Darauf einen Bordeaux

OB-Wahl Nach knapp zwei Jahrzehnten zieht mit Peter Feldmann wieder ein Sozialdemokrat als Oberbürgermeister in den Römer ein. Das ging nur mit den Stimmen der Frankfurter Grünen

Es ist ein Überraschungssieg. Peter Feldmann hat mit 57,4 Peozent die Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt gewonnen. Das ist nicht nur erstaunlich, weil der Kommunalpolitiker ein recht neues Gesicht auf der politischen Bühne ist. Es ist auch bemerkenswert weil damit die Mainmetropole nach fast zwei Jahrzehnten erstmals wieder einen Roten an der Spitze hat.

Die vergangenen 17 Jahre war Petra Roth der CDU die Chefin im Frankfurter Römer. Irgendwie hatte sie es immer geschafft, mit allen Lagern zu kooperieren und Politik für Frankfurt zu machen. „Die macht das schon gut“, war über sie zu hören, auch innerhalb der starken grünen Szene Frankfurts. Kein Wunder – schließlich war sie die Architektin der ersten schwarz-grünen Bündnisse im Land. Letzte Woche ist sie nun frühzeitig in den Ruhestand gegangen – genau wie ihre wohl engste Mitarbeiterin, die Grüne Bürgermeisterin Jutta Ebeling. Obwohl sich die beiden Damen am Anfang spinnefeind waren, hatten sie sich in den letzten Jahren zu einem gut eingespielten Team entwickelt, das mit der schwarz-grünen Koalition des Stadtparlaments im Rücken als regierungstaugliches und tatkräftiges Gespann galt. Roth hielt dann sogar die Abschiedsrede für ihre Kollegin, als sich beide im Frankfurter Römer verabschieden ließen. „Liebe Jutta“, sagte sie immer wieder gerührt.

Während des Wahlkampfes hatte Roth den CDU-Kandidaten Boris Rhein protegiert und auf Plakaten und bei Auftritten für ihn geworben. Der hessische Innenminister warb gemeinsam mit dem grünen Bürgermeister Olaf Cunitz mit der Fortführung der schwarz-grünen Regierungseffizienz und gab sich siegesgewiss. Aus dem grünen Lager erfuhr er hingegen nur teilweise Unterstützung. Das linke Urgestein Johnny Klinke, heute Gastronomiegröße und Leiter des Varieté-Etablissements Tigerpalast, warb zwei Tage vor der Stichwahl für den CDU-Kandidaten: "Liebe Grüne, wer für Frankfurt Schwarz-Grün will, muss ihn auch wählen: Boris Rhein ist nicht Roland Koch." Daniel Cohn-Bendit hingegen trat mit Feldmann am vergangenen Montag im Frankfurter Presseclub auf. Zwar sprach er, wie auch seine Partei als Ganze, keine direkte Wahlempfehlung aus, doch immerhin erklärte der Frankfurter Europa-Politiker Feldmanns Konkurrent Rhein sei "doppelzüngig" und eigentlich nicht wählbar.

Die Uneinigkeit der Grünen lässt sich auch damit erklären, dass sich die ehemalige linke Szene Frankfurts um Joschka Fischer, Johnny Klinke und Daniel Cohn-Bendit längst gewandelt hat. Die Häuserkampfszene von einst ist einem etablierten Bürgertum gewichen, das auch seine monetären Interessen vertreten wissen will. Viele der ehemaligen Spontis sind heute Gutverdiener, die sich in den alternativ angehauchten Nischen der versnobbten Frankfurter Barszene auf einen gediegenen Rotwein zu schwindelerregenden Preisen treffen, ernsthaft über linke oder soziale Themen nachzudenken. Es fiel also niemandem schwer, Petra Roth zu akzeptieren.

Müll und Sympathiepunkte sammeln

Erstaunlicherweise haben viele der grünen Frankfurter, deren Kandidatin Rosemarie Heilig bereits bei der Stichwahl ausgeschieden war, ihre Stimmen nun doch Feldmann gegeben, der für erschwingliche Wohnungspreise, besserere Versorgung älterer Menschen und der Bekämpfung der Kinderarmut geworben hatte.

Vielleicht ging es bei der Bürgermeisterwahl aber weniger um politische Inhalte als um die Person. Rhein hatte sich in Wahlkampf arrogant-siegesgewiss gegeben. Er ist ein Politiker, der emsig und strebsam (und vor allem schnell) die politische Leiter hinaufgeklettert ist – dieser Karrierismus kam offensichtlich nicht an. Feldmann ist ein vormals sehr unbekannter Kommunalpolitiker, der erst in einem sehr engagierten Wahlkampf auf sich aufmerksam machte. Auch Roth hatte sich 1995 überraschend gegen den damaligen Favoriten, den Sozialdemokraten Andreas von Schoeler, durchgesetzt, der seine eher unbekannte Gegnerin vollkommen unterschätzt hatte. Die punktete damals mit bürgernahen Einzelaktionen wie Müllsammeln am Straßenrand.

Ist die neue rote Spitze nun ein Grund zum Jubeln? Es ist fraglich, welche Veränderungen der Sozialdemokrat überhaupt durchsetzen kann. Mit der schwarz-grünen Stadtverordnetenversammlung wird Feldmann sicherlich zu kämpfen haben – hier sind die nächsten Wahlen entscheidend. Dann wird sich zeigen, ob die Frankfurter ernst machen und sich linken Themen weiter öffnen.

Wer ist Peter Feldmann?

Was seinen Aufstieg in der hessischen SPD betrifft, so scheint eine Erklärung simpel: Peter Feldmann war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und profitierte wohl von der katastrophalen Lage, in der sich die SPD nach dem Scheitern der damaligen hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti befand. Denn klar war, dass es für die Partei schwierig werden könnte, prominente Auswärtige zu einer Kandidatur in Frankfurt zu bewegen.


Dabei war Feldmann in der SPD-Fraktion im Römer anfangs nicht allzu beliebt. Die Landespartei um den Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel suchte seine Kandidatur zu verhindern. Feldmann sei wenig engagiert, ein unauffälliger Politiker, monierten einige Parteikollegen.



Feldmann legte in dieser Zeit das Fundament für seine Karriere im Verborgenen. Leute in der zweiten Reihe sind nicht auffällig, sagte er dazu einmal in einem Porträt des Hessischen Rundfunks. Das hieße aber nicht, dass sie nicht arbeiteten. Zu seinen politischen Kernthemen gehören die Begrenzung des Fluglärms, Bildung, ältere Menschen, Wohnungsbau, die Internationalität der Stadt Frankfurt und der Kampf gegen Kinderarmut. Im Kampf gegen Kinderarmut verfolgt Peter Feldmann das ehrgeizige Ziel, diese in Frankfurt während seiner Amtszeit zu halbieren.


Neben seinem Fleiß und dem Talent, vielen Menschen auf die Nerven zu gehen (FAZ), verfügt Feldmann auch über eine Vergangenheit, die für eine Kandidatur in einer sozial gespaltenen Stadt wie Frankfurts wie geschaffen zu sein scheint. Der Vater einer zweijährigen Tochter kennt einerseits die wohlhabende Seite der Bankenmetropole, ein Teil seiner Familie stammt aus dem feinen Westend. Andererseits wuchs er in Frankfurt-Bonames auf, einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt. Noch heute wohnt er in einem Reihenhaus. Feldmann konnte mit Versprechen wie sozialer Zusammenhalt verknüpft mit wirtschaftlichem Erfolg in einer Stadt, in sich jahrelang linke und konservative Regierungskonstellationen abwechselten, gleichzeitig arme und reiche Wählerschichten ansprechen.

Ob er sich damit durchsetzt oder ob am Ende doch die Lobby der Wirtschaft stärker ist, und sich die Wahlversprechen als leere Hülse erweisen, wird sich zeigen.

Jaques Kommer

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Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier

Juliane Löffler

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