Urlaub für alle

Alltagskommentar Im Sommerloch darf man sich etwas gönnen. Einen Vorschlag für Reisegutscheine zum Beispiel. Hier zeichnet sich ein erstaunlicher Sinneswandel in unserer Gesellschaft ab
Julian Heißler | Ausgabe 33/2014
Urlaub für alle
Der Deutsche und sein Urlaub: Das war oft eine vom Neid getragene Beziehung

Foto: Samuel Aranda / AFP / Getty Images

Der Deutsche und sein Urlaub, das war schon immer eine ganz besondere Beziehung. Schon Kaiser Wilhelm II. wollte in den Tagen vor dem Ersten Weltkrieg bekanntlich nicht von seinem lange geplanten Trip nach Norwegen lassen und konnte so gut ausgeruht zu den Waffen rufen. Überhaupt trägt das Verreisen in der Sommerzeit nicht zwingend zu größerer Völkerverständigung bei. Wer einmal den ewigen Kampf um die Sonnenliegen am Pool einer Betonburg an der Mittelmeerküste erlebt hat, der wird die Versöhnungsgesten zwischen den ehemaligen europäischen Großmächten als leeres Schauspiel empfinden. „Gott strafe England“ ist dort als Losung durchaus gebräuchlich.

Trotzdem ist es eine gute Idee, dass Linken-Chefin Katja Kipping die Deutschen mit mehr Urlaub beglücken will. Wer Sozialleistungen bezieht, könnte etwa einen Reisegutschein von 500 Euro jährlich bekommen, um gemeinsam mit der Familie zwei Wochen in eine Jugendherberge einzuziehen, schlug sie gerade vor. Eine schöne Idee, die vor allem zeigt, dass die Gesellschaft in unserem Land ein Stück weit zusammenwächst.

Denn der Deutsche und sein Urlaub, das war oft auch eine vom Neid getragene Beziehung. Ob dicke Fotoalben in den Schrankwänden der 80er oder verboten gut aussehende Bilder auf den persönlichen Seiten sozialer Netzwerke: Das Entspannungswettrüsten kannte keine Grenzen. Mehr noch, die Entspannung des anderen wurde als persönliche Beleidigung empfunden. Wir waren das Land, das Florida-Rolf zurück in den bundesdeutschen Nieselregen zwang. Und das Land, in dem der Finanzminister dazu aufrufen konnte, dass die Leute doch lieber weniger verreisen und das gesparte Geld für die Rente ausgeben sollten. Dass nun von anderen Politikern keine Schelte für Kippings Vorschlag kommt, sondern so etwas wie verhaltene Unterstützung, ist da ein zivilisatorischer Fortschritt, den uns die Wenigsten zugetraut hätten.

Zu schade, dass vermutlich nichts daraus werden wird. Im selben Interview, in dem Kipping sich zu mehr Urlaubern bekannte, räumte sie ein, dass eine Regierungsbeteiligung ihrer Partei in den nächsten Jahren kaum vorstellbar sei. Damit rückt das bessere, das gönnende Deutschland in weite Ferne. Der Urlaubsgutschein wird wohl wie so zahllose Sommerlochvorschläge vor ihm spurlos wieder verschwinden. Aber zumindest bleibt uns das Sonnen in der eigenen Güte und Großzügigkeit, die selbstverständlich einem jeden Mitbürger zwei Wochen Urlaub gegönnt hätte. Irgendwie auch entspannend.

06:00 14.08.2014
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Ausgabe 13/2020

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