Merkels Rhetorik lässt oft zu wünschen übrig

Wir schaffen das Es sind nur wenige Buchstaben, die eine fatale Wirkung zeigten: "Wir schaffen das."
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Mit dieser Aussage, umschmückt von motivierenden Nebensätzen, feuerte Angela Merkel am 31. August des Jahres 2015 den Startschuss für die unmittelbar folgende Flut an Flüchtlingen ab. Ungewiss, ob diese Flut ein gutes oder schlechtes Ende nehmen würde, denn: Hat sie überhaupt schon ein Ende erreicht?

Wenn wir Angela Merkels Aussage genauer analysieren, stellen wir fest, dass sich sehr viel in "Wir schaffen das" hineininterpretieren lässt. Wenn wir ihn als Deutschlehrer beurteilen müssten, würden wir sagen, dass es sich um einen vollständigen Satz handelt. Er beinhaltet alles, was ein Satz haben muss. Wo liegt also das Problem?

Der verhängnisvollste Satz der Kanzlerin

Genau betrachtet gibt es drei davon. Die erste Frage, die wir uns stellen, ist: Wer ist eigentlich "wir"? Was genau will dieses "Wir" zustande bringen, und wodurch? Und was ist "das"? Das Wort "wir" ist in vielen Fällen besonders heikel zu betrachten, da, wenn das Wort ausgesprochen wird, im Normalfall nur eine Person im Namen von mehreren redet. Ein "Wir" zeugt von einem Gemeinschaftssinn; sei er nun wirklich vorhanden oder nicht. Es soll quasi all die einzelnen Ichs zu einem riesengroßen "Wir" zusammenschweißen, das unter einem großen Ich - in diesem Beispiel Angela Merkel - steht. Und warum ist so etwas jetzt ein Problem? Gemeinsam zu einem großen "Wir" zu werden ist doch eigentlich toll, oder?

Pluralis Majestatis

Das Problem ist der sogenannte Pluralis Majestatis. Davon ist die Rede, wenn ein besonders machthabender Mensch sich selbst als ein "Wir" nennt, um sich selbst als genau so machtvoll darzustellen. Davon macht aber nicht nur Angela Merkel Gebrauch, sondern auch ein Feuerwehrmann, der während eines Teameinsatzes ein Interview gibt, oder ein Exekutivorgan im Zuge einer öffentlichen Versammlung. Wenn jemand von "wir" spricht, meint er also lediglich sein eigenes großes Ich. Im Grunde liegt ein gewisses Maß von Täuschung vor, denn wer von "Wir" spricht, obwohl er "ich" meint, stellt in der Rede eine Situation dar, als würde sie bereits existieren; obwohl er sie dadurch aber eigentlich erst zu erreichen versucht.

Konsequenzen im Fokus

Ab dem Zeitpunkt, als Migranten, Flüchtlinge und Asylwerber in Strömen über die Landesgrenze nach Deutschland einwanderten, betrachteten die Zuhörer Merkels Aussage immer skeptischer. Das Angela Merkel wahrlich kein Rhetorik Profi ist, war noch nie ein Geheimnis. Doch mehr und mehr entwickelte sich unter dem Volk der Eindruck, man wolle damit eine Art Beschwörung zu einer bestimmten Lebenseinstellung bezwecken. Was ursprünglich nur als motivierender Leitsatz gedacht war hatte unkontrollierbare Konsequenzen zur Folge, Menschen aus fast aller Welt sahen dies als reizende Einladung und die Menschenrechtskonvention erlaubt es dem Staat nun nicht mehr, auch nur fallweise die Zuwanderer wieder zurückzuschicken.

20:30 30.03.2019
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Geschrieben von

Juliane von Hopfgarten

Meine Themenbereiche umfassen internationale Politik, Wirtschaft sowie Frauenrechte. Unten ein Link zu meinen Beiträgen auf EditionF.
Juliane von Hopfgarten

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