Das Lied der Straße

Open Air Soll Straßenmusik aus dem öffentlichen Raum verschwinden, wie in Berlin diskutiert wird? Ein Blick in vier andere Metropolen: München, Barcelona, Paris und New York

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall", heißt es im Märchen der Bremer Stadtmusikanten. Es ist eine Geschichte Vertriebener auf der Suche nach einer Lebensperspektive in der Stadt. Vor dem Tod flüchten die Straßenmusiker in den großen Metropolen heute zwar nicht, aber auch sie suchen Wege, um sich im öffentlichen Raum zu behaupten. Was für viele Touristen zum Straßenbild der Großstädte zwingend dazu gehört, geht vielen Einzelhändlern und Berufspendlern ziemlich gegen den Strich. Wer abends müde vom Büro in die S-Bahn steigt, den kann das Geschepper einer sechsköpfigen Blaskapelle mittelloser Musikmigranten schon mächtig nerven. Aber muss eine freie Gesellschaft nicht auch solche Misstöne ertragen? In Berlin wird das gerade wieder einmal diskutiert. Die Verkehrsbetriebe planen, mit Abmahnungen und Beförderungsverboten gegen Musiker in ihren Zügen vorzugehen. Sie führen damit eine Entwicklung fort, die in vielen Metropolen zu beobachten ist – die zunehmende Regulierung des öffentlichen Raums. Aber mit dem Verschwinden der Straßenmusik ginge auch einiges verloren ...

München

München könnte der Traum der Straßenmusiker sein. Es gibt eine imposante Fußgängerzone, dazu Passanten, deren PradaEinkaufstüten zeigen, dass sie gerne Geld ausgeben. Das kulturinteressiertes Publikum zog auch den Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz an, als er vor 20 Jahren aus den USA nach Europa kam und in der Münchner Fußgängerzone hängen blieb. Dass die Stadt trotz allem kein Traum für Straßenmusiker ist, liegt an den vielen Luxusgeschäften. Die fühlen sich von Musikern in der Fußgängerzone oftmals gestört, haben Angst um ihr gutes Image. Deshalb lässt die Stadtinformation, die für Straßenkünstler zuständig ist, nur jene in die Fußgängerzone, die zu München passen. Das heißt: nur Musiker, die konzertreif spielen. „Die Geschäfte haben nun einmal eine hochpreisige Warenpolitik, deshalb brauchen wir eine gewisse Auswahl“, sagt Stadtinfo-Chef Albert Dietrich.

Selbst sehr gute Musiker haben es schwer. Erst müssen sie ein Casting bei Dietrich bestehen, damit sie in den Musiker-Pool aufgenommen werden, um dann jeden Tag frühmorgens zu beantragen, spielen zu dürfen. Nur zehn Glückliche wählt Dietrich aus, welche nur vormittags oder nachmittags musizieren dürfen, an maximal zwei Werktagen in der Woche. Wer ohne Genehmigung erwischt wird, zahlt 150 Euro.

Alex Jacobowitz ist studierter Orchestermusiker, die Menschentrauben um sein Marimbaphon bescheren ihm gutes Geld, auch wegen der geringen Konkurrenz. Dennoch fühlt er sich in München immer unwohler. Er sagt: „Das Publikum sollte die Entscheidung selbst treffen, nicht irgendwelche Beamte.“ Antonia Schäfer

Barcelona

Straßenkünstler und Straßenmusiker bevölkern besonders im Sommer die Plätze, die Hauptstraße Las Ramblas und die Terassen vor den touristenüberschwemmten Cafés und Restaurants. Die ausgeprägte Straßenkultur ist ein wichtiger Teil des Flairs der Stadt am Meer. Aber seit 2011 erschweren neue Regelungen der Stadtverwaltung die Arbeit der Straßenmusiker. Sie müssen eine der streng limitierten kostenpflichtigen Genehmigungen ergattern, nur 23 ausgewählte Orte sind in der Altstadt zum Spielen freigegeben, Uhrzeiten und Dezibel sind gesetzlich begrenzt. Die Polizei patrouilliert an den einschlägigen Plätzen und verhängt Bußgelder oder drastischer: konfisziert die Instrumente direkt. Trompeten, Klarinetten, Kontrabässe.

Für viele der eingewanderten Musiker aus Nordafrika und Lateinamerika auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen, ist das eine existenzielle Bedrohung. Elias, ein 35-jähriger Kolumbianer und selbst arbeitsloser Musiker, erzählt von einer Szene vor dem Picasso-Museum im Zentrum der Stadt. Als die Polizei dort einem Gitarristen sein Instrument wegnehmen wollte, warf sich dieser auf die Knie. Weinend bat er um Nachsicht, er habe doch eine Familie und müsse sein Kind ernähren. Je schärfer die Wirtschaftskrise, desto rigoroser die Kontrollen. In Zeiten extrem hoher Arbeitslosenzahlen gibt es für diese Musiker kaum Alternativen. Nur noch wenige Einwohner haben das Geld für private Musikstunden ihrer Kinder übrig, über welche sich viele Straßenmusiker sonst teilfinanzieren konnten. Elias geht im September zurück nach Kolumbien, in Barcelona kann er sich das Leben nicht mehr leisten. Juliane Löffler

Paris

Schon auf der Rolltreppe nahm sie einen gefangen, diese Melodie. Unten, auf dem Bahnsteig der Métro-Station Les Halles saß er, ein kleiner Mann mit dunklen Augen, schütterem Haar, runder Brille und seriösem Blick. Er trug ein weißes Hemd und einen marineblauen V-Pullover. Seine Finger tanzten auf den Saiten, er spielte den Venezualischen Walzer. Eine kleine Menschentraube hatte sich um ihn gebildet, er musste ihn immer wieder spielen. Jamal erzählte in einer kurzen Pause, er sei ausgebildeter Gitarrenlehrer. Irgendwann habe seine Musikschule überraschend geschlossen, seitdem schlage er sich durch. Er wirkte nicht unzufrieden. Dabei war er nur einer von etwa 2.000 U-Bahnmusikern der Stadt. Wer in der Pariser Métro spielen will, muss sich einer Prüfung unterziehen. Man nimmt vorher an einem Casting im Rathaus teil, um den offiziellen Ausweis, die „Lizenz zum Spielen“, zu erhalten.

Edith Piaf hat auf der Straße angefangen, genau wie die Sängerin ZAZ, die mit ihrem Album vor Kurzem Europa eroberte. Das Auswahlverfahren hat die Qualität der Métro-Musiker erhöht. Die meisten beherrschen mehrere Instrumente, sind professionell und so beliebt, dass auf Wunsch der Fahrgäste eine CD mit ihren Stücken produziert wurde. Im Sommer treten sie beim Fête de la Musique auf. Straßenmusik als Ware? Das „oben“ und „unten“ spiegelt sich auch hier: Es gibt ja auch noch die rumänischen Kapellen, Sinti und Roma, die – meist illegal – „La Vie en Rose“ oder Zigeuner-Folklore auf dem Akkordeon herunterleiern. Ein paar Sommer später hörte ich sie wieder, diese traurige Melodie. Die nur er so leicht spielte. Jamal saß jetzt an der Fontäne St. Michel. Maxi Leinkauf

New York

Dass Straßenmusiker nur in den Straßen großer Städte musizieren, ist nahe liegend, insofern dort große Publikumszahlen zu erwarten sind. Wenngleich dieses Publikum in einer Stadt wie New York auch schwerer zu gewinnen ist: Die Menschen dort bewegen sich zu professionell, also eilig durch die Stadt. Zugleich steigt mit der Größe der Stadt die Zahl der potenziellen Konkurrenten. Es herrscht also ein gewisser Leistungsdruck, der sich, gerade in New York, in das beliebte Frank-Sinatra-Diktum „If I can make it here, I’ll make in anywhere“ übersetzen ließe.

Dieser Leistungsdruck wird einem allerdings rasch unangenehm. Zumindest wenn man ein vielleicht überholtes Verständnis von Straßenmusik pflegt, demnach dieser Broterwerb eher eine avancierte Form des Bettelns ist. Also von Leuten ausgeübt wird, die aus dem Raster des ersten und zweiten Arbeitsmarkts gefallen sind und ihr Geld anderweitig nicht verdienen können. Ich habe irgendwann angefangen, Geld vor allem den Musikern zu geben, die erkennbar lustlos oder schlecht spielen – aus dem kindischen Trotz heraus, die Kriterien des ersten und zweiten Arbeitsmarkts nicht noch in den Schatten eines dritten hineinzuverlängern. Wer raus ist, ist raus und soll da dann wenigstens Ruhe vor den Selbstoptimierungsbefehlen der Angestelltenwelt haben. Matthias Dell

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09:00 18.08.2012
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 30/2021

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