Ein harter Brexit - Folgen für die Wirtschaft

EU Austritt Das Chaos um den EU-Austritt der Briten geht weiter. Unternehmen in Deutschland bereiten sich auf den Ernstfall vor.
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Derweil verkauft ein britischen Unternehmen Notfallsets: Lebensmittel, Brennpaste und Wasserfilter, um auch auf eine mögliche Strom- oder Gasknappheit vorbereitet zu sein. James Blake, ein findiger Unternehmer aus Leeds, hat bereits mehrere Hundert Pakete verkauft.

Joachim Lang, Geschäftsführer des BDI, beklagt hingegen die entstandene Hysterie. Denn für die Industrie geht es um 175 Mrd. Euro. Ein Warenumschlag in dieser Höhe findet nämlich jährlich zwischen den Verhandlungspartnern statt. Deutsche Unternehmer halten Firmenbeteiligungen an 2000 Betrieben in UK, der Handel der beiden Wirtschaftsgiganten betrifft Hunderttausende Beschäftigte.

Vorbereitungen in Deutschland

Bereits seit Monaten finden die Vorbereitungen statt. Zusätzliche Lagerkapazitäten in Großbritannien hat der Bayer-Konzern angemietet, Notvorräte an Medikamenten stehen bereit, BMW verlegt die Sommerpause ins Frühjahr. Ob dies alles ausreicht, bleibt zweifelhaft, denn ein ungeordneter Brexit ist unvorhersehbar. Niemand weiß, welche Probleme in diesem Fall tatsächlich entstehen.

Deutsche Firmen, die ihre Produkte nach Großbritannien verkaufen, müssen mit Zöllen in Milliardenhöhe rechnen. Trotz aller vorausschauenden Planung rechnet der Deutsche Pharmaverband mit Engpässen beim Handel mit Medikamenten und Verzögerungen bei der Zulassung.

Alles in allem wird ein unkonrollierter Austritt das Wirtschaftswachstum in Deutschland deutlich reduzieren. Volkswirte erwarten einen Rückgang um 0,5 Prozent. Bei einem erwarteten Anstieg des BIP in 2019 um 1,1 Prozent wäre das fast die Hälfte.

Folgen für die Autoindustrie

Ein harter Brexit träfe vor allem die Autobranche. Ins Vereinigte Königreich werden die meisten Autos exportiert, im Jahr 2017 waren es zum Beispiel 770 000 Pkw. Zusätzlich fahren täglich 1100 Lastwagen auf die Insel, um Einzelteile anzuliefern für die Produktion und Reparatur von Fahrzeugen, weil die Lagerhaltung vor Jahren abgeschafft wurde.

Bereits seit 2018 geht die Nachfrage nach deutschen Autos in Großbritannien deutlich zurück. Ein harter Brexit könnte 18 000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährden. Zölle und ein weiter geschwächtes Pfund bedeuten eine Preiserhöhung um mehrere Tausend Euro.

Stockender Warenverkehr

Über Dover werden ungefähr 17 Prozent des Warenhandels mit Großbritannien abgewickelt. Bei künftigen Zollkontrollen führt eine Verzögerung um zwei Minuten zu einem Rückstau der Fahrzeuge auf 27 km Länge.Auch der Eurotunnel wäre betroffen, den täglich fast 4500 Lkw passieren, hinzu kommen der Passagierverkehr und Frachtzüge.

Eingeschränkter Datenaustausch

Der Bitkom-Verband erwartet ein Datenchaos, denn ein Großteil der Unternehmen ist noch immer unvorbereitet. Ohne Deal müssten nach dem Ausstieg deutsche Unternehmen Daten ihrer Kunden in England speichern, was die Datenschutzverordnung aber untersagt. Ergebnis: Hohe Bußgelder für das Speichern im Ausland.

Gut vorbereitet: Die Finanzbranche

Seit geraumer Zeit begeben sich Finanzinstitute nach Frankfurt. 45 Banken haben bereits ihre Lizenzen bei Bafin und EZB beantragt. Bis zu 10 000 Arbeitsplätze könnten hier neu entstehen, und die Investitionen in Gewerbeimmobilien erreichen bereits Rekord-Niveau.

01:29 21.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Juliane von Hopfgarten

Meine Themenbereiche umfassen internationale Politik, Wirtschaft sowie Frauenrechte. Unten ein Link zu meinen Beiträgen auf EditionF.
Juliane von Hopfgarten

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