Gemeinsam gegen Supermächte

Allianz Nie war man sich einiger als zwischen 1945 und 1990, dokumentiert Heinrich August Winkler im dritten Band seiner „Geschichte des Westens“
Gemeinsam gegen Supermächte
Zur Schau getragene transatlantische Einigkeit: Ronald Reagan mit Margaret Thatcher 1984

Foto: AFP / Getty Images

Oberflächlichkeit kann man ihm kaum unterstellen. Zwar handelte der emeritierte Professor für Neueste Geschichte in seinem ersten Band der Geschichte des Westens die Zeit von der Antike bis zur französischen Revolution auf ein paar hundert Seiten ab, doch mit dem zweiten Band, der die Zeit der Weltkriege umfasst, hat sich Heinrich August Winklers Untersuchung zu einem unglaublich detaillierten Buch entwickelt, das fast schon den Charakter eines Nachschlagewerks hat. Das gilt auch für den jetzt erschienenen dritten Teil, der die Geschichte des Westens von der Nachkriegszeit bis 1991 beschreibt. Wieder ist es ein Werk von mehr als 1.000 Seiten. Der Mann achtet auf Details.

Nun ist es natürlich unmöglich, den Kalten Krieg und seine globalen Auswirkungen zu schildern, ohne auch hinter den Eisernen Vorhang, in den Nahen Osten, nach Afrika oder nach China zu blicken. Winkler versucht das auch gar nicht. Seine Geschichte des Westens ist Weltgeschichte. Sein Westen ist kein regionaler Begriff, sondern ein normativer, der sich auf das lateinische Erbe Europas bezieht, aus dem eine Trennung von Staat und Kirche und schließlich Reformation und Aufklärung bis hin zur französischen Revolution und der Deklaration der Menschenrechte folgen. Winkler nimmt in seinen Beschreibungen die Perspektive des in diesem Sinne westlichen Beobachters ein. Da ist er transparent, aber auch nicht unkritisch. Er lässt auch die schmachvollen Momente der westlichen Geschichte nicht außen vor.

Winklers Darstellung des unmenschlichen Regimes westlicher Staaten in den Kolonien war bereits in den vorangegangenen Bänden schmerzhaft zu lesen. Auch im dritten Band, der sich auch der Dekolonialisierung widmet, ist ein Urteil eindeutig: „An die Regeln der humanitären Kriegsführung und an die Europäische Menschenrechtskonvention fühlten sich die Briten genauso wenig gebunden wie die Franzosen in Algerien“, heißt es dort, „an den normativen Werten des Westens hielten London und Paris grundsätzlich fest – in der Praxis aber nur, soweit sie es mit sogenannten ,zivilisierten‘ Völkern zu tun hatten.“

Im Zentrum des Buchs steht aber natürlich der Antagonismus der westlichen Staaten auf der einen Seite und der UdSSR auf der anderen. Hier sieht Winkler den Westen zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit in einer geschichtlichen Ausnahmesituation. Die Zeit zwischen Ausbruch des Ersten und Ende des Zweiten Weltkriegs sei eine von „Kriegen, Krisen und Katastrophen“ gezeichnete gewesen, die wohl nur mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleichbar sei, erklärte Winkler bei der Buchpräsentation in der Französischen Friedrichstadtkirche Berlin. Die Nachkriegszeit kehrte das um, nie zuvor habe der „transatlantische Westen so sehr eine Einheit gebildet wie in den viereinhalb Jahrzehnten zwischen 1945 und 1990“, auch wenn durch die Beschlüsse der Siegermächte auf der Konferenz von Jalta Teile des alten, lateinischen Europas wie etwa Polen und das Baltikum von dieser Kooperation ausgeschlossen waren.

Für die europäischen Staaten änderte sich dadurch einiges – auch in ihrem Selbstverständnis. Durch den unbestrittenen Hegemon im westlichen Bündnis, die Vereinigten Staaten von Amerika, waren die ehemaligen europäischen Großmächte gezwungen, gemeinsam zu agieren, wenn sie trotz der US-Übermacht eine gewisse Handlungsfreiheit wahren wollten. Winkler sieht dies als einen der Ausgangspunkte für die Bildung überstaatlicher Institutionen wie der Europäischen Gemeinschaft. Der Nationalismus hätte in Europa seine Integrationskraft verloren. Inwieweit Winkler diese These etwa mit Blick auf die aktuelle Ukraine-Krise auch heute noch für gültig hält, wird man im nächsten Band nachlesen können, der im Frühjahr 2015 erscheinen soll.

Rückschlüsse auf Winklers Haltung zu aktuellen Entwicklungen lassen sich aus der Lektüre der bislang vorliegenden fast 4.000 Seiten nicht ziehen. Der Ansatz ist beschreibend bis ins Detail, nicht diskursiv, Winkler arbeitet sich tief in die inneren politischen Prozesse ein. Wer noch einmal die Umstände des Sturzes von Margaret Thatcher oder in Italien unter Craxi nachlesen will, der ist hier genau richtig. Wer ein über Politik und Wirtschaft hinausgehendes Porträt der westlichen Gesellschaft sucht, dürfte enttäuscht sein. Kulturelle Themen etwa finden wie schon in den beiden ersten Teilen nur statt, wenn sie sich in direktem Bezug zur politischen Situation befinden. Man könnte auch sagen, sie werden vernachlässigt. Man kann Heinrich August Winkler das nachsehen. Seine Perspektive ist eben eine andere, und es wäre sowieso schon kaum möglich gewesen, noch mehr zwischen zwei Buchdeckel zu pressen.

Geschichte des Westens. Vom kalten Krieg zum Mauerfall Heinrich August Winkler C.H. Beck 2014, 1.258 S., 39,95 €

06:00 05.11.2014
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