Spirale der Gewalt

Protest Beim NATO-Gipfel schaukeln sich Polizei und Demonstranten gegenseitig so lange hoch, bis der große Knall unausweichlich wird

Der alte Mann schüttelt nur den Kopf: „Das ist doch Wahnsinn“, sagt er und zeigt auf eine schwarze Rauchsäule, die einige hundert Meter hinter ihm aufsteigt. Die Polizei habe die Demo schon eingekesselt, bevor sie überhaupt richtig angefangen habe. „Wir machen, dass wir hier weg kommen. Wer da einmal drin ist, kommt nicht mehr raus“, murmelt er vor sich hin. Der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er die Straße weiter stapft – nur weg von den Sirenen, der Randale und dem Feuer.


Er ist einer der wenigen, der am Samstagnachmittag von den Rauchschwaden und dem Tränengas über den Außenbezirken von Straßburg überrascht ist. Der große Knall hatte sich angekündigt. Zu groß war der Druck geworden, der sich zwischen Polizei und Demonstranten aufgebaut hatte.

Die Polizei zieht zuerst. Straßburg, das benachbarte Kehl und Baden-Baden werden für den NATO-Gipfel hermetisch abgeriegelt. Wer in den Augen der Staatsgewalt „verdächtig“ aussieht, muss wieder und wieder lange Kontrollen über sich ergehen lassen. Das Schengen-Abkommen ist außer Kraft, die Bewegungsfreiheit von friedlichen Demonstranten massiv eingeschränkt.

Sind die Protestierer dann einmal in Straßburg angekommen, tut die Polizei alles, um sie aus der Stadt fernzuhalten. Ihr Camp muss am Rand eines Vororts aufgebaut werden. Als es zu ersten kleinen Zusammenstößen kommt, schlägt die Polizei sofort zurück. Sie zieht nahe dem Camp ihre Truppen zusammen. Eine klare Drohung. „Wir hatten richtig Angst“, sagt einer aus der Camporganisation am nächsten Morgen. Andere sind nicht nur erschrocken, sie sind sauer.

„Wir können Gewalt nicht tolerieren“, ruft einer der Organisatoren des Protests am Freitag in eine vollbesetzte Sporthalle irgendwo im Niemandsland um Straßburg. Hier, weitab vom NATO-Treffen in der Innenstadt, findet der Gegengipfel statt. Rund läuft es nicht. Bald stellen die öffentlichen Verkehrsmittel den Betrieb ein, die Kontrollen in der Stadt sind weiter verschärft worden. Auch der Straßenverkehr stockt.

Für den Gegengipfel bedeutet das massive Einschränkungen. Die erwarteten Sprecher kommen nicht durch. Alles verzögert sich. Zeitgleich reisen die NATO-Delegationen unbehelligt im idyllischen Baden-Baden an. Wieder ein bisschen mehr Druck auf dem Kessel.

Zur Eskalation am nächsten Tag kommt es, weil beide Seiten sich nicht zurückhalten. Militante Demonstranten demolieren schon auf dem Weg zum Sammelpunkt eine Tankstelle. Sie greifen ein amerikanisches Delegationsauto an, das sich in die Demo verirrt hat. Sie legen Feuer in mehreren Häusern und bauen brennende Barrikaden auf.

Die Polizei wiederum greift ohne Rücksicht an – und zwar nicht nur die Militanten. Sie schießt Tränengas und Schockgranaten in den friedlichen Demonstrationszug. Sie feuert mit Gummigeschossen auf Menschen, die mit erhobenen Armen auf sie zukommen und nur noch rauswollen aus dieser kriegs­ähnlichen Situation. Die Polizei will auch den legitimen, friedlichen Protest verhindern – und schürt so neue Aggressionen bei ihrem Gegenüber.

Am Ende gibt es nur Verlierer. Zehntausende Polizisten konnten Straßburg nicht sichern, die überwiegend friedlichen Demonstranten hingegen haben es nicht geschafft den NATO-Gipfel effektiv zu stören. Schlimmer noch: Am Tag danach ist nicht ihr Ruf nach Frieden im Gedächtnis geblieben, sondern der schwarze Rauch über Straßburg.

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