Wahrnehmungen nicht trauen, man solle forschen, was wirklich Tradition sei und was echt und was man sehe, sei nicht immer die Wahrheit. Namentlich die Gardinen seien erst in den Sechzigern aufgehängt worden, von DDR- Museumsverwaltern. Der Dichter selbst habe nie welche gekannt und das sei doch spannend, worauf man so reinfalle. Der gutaussehende Spezialist war eloquent, er war ein exzellenter Goethekenner: es war mein alter Schulfreund Sokrates.

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