Die Formel der Macht

Eventkritik In seinem neuen Buch über Macht porträtiert Politikwissenschaftler Gerd Langguth die Schwergewichte Kohl, Schröder und Merkel. Die Präsentation übernahm ein Leichtgewicht

Es ist schon eine unwahrscheinliche Personalie, für die sich Gerd Langguth da entschieden hat. Um sein neues Buch „Kohl, Schröder, Merkel – Machtmenschen“ vorzustellen, wählte der Politikwissenschaftler ausgerechnet Georg Milbradt, sächsischer Ministerpräsident a.D. – und Antithese zu den drei oben genannten Alphatieren der deutschen Politik.

Milbradt musste vor ziemlich genau einem Jahr seine Ämter aufgeben, weil er in seiner Zeit als sächsischer Finanzminister Kredite von der Sachsen LB in Anspruch genommen hatte – eben jener skandalgeschüttelten Landesbank, die er selbst mit angeschoben hatte. Nicht gerade Watergate in Dresden, eher ein Vorgang mit Geschmäckle. Doch er reichte aus, um Milbradt aus dem Amt zu kegeln – trotz einer Landes-CDU ohne ausgeprägten Widerspruchsgeist und einem Koalitionspartner SPD, der in Sachsen nur zehn Prozent der Stimmen holt. Eins ist sicher: Kohl, Schröder oder Merkel wäre das nicht passiert.

Doch was unterscheidet die großen Tiere der bundesrepublikanischen Politik von Menschen wie Milbradt, dem sein Amtsvorgänger Kurt Biedenkopf mit auf den Weg gab, er sei „ein exzellenter Fachmann, aber ein miserabler Politiker“? Langguth will in seinem Buch die Antwort gefunden haben: Macht ist die öffentliche Wirkung eines Politikers multipliziert mit seinen Einfluss auf Personalentscheidungen zum Quadrat. Kurz: M = Ö x P2. So glaubt Langguth den Einfluss von Politikern mathematisch darstellen zu können. Milbradt scheint da etwas weniger enthusiastisch: „Ob dieses Buch eine Anleitung zur politischen Karriere ist, müssen Sie selbst entscheiden“, sagt er am Ende seiner Einleitung.

Doch folgt man Langguths Politikerbild, dann hat auch Milbradt zumindest versucht, ein Machtmensch zu sein. „Wer einmal Macht hat, der gibt sie in der Regel freiwillig nicht mehr her“, sagt der Politikprofessor, während der ehemalige Landesvater betont entspannt an allen Augenpaaren im vollbesetzten Raum vorbei schaut. Überhaupt will sich Milbradt nicht festnageln lassen. Fragen nach seinem eigenen Abgang vor ziemlich genau einem Jahr umschifft er, wo er nur kann. Er schweift weit ab, spricht über die großen Leitlinien und Träume von Politikern im Allgemeinen, die dann aber doch für den Machterhalt geopfert werden. Nur einmal hält er seine Ausweichtaktik nicht durch. „Der eigentliche Moment des Machtverlusts schmerzt natürlich“, ringt er sich schließlich ab.

Bei Milbradt ist das Ö unterentwickelt

Hier zeigt sich wieder, an welcher Variable in Langguths Formel Milbradt gescheitert ist. Das Ö ist bei ihm schlicht unterentwickelt – und scheinbar auch der Trieb, es weiter auszubauen. Als er nach Machtmenschen in der sächsischen Politik gefragt wird, bleibt er trocken-diplomatisch. „Für mich selbst und meinen Nachfolger will ich das nicht beantworten“, brummt Milbradt vor sich hin und erliegt nicht einmal jetzt der Versuchung, seinem Vorgänger und Intimfeind Kurt Biedenkopf noch einen mitzugeben. Nur bei der Frage, ob er als ehemaliger Konsument der Droge Macht nun auf Entzug sei, hellt sich sein Gesicht kurz auf: „Mir geht’s im Augenblick ganz gut“, sagt Milbradt – und wechselt sofort das Thema.

Und so unterstreicht er – vermutlich ungewollt – eine der zentralen Thesen in Langguths Buch: „Ohne öffentliche Wirkung kann kein Politiker erfolgreich sein“, schreibt Langguth. Diese Wirkung gesteht der Politikwissenschaftlern allen dreien seiner Anschauungsobjekte zu – auch Kanzlerin Angela Merkel. Selbst wenn er deren frühe Jahre in der Politik eine „wandelnde PR-Katastrophe“ nennt.

Mittlerweile jedoch treffe Merkel bei den meisten Themen den „Geist der Bevölkerung“. Nicht nur deshalb glaubt Langguth, dass sie noch lange Bundeskanzlerin bleiben wird. „Merkel kann mit allen Parteien außer der Linken koalieren“, sagt er. Insofern habe sie das Zeug dazu, in punkto Amtsjahren an ihren politischen Ziehvater Helmut Kohl heranzukommen. „Ich bin sicher, dass sie noch keine Pläne für eine Zeit nach ihrer Kanzlerschaft hat“, so Langguth. Als gelerne Physikerin ist Merkel das Arbeiten mit Formeln schließlich gewohnt.

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