Kleine Scherbenlese

1. Mai Es gibt wieder Bilder, die die Polizei vermeiden wollte. Doch die Prophezeihungen vom großen Ausbruch der Gewalt am 1. Mai haben sich nicht bewahrheitet

Wenn heute um 13 Uhr Berlins Innensenator Erhard Körting (SPD) die Bilanz des 1. Mai verkündet, wird es viele schlechte Nachrichten geben. Die Zahl der Verletzten dürfte bei Polizei und Demonstranten höher liegen, als in den Jahren zuvor. Überraschen kann das allerdings niemanden. Seit Wochen gab es Befürchtungen, der 1. Mai könnte in diesem Jahr wieder deutlich an Fahrt aufnehmen – nachdem es in den letzten Jahren relativ ruhig geblieben war.

Ja, es wird schlechte Nachrichten geben. Die Prophezeiungen einiger Offizieller und Medien haben sich aber nicht bewahrheitet. Von einem „Blutmai“ wurde das geschrieben – ein Verweis auf die schweren Unruhen im Jahr 1929, als 33 Menschen zu Tode kamen. Andere riefen nach Demonstrationsverboten und Teile der Presse verfielen in eine Rhetorik, die man seit den „Rote SA“- Entgleisungen aus der Zeit der Studentenproteste in den Sechzigern nicht mehr gehört hat.

Diese Warnungen waren übertrieben. Zwar dauerte es keine zwei Minuten, bis es nach dem Start der „Revolutionären 1. Mai“-Demonstration zu ersten Flaschenwürfen auf Polizisten kam, doch die Ausschreitungen erreichten nie die Heftigkeit, wie beispielsweise vor gut einem Monat beim NATO-Gipfel in Straßburg. Die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei waren zwar intensiv, doch von gelegentlich beschworenen bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen weit entfernt. Es flogen Steine und Flaschen und es brannten Mülltonnen. Die Revolution, wenn sie denn kommt, sieht vermutlich anders aus.

Überhaupt muss die Frage erlaubt sein, wie viel der Gewalt politisch motiviert war. Während des Protestzug war es zwar noch eindeutig der Schwarze Block, der die Polizei angriff, doch nachdem die Demonstration am Kottbusser Tor aufgelöst worden war, kamen die Angriffe zunehmend auch aus anderen Richtungen: Angetrunkene Anwohner, Krawalltouristen und Schaulustige zündeten hier kleine Feuer an und ließen immer wieder Flaschen auf die Polizisten regnen. Von schwarz vermummten Demonstranten war hier kaum noch etwas zu sehen. Begleitet wurden die Angriffe von lauten „Haut ab!“-Rufen der umstehenden Menschen, wann immer die Polizei eingriff. Es konnte sich das Gefühl einstellen, der ganze Bezirk solidarisiere sich mit den Ausschreitungen.

Die Polizei jedenfalls wird in Kreuzberg so schnell keinen Popularitätswettbewerb gewinnen. Rund 5.000 Beamten aus ganz Deutschland waren im Einsatz, doch Masse allein macht noch keinen guten Polizeieinsatz. Die vergangenen Jahre hätten Vorbild sein müssen: Damals hielt sich die Polizei zurück, war wenig sichtbar. Wenn es dann zu Ausschreitungen kam, griff eine kleine Gruppe Polizisten direkt zu und zog die Krawallmacher aus dem Verkehr, ohne die anderen Demonstranten oder Besucher besonders zu stören. Diese Deeskalationstaktik war erfolgreich. Gestern wurde sie nicht angewendet.

Ein Beispiel: Als gegen Mitternacht ein offensichtlich betrunkener junger Mann ein Stück Pappe auf ein schon brennendes Feuer wirft, stürzen sich sofort sechs Polizisten in voller Kampfmontur auf ihn. Dabei schubsen sie unbeteiligte Menschen zur Seite und reißen schließlich den jungen Mann zu Boden. Verhältnismäßigkeit lässt sich mit solchen Aktionen schlecht suggerieren. Die Polizei wollte gestern scheinbar Stärke zeigen, wirkte dabei jedoch unkoordiniert. Das verschärfte die ohnehin schon angespannte Lage nur noch weiter.

Und so gibt es nun die Bilder, die die Polizei doch eigentlich vermeiden wollte: Verletzte Bürger, abgebrannte Mülltonnen, Glasscherben überall. Kreuzberg ist in diesem Jahr bei der Bewältigung des 1. Mai um einige Jahre zurück gefallen.

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