Julian Heißler
Ausgabe 0514 | 04.02.2014 | 10:30 15

Geiz ist ungeil

Landwirtschaft Der Bio-Boom wird ausgerechnet den Ökobauern zum Verhängnis, weil wir bei Lebensmitteln ständig sparen

Die Koppel ist fast leer, nur ein Bulle, zwei Kühe und ein Kalb kauen verlassen das karge Gras vom sandigen Boden ab. Gerald Kaltschmidt zuckt die Schultern: „Die Rinder sind das Hobby meines Sohnes“, sagt er. Kaltschmidt ist Biobauer. Seit über zwanzig Jahren betreibt seine Familie einen Hof in der brandenburgischen Lausitz. Das mit den Rindern hat sich nie gelohnt. „Für Biofleisch gibt es hier in der Region keinen offenen Markt“, so Kaltschmidt, „und auch in den großen Städten ist er ziemlich aufgeteilt.“

Kaltschmidt ist ein stämmiger Mann mit buschigem Schnauzbart und festem Händedruck. Ein langes Messer balanciert zwischen den beiden Enden des Hirschgeweihs, das hinter seinem hellbraunen Holzschreibtsich hängt. Er ist nicht die Art Mensch, die beim ersten Problem ans Aufgeben denkt. Trotzdem sagt er: „Ich weiß nicht, ob wir den Hof in dieser Form noch lange weiterführen können.“

Dass die Bio-Branche boomt, kann jeder sehen, der heute durch einen deutschen Supermarkt läuft. Die Kühlregale sind voll mit Siegeln, die ökologisch korrekten Anbau versprechen. Dafür sind die Deutschen bereit, viel Geld auszugeben – über sieben Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr. Nur in den USA ist der Markt für Bioprodukte noch größer. Das hat auch die Landwirtschaft verändert. Sieben mal so viele Bauern wie 1990 produzieren heute biologisch korrekte Produkte. Die ökologische Anbaufläche hat sich seitdem mehr als verzwölffacht. Doch die wirtschaftliche Situation zahlreicher Biobauern ist trotzdem angespannt.

Die Preise sinken

Gerald Kaltschmidts Hof ist einer der größeren privat geführten in der Lausitz. 1050 Hektar bewirtschaftet er mit seinen beiden Söhnen und zwölf Angestellten. Die Felder, die sie bestellen, liegen bis zu zwanzig Kilometer auseinander. In Preschen, einem kleinen Dorf unweit von Cottbus, hat das Familienunternehmen seinen Hauptsitz.

Meterhoch türmen sich die Bio-Roggenkörner in der düsteren Lagerhalle auf. „Wir haben die Ernte vom vergangenen Jahr noch nicht komplett verkauft“, so Kaltschmidt, „auch von 2012 haben wir noch was.“ Roggen ist das Hauptprodukt auf Kaltschmidts Hof. Der Boden in der Lausitz ist nicht sehr ertragreich. Roggen ist eines der wenigen Getreide, die hier gut wachsen. Doch Geld lässt sich damit kaum mehr verdienen.

„Die Preisentwicklung ist dramatisch“, sagt Kaltschmidt. „Vor einigen Jahren bekamen wir für 100 kg Roggen 35 Euro. Heute sind es noch 20 Euro.“ Zum Vergleich: konventionell angebauter Roggen bringt auf dem freien Markt derzeit etwa 15 Euro. Mit diesen fünf Euro Preisunterschied lassen sich die die höheren Kosten, die ein Ökofarmer für seine Produktion hat, nicht mehr ausgleichen. Während ein Biobauer Unkraut sorgsam mit Maschinen entfernen muss, kann ein konventioneller Landwirt einfach Pestizide über seine Felder sprühen. Das ist nicht besonders aufwändig und außerdem deutlich billiger. Kunstdünger, für Biobauern streng verboten, macht den Boden zudem viel ertragreicher. In etwa das Doppelte an Roggen könnte Gerald Kaltschmidt seinen Schätzungen zu Folge wohl ernten, wenn er auf das Biosiegel verzichten und nicht mehr ökologisch korrekt anbauen würde.

Trotzdem entschloss sich die Familie dagegen: „Das würde riesige Investitionen für uns bedeuten, da wir viel neue Technik bräuchten. Das Risiko ist zu groß“, sagt er.

Viele andere Biobauern gehen dieses Risiko jedoch ein. Laut einer Studie des Thünen Instituts stellen jährlich mehr als 400 Biobauern auf konventionelle Anbauweisen um. Fast 200 geben ihren Betrieb komplett auf. Statistisch gesprochen stehen zehn neuen Biobauern vier Rückumstellern und zwei Betriebsaufgebern gegenüber.

Paradoxerweise ist es ausgerechnet die hohe Nachfrage, die den deutschen Biobauern die Preise verhagelt. Der Umsatz ökologischer Waren hat sich in Deutschland seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Der Zuwachs an ökologisch genutzten Anbauflächen konnte mit diesem Boom nicht annähernd Schritt halten. Neues Land für die biologische Landwirtschaft zu gewinnen ist in den vergangenen Jahren teuer geworden. Das staatlich massiv geförderte Biogas hat konventionellen Landwirten eine neue, rentable Einnahmequelle eröffnet, die den Kauf- und Pachtpreis für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe treibt.

Um trotzdem genug Bio-Lebensmittel in den Supermärkten zu haben, importieren viele Händler die Waren – überwiegend aus Staaten, die im Zuge der Osterweiterung der EU beigetreten sind. So stiegen beispielsweise die Bio-Anbauflächen in Polen und dem Baltikum seit 2004 um 300 bis 500 Prozent. In Deutschland erhöhte sich die Fläche im selben Zeitraum nicht einmal um ein Drittel.

Nächster Kostenschub

Zwar werden auch in den neueren EU-Mitgliedsstaaten die strengen Bio-Standards der EU-Kommission eingehalten und kontrolliert, doch durch die niedrigeren Löhne und billigeren Pachtpreise kann auf den neuen Feldern deutlich billiger produziert werden als hierzulande. Die günstigen Bioprodukte werden dann nach Deutschland, Frankreich, Österreich oder in die Schweiz exportiert. Auf ihren Heimatmärkten spielt Bio dagegen so gut wie keine Rolle. Zahlen des Bundes der ökologischen Lebensmittelwirtschaft zu Folge geben Letten und Litauer pro Kopf jährlich nur zwei Euro für Bio-Lebensmittel aus. In Polen sind es drei Euro. In Deutschland sind es hingegen 81.

Die günstigen Importe machen den deutschen Biobauern das Leben schwer. Denn wenn es um Nahrungsmittel geht, achten die Deutschen traditionell besonders auf den Preis. Die Herkunft spielt eine geringere Rolle – insbesondere wenn auch das Bio-Ei aus Lettland das gleiche EU-Biosiegel trägt, wie eins aus der Nachbarschaft. Den Preiskampf bekommt auch Gerald Kaltschmidt zu spüren. Neben dem Roggenanbau betreibt er eine Schäferei auf seinem Hof. Viel Geld ist jedoch auch damit nicht zu verdienen: „Den Kunden ist es oft egal, ob sie ein Biolamm kaufen oder ein konventionelles. Die Deutschen wollen eben nicht viel Geld für Lebensmittel ausgeben. Da ist die Geiz-ist-geil-Mentalität am Werk.“

Um sich vor den Importen zu schützen, können Lebensmittelproduzenten sich seit neustem um das so genannte Regionalfenster bemühen. Dieses Siegel soll auch in verarbeiteten Produkten nachweisen, dass alle Zutaten aus der Region kommen. Eine Testphase im vergangenen Jahr war erfolgreich. 80 Prozent der befragten Kunden und Händler unterstützen das Siegel. Ob die Kunden dann auch in großer Zahl bereit sind, Preise zu bezahlen, die den deutschen Biobauern das Überleben sichern, bleibt allerdings abzuwarten.

Derzeit jedenfalls sind staatliche Subventionen für viele Biobauern das wichtigste Instrument, um die sinkenden Preise auszugleichen. Sie spielen eine große Rolle in der Kalkulation der Betriebe. Rechnet man die staatlichen Zuschüsse aus den Bilanzen der Biohöfe heraus, liegt ihr durchschnittlicher Gewinn schon heute unter denen eines vergleichbaren, konventionellen Hofes.

Wie sich die Subventionen weiterentwickeln werden, ist unsicher. Insbesondere die klammen Landesregierungen haben ein Auge auf die Förderung geworfen. Brandenburg hat die Subventionen für die Umstellung von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft bereits gestrichen.

Währenddessen bereiten sich die Landwirte bereits auf den nächsten Kostenschub vor. Der angekündigte Mindestlohn ist vielen ein Dorn im Auge. Regionale Bauernverbände wehren sich gegen die angekündigten 8,50 Euro. Auch Gerald Kaltschmidt ist dagegen: „Ich zahle meinen Angestellten branchen- und ortsübliche Löhne. Die liegen aber deutlich unter dem, was diskutiert wird.“ Sollte der Mindestlohn kommen, werde er seinen Hof in der jetzigen Form nicht mehr weiterführen können, sagt er. „Dann machen meine Söhne und ich das allein. Als Familienbetrieb können wir überleben. Aber meine zwölf Angestellten muss ich dann rausschmeißen.“



AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/14.

Kommentare (15)

Tao Traveller 04.02.2014 | 13:37

"... Die Deutschen wollen eben nicht viel Geld für Lebensmittel ausgeben ...". Wer will freiwillig mehr Geld als noetig fuer irgend etwas ausgeben? Warum sollten wir das wollen?

Warum sollen wir nicht Bio-Produkte aus anderen EU-Laendern mit niedrigeren Produktionskosten und Angebotspreisen kaufen?

Muessen wir stattdessen fuer deutsche biologische Produkte durch Akzeptanz hoher Erzeugerpreise "spenden" - als zahlende Kunde bzw. subventionierende Steuerzahler?

Zeitgemaesse Bauern handeln unternehmerisch, sie entziehen sich dem nicht durch blosse Einforderung hoeherer Subventionen.

Dersu Usala 04.02.2014 | 14:33

Warum sollen wir nicht Bio-Produkte aus anderen EU-Laendern mit niedrigeren Produktionskosten und Angebotspreisen kaufen?

Weil die Landschaft, durch die ich am Sonntag radele, eine ungiftige sein soll. Schon mal beim Picknick die Giftspritze vorbeifahren sehen. Hm, Lecker. Andere Länder sollen auch Bio haben, klar. Für den Spaziergänger in Litauen ist es vielleicht besser, wenn wir lettischen Bio-Roggen kaufen, okay.

Zeitgemaesse Bauern handeln unternehmerisch, sie entziehen sich dem nicht durch blosse Einforderung hoeherer Subventionen.

Das ist korrekt. Es aber legitim, die Umstellung auf giftarme Produktion staatlich zu fördern. Jedenfalls so legitim, wie die Energiewende zu fördern.

Das Problem von Bauer Kaltschmidt ist dem Artikel nach, dass er sich bei überregionalem Ansatz mit überregionaler Konkurrenz messen muss, darunter auch ausländische. Bei großeuropäischer Freizügigkeit sehe ich allerdings keine Lösung, wie er dem entkommen könnte. Ob sei Hektarertrag nun für beste Produktivität spricht, das weiß ich nicht. Bei 100 Hektar ist er aber gewiss kein Kleinbauer und muss überregional absetzen, zumal wenn keine Großstadt nebenan ist.

Kleine Höfe, kleinteilige Landschaft, kleinteilige Wirtschaft, könnte man nun ökoromantisch fordern. Ja, da mach ich mit!

antiklinale 04.02.2014 | 15:25

"'... Die Deutschen wollen eben nicht viel Geld für Lebensmittel ausgeben ...'.Wer will freiwillig mehr Geld als noetig fuer irgend etwas ausgeben? Warum sollten wir das wollen?"

Wenn es um technischen Schnickschnack oder sonstige Statussymbole geht, geben viele Leute mehr als genug Geld dafür freiwillig aus.

"Muessen wir stattdessen fuer deutsche biologische Produkte durch Akzeptanz hoher Erzeugerpreise "spenden" - als zahlende Kunde bzw. subventionierende Steuerzahler?"

Es sollte im Interesse von uns allen liegen, dass ökologisch verträgliche Landwirtschaft auch vor Ort unterstützt und ausgebaut wird. Gleiches gilt für eine angemessene Bezahlung der Angestellten, die nicht mehr möglich ist, wenn die Bauern vor Ort weniger verdienen, weil in Polen und Litauen das Preisniveau niedriger ist und wir diese Produkte vorziehen.

bernhard1964 04.02.2014 | 18:06

Ich verstehe, daß hierzulande viele Menschen knapp bei Kasse sind und den Euro öfters in der Hand umdrehen bevor sie ihn für etwas ausgeben. Was ich aber schwer begreife, sind die Menschen, die weder am Monatsanfang noch am Monatsende auf ihre Ausgaben achten müssen. Das ist die Konsumentengruppe die am wenigsten auf Qualität achten bzw. es sind diejenigen die sich die durchschittlich teureren Bio-Lebensmittel leisten könnten, dies aber nicht tun. Ausnahmen gibt es natürlich in beiden Konusumentengruppen. Generell kann man sagen, dass konventionelle Lebensmittel in Deutschland generell viel zu billig sind. Dies führt dazu, dass der Verbraucher unkritisch konsumiert - hauptsache billig. Nicht verbrauchtes wird dann auch schnell mal sorglos vernichtet. Ein großes Problem sind auch die Mindesthaltbarkeitsdaten (MHD). Da besteht dringender Handlungsbedarf von Seiten des Handels, der Industrie sowie der Politik. Die Ablaufdaten vieler Produkte sind oft viel zu knapp datiert. Längere MHD´s wären da ein Schritt in die richtige Richtung.

Eberhardt 04.02.2014 | 22:10

Das Problem innerhald der EU sind die verschiedene Lohnkosten. Dann ist auch nicht normal, dass z. B. ein Jogurth 4000 km braucht, um bis zum dem Verbraucher zu landen. Das sind alles Umweltschäden. Die muss heute die Natur verkraften, weil die Logistikkosten nicht abschreckend genug sind, um die Bio und nicht Bioprodukte weltweit zu kutschieren. Weiterhin bezahlt der konventionnelle Bauer nicht genug für die Umweltschäden, die er mit den Pestiziden verursacht. Wer bezahlt denn, wenn die Bienen vom Imker verrecken oder er selbst Krebs davon bekommt? Und dann wird das industriellgehaltene Vieh mit all den Seuchen Europa weit transportiert. Eigentlich sollte die industrielle Landwirtschaft so abscheckend teuer sein, dass nur noch Kleinbetriebe sich lohnen sollte. Da braucht man dann keine Subventionen mehr. Wissen sie was die Subventionen bezahlen? Den teueren Traktor, die Pestizide, das Dündemittel, usw. Alles nur industrielle Erzeugnisse. Oft bleibt auch dem konventionnellen Bauer nicht mehr genug Einkommen! Und wenn die Leute nicht mehr ihr 600€ teueres I-Phone nicht mehr kaufen können, ist das gut für ihr Gehirn und ihre Gesundheit, weil sie dann gesünderes essen!

Von all dem wusste ich als ich vor 7 Jahre Bauer wurde. Mit meinen kümmerlichen 25.000€ konnte ich mir nur ein Gewächshaus, Brunnen, Zugpferd, 10 Schafe, einen kleinen Stall kaufen, um Gemüse zu erzeugen. Nach alle abgerechneten Kosten erwirtschafte ich zwar nur 700€/Monat, aber ich bin frei und ich habe so gut wie keine Konkurrenz, weil die industrielle Biogemüse (doch doch, das gibts) bei weitem nich so herrlich schmecken wie meine!

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Ehemaliger Nutzer 04.02.2014 | 22:25

Irgenwie scheint mir der Artikel weder Fisch noch Fleisch:

"... weil wir bei Lebensmitteln ständig sparen ..."

Eine leider oft wiederholte Plattitüde. Man mag darin auch eine indirekte Aufforderung zu weiterer Preistreiberei sehen, wie sie nach der Einführung des Euro stattfand [über 12 Jahre wären manche Lebensmittel gemäß der Inflationsrate ungefähr um insgesamt 40% teurer geworden, tatsächlich wurden sie um bis zu 150% teurer]. Heute ist man mittlerweile daran gewöhnt worden, dass Lebensmittelpreise nicht um 3-5% erhöht werden sondern um 10-20-30%, und zwar ohne jegliche betriebswirtschaftliche oder volkswirtschaftliche Begründung.

Man gucke hier: Supermarktmacht

"... Die Kühlregale sind voll mit [Lebensmitteln mit]Siegeln, die ökologisch korrekten Anbau versprechen. Dafür sind die Deutschen bereit, viel Geld auszugeben ..."

"... Denn wenn es um Nahrungsmittel geht, achten die Deutschen traditionell besonders auf den Preis. ..."

Vielleicht muss man einmal die Veränderungen in der Landwirtschaft in den letzten 60 Jahren betrachten. Es gab und gibt einen Rückgang an kleinen Höfen. Lebensmittel werden heutzutage von deutlich weniger Betrieben angebaut als früher. Die Betriebe sind mechanisiert, maschinisiert und automatisiert, ebenso die weiterverarbeitenden Betriebe und auch der Handel. Deshalb kann kostengünstig produziert und weiterverarbeitet sowie vertrieben werden. Den Reibach stecken die Großhändler und die Supermarktketten ein. Die anbauenden Betriebe und die kaufenden Bürger haben in der Regel davon nichts. Denn die Supermarktketten haben in den letzten 50 Jahren (beispielsweise die Discounter, die nach dem von Aldi eingeführten Prinzip arbeiten) den normalen Einzelhändlern den Garaus gemacht. Jetzt teilen die Supermarktketten den Markt ohne große Konkurrenz unter sich auf. Man achte nämlich mal auf die Preise bei verschiedenen Anbietern, dann stellt man fest, es gibt kaum Unterschiede. Wenn die Preise nach oben getrieben werden, beispielsweise durch Reduzierung der Inhaltsmenge bei gleichem Preis u.ä.m., dann geschieht das über Nacht bei allen Supermarktketten. Der Wettbewerb ist hier schon längst außer Kraft gesetzt.

Wer mit der angeblichen Geizigkeit der Deutschen argumentiert, soll doch bitteschön mal seine komplette Kalkulation offenlegen. Dann kann man die Kosten sehen und auch die Gewinne.

Über die Kosten bei der Massenproduktion, die deshalb eben nicht schlecht sondern im Gegenteil gut organisiert und kontrolliert ist, gucke man mal unter Skaleneffekte.

Dersu Usala 05.02.2014 | 12:32

Und in Sachsen sind es 160 ha im Schnitt. Das bei einer Fahrt durch die Lommatzscher Pflege etc. auch leicht zu sehen. 1050 ha., das ist nicht wenig, kleinteilige Landschaft ist da nicht naheliegend, obwohl man das an der bloßen Zahl natürlich nicht ablesen kann.

Das im Artikel enthaltene Bio-Dilemma ist also, dass der Mehrerlös für Bio den Mehraufwand nicht rechtfertigt, der Mehrerlös wird durch billige Importe aus anderen EU-Staaten geschmälert. Der höhere Mann-pro-hektar-Schlüssel bringt höhere Auswirkungen des Mindestlohns auf den Endpreis (das steht so nicht drin, aber ich denke es mal weiter) als bei konventioneller Landwirtschaft. Um dem zu entkommen, will der Bauer die Arbeiter entlassen und nur mit Familienmitgliedern arbeiten.

Lösung: Die Fläche, die er dann nicht schafft, könnten die ehemaligen Arbeiter als Selbständige bewirtschaften. Das bringt dann auch kleinteilige Landschaft, mehr Ackergrenzen, mehr Hecken, mehr Hasen! Das meine ich nicht so ganz ernst, zur Selbstausbeutung will ich ja niemanden verpflichten. Das Wissen, wie man als selbständiger Bauer arbeitet, ist in der DDR ziemlich verloren gegangen (worden), das ist schwer umzudrehen.

Eberhardt 05.02.2014 | 14:27

Zu erst einmal müssen vom rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt feststellen, dass die Landwirtschaft, ob bio oder nicht, massiv in den Kapitalismus eingespannt ist: Traktoren, Treibstoff, Automatisierung, Logistik von Input und Vermarktung, usw. Weil sie selber nicht Tiere halten, kaufen auch viele Biobauern organische Düngemittel, die von weit herkommen.

Dann wollen kaum Menschen körperlich arbeiten und noch weniger sich die Hände "schmutzig" machen, ob in Ost- oder in Westdeutschland oder Frankreich, usw. Die ganze Medienindustrie hat uns in den Kopf gesetzt, dass es schicker sei in der Dienstleistungsbranche hinter einem Komputer an der Heizung zu hocken. Es ist zu bemerken, dass die Bauern es immer schwieriger haben zu heiraten. Wir sind in unserer westlichen Gesellschaft immer mehr von dem Realistätsprinzip der Erwirtschaftung der Grundbedürfnisse (Essen, Kleidung, Dach) abgeschnitten. Das betrifft ins Besondere die Intelligenz, die nichts in diesem Bereich produziert. Wie schon Marx so in etwa schrieb, sag mir von was du lebst, dann kenn ich deine Ideen.

Die einzige Lösung, um endlich diesem Realitätsprinzip gerecht zu werden und ökologisch und menschlich anzubauen und zu essen lautet : Gleichzeitig muss

- der Kapitalismus abgeschafft werden, mit samt der Hightech, die hauptsächlich den Kapitaleigner zugute kommt;

- Km-Steuer für alle Input und Erzeugnisse einführen;

- etwa 20 % der Erwerbstätigte müssten Nahrungsmittel für regionale Bedürnisse anbauen.

Dieses Thema beschäftigt mich seit 15 Jahren. Ich war selber "Chef" in der Industrie und habe mich für den schönen (klein)Bauernberuf entschieden. Der Intelligenz kann ich zum trost sagen, dass man morgens für die Grundbedürfnisse der Menschheit mit einfachster Technik arbeiten kann und nachmittags seinen Gedanken oder was auch immer nachgehen kann.

Wer macht mit?

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2014 | 15:43

Hauptsächlich liegt der Verfall der Biopreise nicht an den Verbraucher sondern an den Vermarktungsstrukturen über die Discounter, siehe Basic Biomärkte. Biomarken werden durch Billigbiodiscountermarken ersetzt, was der Grund dafür ist das die Preise nach unten gehen und das schadet letztendlich den Biobauern und somit den Bioerzeugnissen die irgendwann keine Bio mehr sein können weil man nicht mehr kostendeckend arbeiten kann. Auch da ist der Hintergrund klar der Lobbyismus und die Konzerne. Wenn ich mir alleine den Bauernverband anschaue der hauptsächlich Konzerne und Großbetriebe begünstigt auch über die EU-Richtlinien die nicht im Interesse der Verbraucher und Menschen sondern an den Expansionsbedürfnissen der Großaktionäre ausgerichtet sind. Eins dürfte doch wohl klar sein, das Konzerne wie Monsanto kein Interesse an Bio haben denn sie wollen das Monopol auf die Existenzbedürfnisse. Siehe dazu, es gibt kaum noch Futtermittel weltweit die nicht gentechnisch verändert sind. Und auch der große Fleischkonsum trägt dazu bei, denn man könnte sich genauso lecker vegetarisch ernähren und leckerer, wenn man ein wenig kochen kann, was aber durch eine einseitige Werbung die auch wiederum von Konzernen gesteuert wird und somit verhindert wird. Hinweis dazu, fast das gesamte Soja weltweit ist auf verbrecherischer Art und Weise heute schon gentechnisch Verändert. Alleine mit Soja, was super lecker ist, könnte man die Weltbevölkerung mit Eiweiß versorgen und die Massentierhaltung abschaffen aber wer kennt schon Sojafleisch wird nur im Biohandel angeboten. Auch diese Missstände sind nur möglich geworden durch Korruption weil Lobbyismus ist Korruption und einer gezielten Karriereförderung in der Politik die natürlich nur den Aufstieg von Politikern garantiert die reinen plappernden Mitläufer sind. Damit garantieren die Großaktionäre das sich nur das durchsetzt was sie wollen so einfach und lächerlich ist das!!!!

Auch das Wirtschaftssystem das sich nur über den Preis regelt ist lächerlich da es sich nicht an den Arbeitsbedingungen und der Umwelt orientiert daher ist die Zerstörung bis hin zum Klimawandel vorprogrammiert und gewollt. Die Zerstörung ist nichts anderes als das Realwerden der negativen bösartigen Gesinnung der Verursacher. Und ich denke mal wir alle spüren, dass etwas aus dem Gleichgewicht gekommen ist!!!

Heinz Lambarth 05.02.2014 | 18:15

Allen, die eine verbindung von lebensmittelpreis und kapitalismus vermuten, muss recht gegeben werden.

Nichts entspringt hier - wenn es um reproduktionskosten geht - dem zufall; nicht das elend der bauern, die um die denkung ihrer produktionskosten mit den nahrungsmittelkonzernen feilschen (siehe milchpreis), noch die relative niedrigkeit der lebensmittelkosten insgesamt.

Seit der einführung des EURO sind diese kosten "nur" von 100 (2001) auf ca. 140 (2013) gestiegen; während sich die gaststättenpreise bereits 2005 verdoppelt hatten (2001 und 2005 kostete eine gulaschsuppe etwa dasselbe nur einmal in DM und einmal in EURO). Bei autos und anderen (industrie)produkten sieht es ähnlich aus. Nur bei lebensmitteln nicht - weil sonst die einführung eines niedriglohnsektors nicht möglich gewesen wäre!

Das mysterium niedriger lebensmittelpreise ist die kehrseite der dt. exportweltmeisterschaft qua "lohnzurückhaltung".

Schliesslich noch ein gedanke zu "bio" - wenn es um die unverarbeiteten produkte vom "hof" geht, ist der unterschied zwischen "bio" und "normal" sehr gering; die standards sind in beiden bereichen sehr hoch. Der unterschied entsteht durch die verarbeitung - und hier verdienen nicht die bauern, sondern die industrie. Ergo: wir brauchen keine bio-bauern, sondern die zerschlagung des lebensmittel-industriellen-komplexes und kostendeckende preise ... auch wenn dann die exportweltmeisterschaft perdu sein sollte!