Die Korrekturen

Intimchirurgie Das weibliche Geschlecht liegt auf dem OP-Tisch. Was bedeuten straffe Schamlippen für die Gesellschaft?
Die Korrekturen
Das haarlose Ideal hatte es zwar schon im alten Ägypten mal gegeben. Unsere Kultur brauchte bis vor einigen Jahren aber noch kein Brasilian Wax.
Foto: PICTURE-ALLIANCE/© A.R. MANTOVANI „VENUS GENETRIX“/AKG-IMAGES

Der Umgang mit dem menschlichen Körper wird nicht erst heute in den Medien verhandelt. Der Umgang mit dem menschlichen Genital schon, wie derzeit in der hitzigen Debatte um die Beschneidung von kleinen Jungen. Wie aber kann es sein, dass ein vermeintlicher Angriff auf die Unversehrtheit des männlichen Körpers Empörung auslöst, während für weibliche Beschneidung Werbung gemacht wird? Der Trend zur Designervagina rollte 2008 durch alle Medien, seitdem ist die Diskussion verstummt. Dabei genügt ein Blick ins Internet, um die Fortentwicklung zu erkennen: Mit Slogans wie „The Art of Female Aesthetics“ oder „Keine falsche Scham“ werden dort von schönheitschirurgischen Arztpraxen und Kliniken genitalchirurgische Eingriffe für Frauen beworben, welche die Vagina schöner, jünger und straffer machen sollen. 2007 schaffte es einer dieser Slogans sogar in die Hamburger U-Bahnen. Intimchirurgie für Frauen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Sicher: In dem einen Fall geht es um kleine Kinder und Religion, im anderen um erwachsene Frauen und Ästhetik. Letztlich stellt sich aber in beiden Fällen dieselbe politische Frage: Wie viel Chirurgie verlangt unsere Gesellschaft dem menschlichen Körper ab, wie viel gestattet sie? Gegen die freiwillige Beschneidung von Schamlippen minderjähriger Mädchen in Deutschland, auch ohne jegliche medizinische Indikation, gibt es bislang jedenfalls kein Verbot.

Für den Kult um den weiblichen Körper gelten offensichtlich besondere Maßstäbe. Ein vormals privater Teil des Körpers wird nicht geschützt, sondern öffentlicher Verhandlung und gesellschaftlicher Normierung unterworfen. Dass sich diese Intimästhetik weiterentwickelt hat, drückt die wachsende Bedeutung des menschlichen Erscheinungsbildes in der postmodernen Welt aus: Körper und Aussehen stehen für Leistung und Erfolg. Schönheit wird zum Produkt des Handelns. „Der Schönheitsmythos schreibt in Wahrheit Verhaltensmuster vor und nicht äußere Qualitäten“, kommentiert Naomi Wolf 1991 in Der Mythos Schönheit. Jetzt erobert der stets beklagte Jugendwahn eben den weiblichen Genitalbereich.

Die Möglichkeiten, das weibliche Geschlecht zu manipulieren, sind vielfältig: Fettabsaugung oder Aufpolsterungen am Venushügel, Reduzierung der Klitorishaut, eine Vaginalverengung durch Unterspritzung mit Eigenfett oder Gewebestraffung sowie die Unterspritzung des wissenschaftlich umstrittenen G-Punkt-Bereichs mit Kollageninjektionen oder die Vergrößerung der äußeren Schamlippen. Der mit Abstand meistgehegte Wunsch ist die Verkleinerung der inneren Schamlippen. Stefan Gress, einer der bekanntesten deutschen Intimchirurgen, spricht von vielen Hundert Frauen jährlich, an denen er solche Eingriffe vornimmt. Die Designervagina folgt dabei einem spezifischen Ideal: Wie ein Brötchen soll sie aussehen: Straff, klein, geschlossen – und nackt. Kurzum: infantil.

Traditionelle Rollenbilder

An der Spitze dieser Entwicklung stehen bislang die USA, Australien, Kanada und England. Aber auch in Deutschland wächst die Zahl genitalchirurgischer Eingriffe. Die Studie „Schönheitsoperationen. Daten, Fakten, Rechtsfragen“ der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft berichtete schon vor sieben Jahren von etwa 1.000 Schamlippenstraffungen jährlich, die wahre Zahl liegt vermutlich höher. Erhebungen der Gesellschaft für ästhetische Chirurgie Deutschland zufolge rangierte die weibliche Intimchirurgie im Jahr 2010 auf Rang sieben der häufigsten Eingriffe – mit doppelt so vielen OPs wie im Jahr zuvor.

Dass immer mehr Frauen das Erscheinungsbild ihres Genitals chirurgisch verändern lassen, hat unterschiedliche Gründe. Als Wegbereiter gilt die Intimrasur: Erst ein entblößtes Geschlechtsteil macht eine solche Mode möglich. Und den Frauen wird längst suggeriert, die Haarentfernung sei ein wichtiger Bestandteil hygienischer Körper- und Schönheitspflege – mit großem Erfolg. Eine Studie der Universität Leipzig hat gezeigt, dass 88 Prozent der befragten Frauen ihre Scham teilweise oder ganz enthaaren – also viel mehr als Männer.

Vor allem die Massenmedien verbreiten solche Körpernormen. Aber woher stammt das Ideal dahinter? Patientinnen beziehen sich oft auf Softporno-Darstellungen, etwa aus dem Playboy, um zu erklären, wie sie sich ihre Vulva wünschen. Dass diese Bilder stark bearbeitet sind und dem analogen Geschlechtsorgan kaum noch ähneln, fällt unter den Tisch. Nicht zuletzt im Internet verbreiten manipulierte Bilder eine normierte und sich ständig wiederholende Ästhetik, die jede Vielfalt untergräbt.

Dabei ist offenkundig, dass es bei den chirurgischen Eingriffen um mehr als Äußerlichkeiten geht. Die Körperkorrektur bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen dem „kreativen“ Prozess der Identitätsstiftung und der Unterwerfung unter gesellschaftliche Ideale. Die Angebote der Kliniken suggerieren, es sei ein Zeichen weiblicher Emanzipation und Freiheit, sich für Korrekturen zu entscheiden – der Körper wird zu einem unendlich veränderbaren Objekt, einer Möglichkeit, sich selbst zu bestimmen und auszudrücken. Dabei folgen die Eingriffe aber normierten Körperbildern und dem sich aus ihnen speisenden Wissen, wie es da unten auszusehen hat.

Orgasmus als Leistung

Insofern ignoriert die ästhetische Chirurgie jede gesellschaftliche Dimension ihres Angebots. Vielmehr verweisen die Ärzte beständig auf die psychische Belastung der Patientinnen und dass diese Frauen mit gestärktem Selbstbewusstsein und erhöhter Akzeptanz aus einem Eingriff hervorgingen. Zudem werden intimchirurgische Eingriffe als Mittel zur weiblichen Lustvergrößerung verklärt: Die Orgasmusfähigkeit der Frauen soll sich verbessern. Aber die Liberalisierung des weiblichen Lustempfindens ist letztlich nur ein weiterer Übergriff: Der Orgasmus wird zum Maß für die Leistungsfähigkeit des weiblichen Körpers. Ist er nicht uneingeschränkt möglich und vor allem kontrollierbar, muss das Genital korrigiert werden. Dabei könnte man sich ebenso gut vorstellen, sexuelle Praktiken an den weiblichen Körper anzupassen – statt den weiblichen Körper an die sexuellen Praktiken.

Genitalchirurgische Eingriffe lassen sich auch sonst nicht als emanzipatorischer Akt verklären. Das ästhetische Idealbild orientiert sich dafür zu deutlich an traditionellen Geschlechterrollen – und am alten Spiel des Zeigens und Verbergens. Im 15. und 16. Jahrhundert trugen Männer gerne Schamkapseln über ihrer Beinkleidung und betonten damit ihr Geschlechtsteil. Der Gipfel waren Verzierungen in Form von Bändern oder Schleifen. Der Rock dagegen, bis ins 20. Jahrhundert die alternativlose Beinbekleidung der Frauen, versteckte jede Andeutung des weiblichen Geschlechts. In der Intimästhetik wiederholt sich dieses Prinzip: Äußerlichkeit und Größe stehen der Geschlossenheit gegenüber.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt die sogenannte Klitoridektomie, die Entfernung der Klitoris, vielen nordamerikanischen und europäischen Psychologen und Gynäkologen als probates Mittel, um Krankheiten wie Hysterie oder Nymphomanie, die mit weiblicher Onanie gleichgesetzt wurden, zu heilen. Auch die Beschneidung der Schamlippen ist keine Erfindung der Moderne. Bereits 1719 verfasste Lorenz Heiser in seinem Standardwerk Chirurgie eine Anleitung zur Entfernung übergroßer Schamlippen.

Ob es eine medizinische Indikation für die Schamlippenverkleinerung gibt, wird bis heute kontrovers diskutiert. Ästhetische Chirurgen behaupten, ihre Patientinnen litten unter Unwohlsein, etwa beim Reiten oder Fahrradfahren, oder von eingeschränkten Möglichkeiten, sich zu kleiden. Neben funktionellen Problemen beim Geschlechtsverkehr werden auch psychische Belastungen durch Schamgefühle ob des unästhetisch empfundenen Genitals als Gründe für eine Operation angeführt. Gynäkologen sind sich in dieser Frage uneinig, manche halten diese Aussagen schlichtweg für falsch.

Körper folgen Kultur

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sieht die Eingriffe kritisch. Wissenschaftliche Langzeitstudien zu Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten der Eingriffe fehlen. Die häufig angeführten Schmerzen oder Entzündungen durch „Scheuern“ der übergroßen weiblichen Genitalien offenbaren sich beim simpelsten Vergleich als fragwürdiges Argument: Auch männliche Genitalien befinden sich außerhalb des Körpers und verlangen bei bestimmten Tätigkeiten eine gewisse Vorsicht oder Beschränkung. Die störenden Teile zu entfernen oder zu verkürzen wäre hier aber absolut indiskutabel.

Es gibt gewiss medizinisch berechtigte Gründe für Eingriffe im Intimbereich. Die gehören aber in die Hände von spezialisiertem Fachpersonal und nicht in den Bereich der ästhetischen Chirurgie, in dem rein rechtlich betrachtet jeder Arzt tätig werden kann. Viele von ihnen haben nicht einmal die fachärztliche Ausbildung zum plastischen Chirurgen durchlaufen, wie ein Arbeitspapier zum Internationalen Frauentag 2009 feststellt. Die Patientinnen wiederum sind rechtlich nicht abgesichert. Die Operationen werden fast immer privat finanziert, das Risiko liegt allein bei den Frauen. Die Politik versucht dem fragwürdigen Trend entgegenzusteuern. Besorgt über psychologische und körperliche Folgen eines solchen Eingriffs haben Fachärzte und Psychologen verschiedener Institutionen in Wien ein Konsensuspapier verfasst. Es soll Patientinnen vor leichtfertigen Entscheidungen schützen, aber auch Ärzten und Ärztinnen als Leitlinie dienen. Rechtlich bindend ist es jedoch nicht. In Deutschland gibt es ein ähnliches Papier noch nicht, sondern lediglich die Stellungnahmen der verschiedenen Ärztegruppen. Selbst einige Intimchirurgen wie Stefan Gress fordern mehr Aufklärung und die Festlegung chirurgischer Standards im Bereich der Intimchirurgie. So löblich diese Forderungen zum Schutz der Patientinnen sind, so sehr lassen sie eine Reflexion der gesellschaftlichen Folgen vermissen. Auch die Forderung, die Motivation der Frauen vorab psychologisch zu prüfen, greift zu kurz. Die Gründe für einen intimchirurgischen Eingriff sind nicht nur das Ergebnis eines individuellen Entscheidungsvorgangs, sie beziehen sich immer auch auf eine gesellschaftliche Erwartungshaltung.

Wäre nun ein gerichtliches Verbot wie im Fall der Beschneidung die Lösung? Wer hat das Recht, über die Selbstbestimmung des Körpers zu entscheiden, und wie sind Altersgrenzen dieser Selbstbestimmung festzulegen? Mädchen, deren Körper sich noch in der Entwicklung befinden, intimchirurgische Eingriffe zu erlauben, erscheint indiskutabel. Volljährigen Frauen die Schönheitschirurgie zu verbieten, ebenso. Schließlich muss der Leidensdruck, der hinter solch einer Entscheidung steckt, ernst genommen werden, genauso wie das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Zumal in den USA die Beschneidung von Männern nicht nur religiös motiviert ist, sondern auch ästhetische und vermeintlich hygienische Gründe hat. Umso mehr gilt es, eine Debatte über die Frage nach den gesellschaftlichen und kulturellen Gründen für Nachfrage und Angebot des freiwilligen Unterziehens genitalchirurgischer Eingriffe in Gang zu bringen. Vielleicht ergeben sich so neue Möglichkeiten eines zeitgemäßen Umgangs mit den Phänomenen. Auch für das weibliche Geschlecht.

Juliane Löffler ist Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Design Thinking . Ihr Essay erschien ungekürzt zuerst in 360° – Das studentische Wissenschafts-Journal für Politik und Gesellschaft

14:49 20.07.2012
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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