"Ein Signal an die EU-Kommission"

Genmais Martha Mertens ist Gentechnik-Expertin des BUND und setzte sich aktiv für ein Verbot der genmanipulierten Maissorte MON 810 ein. Im Freitag-Interview erzählt sie, warum

Frau Mertens, Landwirtschaftsministerin Aigner hat den genmanipulierten Mais MON 810 verboten. Sind Sie jetzt zufrieden?

Natürlich begrüßen wir die Entscheidung – wir haben das Verbot schließlich lange gefordert. Der Verband und ich sind angetan, dass zumindest in diesem Fall die Interessen des Umweltschutzes und der Verbraucher über die einer einzelnen Firma gestellt wurden.

Warum sind Sie denn gegen den genmanipulierten Mais?

Der Mais soll durch die Manipulation resistent gegen Schädlinge gemacht werden – insbesondere gegen den Maiszünsler. Die Pflanze bildet deshalb ein Gift. Doch dieses Gift wirkt nicht so spezifisch, dass es nur den Maiszünsler treffen würde, sondern viel breiter. So gefährdet es auch andere Insekten und Organismen. Außerdem wird das Gift auch durch die Nahrungskette weitergegeben – es gefährdet so auch Organismen, die gar keinen Mais fressen.

Auch Menschen?

Das ist noch unklar. Es gibt zumindest Hinweise, dass der MON810 Mais auch negativ auf Säugetiere wirkt. Es gab Langzeitversuche mit Mäusen und Organanalysen, die nahe legen, dass es durchaus Effekte geben kann. Das ist allerdings nur ein Verdacht, aber deshalb fordern wir weitere, längerfristige Untersuchungen, damit auch nicht akute Effekte erfasst werden können.

MON 810 wurde zwischen 2006 und 2008 bereits in Deutschland angebaut. Wissen Sie aus dieser Zeit von Problemen durch den Anbau zu berichten?

Maispollen fliegt weiter als bislang angenommen. Doch die bisherige Datenlage zu ökologischen Wirkungen reicht nicht aus. Zwar hatte der damalige Landwirtschaftminister Horst Seehofer von der Firma Monsanto, die MON 810 herstellt, 2007 einen Monitoringplan gefordert, der ist jedoch nach Einschätzung der kritischen Verbände völlig ungenügend. Seehofer hatte ihn damals trotzdem akzeptiert. Mittlerweile hat Monsanto einen Monitoringbericht geliefert, aber wir halten diesen Bericht für unzureichend, da die von der Firma genannten Beobachtungsnetzwerke keine Daten für Umweltwirkungen von MON810-Mais liefern.

Deutschland ist nicht der erste Staat, der den genmanipulierten Mais verbietet. Auch Frankreich, Polen, Ungarn, Griechenland, Österreich und Luxemburg untersagen mittlerweile den Anbau. Was für Auswirkungen hat das deutsche „Nein“ Ihrer Meinung nach auf die EU, die MON 810 ja seit Jahren erlaubt?

Deutschland hat in der EU großes Gewicht. Es ist ja schließlich der größte Mitgliedsstaat. Das heutige Verbot schickt so ein Signal an die EU-Kommission, die Dinge kritischer zu behandeln. Außerdem bringt Deutschland viele Stimmen in die Gremien ein, wenn es künftig um weitere Zulassungen genmanipulierter Pflanzen geht. Da sind ja derzeit noch einige Verfahren in der Schwebe. Wir vom BUND hoffen nun, dass Deutschland auch hier eine kritischere Haltung als bisher an den Tag legt.

Die EU-Mitglieder sind sich was genmanipulierte Pflanzen angehen allerdings nicht einig. Noch im März haben fünf Staaten im Umweltministerrat gegen nationale Anbauverbote gestimmt – darunter auch der deutsche Nachbar Niederlande. Was bringt denn ein Anbauverbot in Deutschland, wenn auf der anderen Seite der Grenze genmanipulierter Mais angebaut werden darf und seine Pollen bis auf die gentechnikfreien deutschen Äcker fliegen?

Das lässt sich in der Tat nicht ausschließen. Da gab es ja auch in Bayern schon Proteste, als der genmanipulierte Mais hier noch erlaubt, in Österreich aber schon verboten war. Sicher, wenn niederländische Maisfelder direkt an der Grenze lägen, gäbe es da eine Gefahr. Die Debatte über Auskreuzungen wird intensiv geführt und war ein wichtiger Aspekt während des Streits um das Gentechnikgesetz. Das sieht heute einen Abstand von 150 bzw. 300 Metern zwischen Äckern mit genmanipulierten Maispflanzen und Mais auf herkömmlich bzw. biologisch bewirtschafteten Äckern vor. Die kritischen Verbände haben immer gesagt: Das reicht nicht. Wir fordern einen Mindestabstand von 1000 Metern.

Die EU-Kommission hat MON 810 im Jahr 1998 genehmigt. Schon damals gab es keine Mehrheit für den genmanipulierten Mais. Wieso konnte die Kommission ihn trotzdem erlauben?

Das hängt mit dem EU-Zulassungsverfahren zusammen. Die Kommission schlägt genmanipulierte Pflanzen zur Genehmigung den entsprechenden Gremien vor. Diese müssen dann mit einer qualifizierten Mehrheit entweder für oder gegen den Vorschlag stimmen. Doch die erforderliche Mehrheit liegt deutlich über der absoluten. Kommt im Ministerrat eine solche Mehrheit nicht zustande, wie 1998, entscheidet wiederum die Kommission, ob ihr eigener Vorschlag zugelassen wird. Sie hat noch nie dagegen entschieden.

Wie bewerten Sie die Rolle der Bundesregierung im Streit um MON 810?

Da will ich zunächst ganz klar festhalten, dass wir die Entscheidung von Frau Aigner natürlich unterstützen. Sie hat sich hier durchgesetzt – auch gegen Kabinettskollegen wie beispielsweise Forschungsministerin Schavan. Aber man muss auch festhalten, dass es diese Bundesregierung war, die im Jahr 2005 MON 810-Sorten erstmals zugelassen hat. Das war seinerzeit noch Herr Seehofer. Doch die Meinung der Bundesregierung hat sich hier anscheinend geändert – aufgrund neuer Erkenntnisse über Umweltwirkungen und vermutlich auch wegen des öffentlichen Drucks, insbesondere dem aus Bayern.

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