Dem Heute näher

Bühne Michael Jacksons „Moonwalk“ kennt jeder, aber kaum einer „Cocain“ von Anita Berber. Jetzt entdeckt der zeitgenössische Tanz die Macht von Zitaten in der digitalen Welt
Juliane Löffler | Ausgabe 27/2014

Zum sowjetischen Ehrendenkmal im Treptower Park verirren sich meist nur Besuchergrüppchen. Am vergangenen Wochenende ähnelte das Gelände einem Wimmelbild. Eine Schar von Tänzern hatte sich zwischen den Granitplatten verteilt, Lautsprecherboxen wurden aufgestellt, ringsum drängten sich die Zuschauer. Im Rahmen des Festivals Foreign Affairs überspielte der französische Choreograf Boris Charmatz den historischen Ort mit seinem Stück 20 Dancers for the XX Century und einem Anliegen: Auch der zeitgenössische Tanz will seine Geschichte sichtbar machen.

Mit der Digitalisierung ist die Macht künstlerischer Zitate noch deutlicher geworden. Jeder kennt Michael Jacksons Moonwalk. Kaum einer die historischen Posen von Anita Berber. Der Tanz hat es besonders schwer, weil Bewegungen nun mal an den Körper gebunden und deshalb schwer zu archivieren sind. Die Tanzszene ist aber in doppelter Hinsicht daran interessiert: Einmal, weil sie Archivmaterial braucht, um zu forschen und sich weiterzuentwickeln. Zum zweiten, weil sie wie alle Künste um Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit buhlen muss, um fortzubestehen. Das ist nicht nur Koketterie, sondern knallharte Kulturpolitik.

Dem hat sich Tanzfonds Erbe angenommen, ein Programm, das von der Kulturstiftung des Bundes mit 3,5 Millionen Euro jährlich gefördert wird. Es sichert auf seiner Webseite Materialien, kümmert sich um die Urheberrechte und fördert Forschungsprojekte von Künstlern. Etwa das der Berliner Company MS Schrittmacher über die Tänzerin und Filmschauspielerin Anita Berber. In den 20ern war Berber der Star der Berliner Tanzszene. Heute sind vor allem ihre Drogen- und Alkoholexzesse in Erinnerung geblieben, der frühe Tod mit nur 29 Jahren. Und das scharlachrote Porträt des Malers Otto Dix. Das Gesicht weiß geschminkt, den Mund zu einer aufmüpfigen Spitze gezogen, trübe Augen, eine mondäne Pose: Die Berber verkörperte den Gegenentwurf zur bürgerlichen Prüderie des untergegangenen Kaiserreichs.

MS Schrittmacher hat nun zwei Jahre lang nach Fundstücken aus Anita Berbers Leben geforscht, die ihre künstlerische Arbeit lebendig werden lassen können. Eines der erstaunlichsten ist eine Tanznotation zu Chopins Grande Valse Brillante: Eine Notenschrift mit darunter verzeichneten abstrakten Bewegungszeichen, anhand derer eine Choreografie der Tänzerin Schritt für Schritt rekonstruiert werden konnte.

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Tänzerin Brit Rodemund vor der Tanzschrift, die MS Schrittmacher im Zuge ihrer Recherche fanden, Foto: Andreas Jetter

Rinderblut schockt nicht

Anders verhielt es sich mit dem Tanz Cocain. In einer Schrift ihres Zeitgenossen Joe Jenčík, Tänzer und Publizist, stand: „Mit einigen Schwüngen, die an die Poeschen Schwingungen des langen Pendels erinnern, setzt sich der Körper auf.“ Erst ein Blick in die Kurzgeschichte Die Grube und das Pendel von Edgar Allan Poe von 1842 bot weitere Anhaltspunkte, um die Angst und den Schrecken zu verstehen, die Berber versuchte, mit ihrer Bewegung auszudrücken.

Die Ergebnisse dieser nahezu archäologischen Arbeit wurden nun in einer zehntägigen Reihe im ehemaligen Bethanienkrankenhaus in Kreuzberg vorgestellt, wo Berber 1928 starb. Diese zeigte aber auch die Grenzen der Wiederbelebung auf. In ihrem Tanz Salomon etwa überschüttete Anita Berber ihren nackten Körper mit Rinderblut. Der Geruch im Publikumssaal muss bestialisch gewesen sein, die Aufführung war skandalös. Dieser Schockmoment lässt sich heute nicht reproduzieren.

Ein anderes Problem ist, dass die Körper heutiger Tänzer mit denen von damals nicht vergleichbar sind. Auch wenn Anita Berber aus dem Stand in den Spagat rutschen konnte – die Exzesse, die sie ihrem Körper zumutete, sind bei professionellen Tänzern heute kaum vorstellbar. Wenn Brit Rodemund, eine jahrelang vom Ballett geformte Tänzerin, heute Morphium tanzt, muss das anders aussehen als bei Anita Berber. Nicht nur der Tanz, auch der tanzende Körper kann nicht aus seinem zeitgeschichtlichen Kontext gelöst werden.

Das Wissen darum scheint sich in der zeitgenössischen Szene durchzusetzen. Eines der ambitioniertesten Forschungsprojekte, die Motion Bank des Choreografen William Forsythe, verzichtet deshalb ganz auf Aufführungen. Zusammen mit Universitäten, Programmierern, Designern und Tänzern entwickelt die Forsythe Company digitale Partituren zu Tanzstücken: Aktuelle und historische Choreografien werden im Studio systematisch gefilmt und mithilfe von Datenpunkten grafisch zerlegt, sodass aus den Bewegungen eine visuelle Übersetzung entsteht. Rollende Punkte, explodierende Dreiecke und schwingende Linien werden zu einer neuen künstlerischen Sprache. Die Pina Bausch Foundation baut unterdessen für das schier unendliche Material der 2009 verstorbenen Tänzerin und Choreografin an einer riesigen digitalen Datenbank mit einer zugehörigen App.

Und auch Boris Charmatz setzt bei seinem Projekt Musée de la danse auf Zuschauerbeteiligung. An den 20 Stationen am Treptower Ehrendenkmal wird an die wichtigsten Stationen der Tanzgeschichte erinnert – körperlich und verbal. Die Tänzer erklären, was sie tanzen und warum – Fragen sind willkommen. Nicht umsonst beobachtet man zurzeit auch in der freien Szene einen Zuwachs an interaktiven Formaten. Will man die Erinnerung lebendig halten, muss man den Zuschauern heute mehr bieten als einen Sitz im Theatersaal.

MS Schrittmacher hat im Zuge ihrer Recherchen eine eigene Publikation erarbeitet: Joe Jencik – Anita Berber – Studie Martin Stiefermann, MS Schrittmacher (Hg.) K. Kieser Verlag,

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06:00 16.07.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 39/2020

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