Der begnadete Polarisierer

Nachruf Guido Westerwelle wurde als laute Verkörperung des Neoliberalismus für die Linken zur Reizfigur. Nun ist er verstorben
Der begnadete Polarisierer
Westerwelle polarisierte. Die einen sahen in ihm einen begnadeten Kämpfer für die FDP und einen schlagfertigen Politiker, für die anderen wurder er als Verkörperung des neoliberalen Zeitgeistes regelrecht zur Hassfigur
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Als rheinische Frohnatur bezeichnete sich Guido Westerwelle gelegentlich. Und tatsächlich: Westerwelle konnte vor Witz nur so sprühen – gerade bei seinen öffentlichen Auftritten. Er war ein begnadeter Redner und so schlagfertig, wie nur wenige seiner Politikerkollegen. Für seine Gegner konnte eine Konfrontation mit ihm geradezu frustrierend sein. Einmal, als eine linke Truppe ihn bei einer Rede mit einem Protesttransparent gegen den Neoliberalismus aus der Fassung bringen wollte, fertigte er die Demonstranten mit einem schneidenden „Wenigstens ist ,liberal‘ richtig geschrieben“ ab. Westerwelle hatte die Lacher auf seiner Seite. Den linken Jungs blieb nichts anderes übrig, als sich bedröppelt zu schleichen. Das Transparent blieb derweil hängen. So viel Liberalität musste sein.

Westerwelle polarisierte. Seine Energie wirkte auf manche zu laut, zu aufdringlich, gerade in seinen frühen Jahren an der FDP-Spitze. Da ließ er es sich nicht nehmen, 2002 als Kanzlerkandidat seiner Partei anzutreten – mit Guidomobil und 18-Prozent-Schuhsohlen. Die Quittung bekam er am Wahltag. Doch Westerwelle kämpfte weiter – bis er die FDP sieben Jahre später in die lang ersehnte schwarz-gelbe Koalition führte.

Für den linken Teil der Republik war Westerwelle jedoch nicht nur wegen seiner Lautstärke eine regelrechte Hassfigur. Wie kaum jemand sonst verkörperte er den neoliberalen Zeitgeist. Steuern runter, Ausgaben kürzen: Für dieses Programm stand die FDP unter seiner Ägide. „Es gibt kein Recht auf staatlich bezahlte Faulheit“, sagte er einmal. Nachdem er seine Partei 2009 mit dem besten Wahlergebnis ihrer Geschichte in die Bundesregierung geführt hatte, brachte er den deutschen Sozialstaat mit „spätrömischer Dekadenz“ in Verbindung. Später bereute er diese Aussage.

Der Wahlsieg war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für Westerwelle. Er griff nach dem Amt des Außenministers, wollte an die FDP-Tradition Walter Scheels und Hans-Dietrich Genschers anknüpfen. Doch zunächst fremdelte er mit der neuen Aufgabe. Immer wieder unternahm er Ausflüge in die Innenpolitik, denn die Union verweigerte ihm die gewünschten Steuersenkungen, mit denen die FDP in den Wahlkampf gegangen war. Zwischen Schwarz und Gelb knirschte es. Es war die Zeit von Gurkentruppe und Wildsau. Der Frust kam schnell auch in der Partei an.

Schließlich wandte sich die FDP gegen Westerwelle. 2011 gab er nach zehn Jahren den Vorsitz ab und stürzte sich ganz in die Außenpolitik. Dass Deutschland sich im Uno-Sicherheitsrat zur Frage einer Militärintervention in Libyen enthielt, ging auf Westerwelle zurück. Es war eine Entscheidung, für die er viele Prügel einstecken musste, doch Westerwelle war von ihr überzeugt. Zum Ende seiner Amtszeit hin bescheinigten ihm endlich auch seine Kritiker, dass er ein Außenpolitiker von Format geworden war.

Nur wenige Monate später dann der Schock: Westerwelle ließ sich wegen Schmerzen im Knie untersuchen, doch im Krankenhaus diagnostizierten sie Leukämie. Westerwelle zog sich zunächst aus der Öffentlichkeit zurück, später ging er offen mit seiner Krankheit um, gab große Interviews und schrieb mit dem ehemaligen Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann ein Buch, das auch eine Liebeserklärung an Westerwelles Mann Michael Mronz war.

Seine Homosexualität hatte Westerwelle früh angedeutet. Bereits 1999, zwei Jahre vor Klaus Wowereits „und das ist auch gut so“ hatte er sich für das SZ-Magazin im weißen Anzug in einer Gondel in Venedig fotografieren lassen – eine Anlehnung an Thomas Manns Gustav Aschenbach. Seinen Partner Mronz stellte er der Öffentlichkeit auf seine Weise vor – indem er ihn zum 50. Geburtstag von Angela Merkel mitbrachte. Am Freitag veröffentlichte Westerwelles Stiftung ein Foto der beiden auf ihrer Webseite. „Wir haben gekämpft. Wir hatten das Ziel vor Augen. Wir sind dankbar für eine unglaublich tolle gemeinsame Zeit. Die Liebe bleibt“, steht daneben geschrieben.

Am 18. März verstarb Guido Westerwelle. Er wurde 54 Jahre alt.

00:17 19.03.2016
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