On the road again

Threema Nach dem plötzlichen Kauf des Kurznachrichtenprogamms WhatsApp durch Facebook beginnt die Abwanderungswelle zu neuen Diensten. Ist das hysterisch oder sinnvoll?
On the road again

Foto: Keystone, Hulton Archive/ AFP/ Getty Images

Es gehört zum guten Ton, Facebook böse zu finden. Das sind die Schlechten, die unsere Daten verkaufen und uns mit Werbung belästigen, ein datenhungriger Multi-Millionen Konzern. Wissen wir 1,2 Milliarden Nutzer alles.

Der Kurznachrichtendienst WhatsApp war hingegen bis dato nur halb-böse. Bereits seit längerem war bekannt, dass das Verschlüsselungssystem fehlerhaft war und das Programm die Telefonnummern ihrer Nutzer speichert und Telefonnummern aus dem Handy-Adressbuch an die WhatsApp-Server in den Vereinigten Staaten geschickt wurden. Wussten die 450 Millionen Nutzer auch alles. Erst mit dem Kauf durch Facebook ist WhatsApp jetzt aber in die verruchten Abgründe der digitalen Schurkenwelt abgerutscht (halb-böse + böse = ziemlich böse).

Die Abwanderung hat bereist begonnen. Zur Zeit rangiert die Kurznachrichtenapp Threema auf Platz 1 der deutschen Topcharts im App-Store, laut Informationen von sueddeutsche.de hat das Unternehmen einen Zuwachs von 200.000 Nutzern in den letzten 24 Stunden verzeichnet. Auf Twitter wird bereits über das Programm gefachsimpelt, etablierte Medien überschlagen sich mit Vorschlägen für alternative Dienste.

Dieser Impuls ist verständlich. Facebook wird sich den Datenzuwachs besonders jüngerer Nutzer, potentielle Informationen über Namen, Alter, Telefonbücher und Metakommunikationsdaten sowie die Inhalte der Nachrichten selbst, nicht zum Spaß gekauft haben. Dass diese Daten in Zukunft dem Anzeigengeschäft von Facebook nutzen sollen, ist kein unwahrscheinliches Szenario. Ob sich das am langen Ende finanziell lohnt, steht auf einem anderen Blatt. Mit Sicherheit aber hat Facebook damit einen seiner größten Konkurrenten geschluckt.

Chiao Kakao

Dass Facebook die eigenen Daten für Werbeeinnahmen verwendete, nahmen die Nutzer wissend in Kauf. Auch dies wird ein Grund dafür sein, warum das Netzwerk zunehmend zur Werbeplattform für Unternehmen wird und besonders jüngere User ihre Kommunikation an andere Orte verlegen. In einem privaten Messengerprogramm erwartet man naturgemäß vor allem: dass die Privatsphäre – zumindest einigermaßen – geschützt ist.

Aber mal ehrlich: Wer bislang auf WhatsApp war, hat es mit der Datensicherheit sowieso nicht so genau genommen. Es verhält sich ein bisschen wie dem Überwachungsskandal – das mulmige Gefühl, mit seinen Daten nicht ausreichend geschützt zu sein, reicht meist nicht aus, um konsequent auf Verschlüsselungstechnologien oder verschlüsselte Dienste umzustellen. Zu zeitaufwendig, zu viel Aufwand, zu wenig nutzerfreundlich. Wir Gewohnheitstierchen hängen oft viel zu sehr in unseren Alltagsmühlen fest, als dass wir uns selbstständig in neue technologische Gefilde einarbeiten würden. Selbst wenn es sich nur darum handelt, zu verstehen, wozu genau ein Schlüssel-Fingerabdruck nützlich ist.

Andererseits: Seit wir wissen, dass NSA & Co. auch sicherste SSL-Veschlüsselungen knacken können, hat die Abwanderung zu alternativen Diensten einen zynischen Beigeschmack bekommen. Ja, man sollte es den Überwachungsstaaten möglichst schwer machen. Und nein, wenn sie wirklich an unseren Daten interessiert sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit enorm, sich dagegen wehren zu können.

Wenigsten zu versuchen, dagegen Widerstand zu leisten, kann trotzdem nicht verkehrt sein. Wer derzeit sein Unbehagen kanalisieren möchte, findet zumindest genügend Alternativen. Wie es etwa Threema mit der Sicherheit seiner Nutzerdaten hält, kommt das Unternehmen erst in die Versuchung damit großes Geld verdienen zu können, steht – no offence – auf einem anderen Blatt. Notfalls können die Nutzer ja: weiterziehen.

Die Autorin war zuerst genervt von den großspurigen Abschiedsbekundungen in ihrer Timeline. Inzwischen hat sie sich selbst einen neuen Massengerdienst auf ihrem Smartphone installiert und hat damit die Anzahl ihrer Chatkontakte auf 4 geschrumpft

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16:54 21.02.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 37/2021

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