„Ein historisches Versehen“

Interview Eine bewusst kinderlos lebende Frau stellt unser Mütterideal in Frage. Davon können auch Frauen mit Kindern profitieren, meint Sarah Diehl
Juliane Löffler | Ausgabe 06/2015 71

Der Freitag: Frau Diehl, eigentlich denkt man, unsere Gesellschaft ist so liberal und modern, dass kinderlose Frauen ganz selbstverständlich akzeptiert werden. Trotzdem sagen Sie, Frauen müssten sich auch heute noch für bewusst gewählte Kinderlosigkeit rechtfertigen. Wieso das?

Sarah Diehl: Weil Kinderkriegen nach wie vor nicht als rein private Entscheidung akzeptiert wird, sondern immer auch gesellschaftlich verhandelt wird. Hinter der Vorstellung, wie eine Frau ihr Leben strukturieren sollte, stecken auch Ansprüche des Staats.

Welche sind das?

Es geht um die Frage, wer die Fürsorgearbeit leistet – und zwar am besten umsonst und in der Familie. Also die Kinderbetreuung, aber auch, wenn die Frau sowieso schon ans Heim gebunden ist, die Pflege von anderen Menschen. Es geht auch um die Frage: Wer bezahlt die Renten? Das sind Aufgaben, die eigentlich gesamtgesellschaftlich gelöst werden müssen. Stattdessen wird Kinderkriegen immer wie-der zum Frauenthema gemacht.

Sind wir darüber nicht weg? Viele Männer machen sich heute genauso einen Kopf, was ein Kind für das Leben ihrer Partnerin bedeutet, wie für ihr eigenes ...

Theoretisch können Frauen heute sehr unabhängig leben. Um diese Unabhängigkeit in Frage zu stellen, wird oft argumentiert, die Frau sei von Natur aus fürsorglich und habe qua ihrer Biologie das Bedürfnis, Kinder zu bekommen und diese zu umsorgen. Eine kinderlose Frau stellt das in Frage. Sie zeigt ihre eigenen Bedürfnisse deutlich auf. Deshalb wird Kinderlosigkeit auch abgewertet. „Mit der stimmt was nicht“, heißt es dann schnell. Diesen Biologismus muss man von sich weisen.

Sarah Diehl, Jahrgang 1978, hat sich ganz bewusst für ein Leben ohne Kinder entschieden. Sie ist Buchautorin und Filmemacherin. Vor kurzem ist von ihr Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich. Eine Streitschrift bei Arche erschienen | Foto: privat 

Sie meinen das Konzept des Mutterinstinkts?

Ja, damit gehen auch meistens sogenannte Bonding-Theorien einher, die besagen, nur die Mutter könne für das Kind richtig sorgen. Alle anderen Personen riechen dann nicht richtig oder haben den falschen Herzschlag. Das wird hochsymbolisch aufgeladen. Und es zielt darauf ab, zu sagen, nur die Frau sei hier kompetent. Da wird den Frauen eine Falle gestellt.

Die Falle, eine glückliche Vollzeitmutter zu sein?

Genau, gerade weil Mutterschaft so stark an Emotionen geknüpft ist, ist es schwer, sich dagegen zu wehren und zu sagen: „Ich mache diese Arbeit nicht.“ Dann bist du lieblos – und wer will das schon sein? Vor allem, wenn dir andere Anerkennungsmuster verschlossen bleiben, zum Beispiel über politische oder wissenschaftliche Arbeit, die Frauen lange nicht machen durften. Da gab es dann nur Mutterschaft als positive Identifikation. Das arbeitet noch heute in uns fort, verstärkt auch aufgrund eines sehr prekären Arbeitsmarktes. Diese Vorstellungen lösen sich ja nicht einfach in nichts auf.

Wenn eine Frau sich gegen Kinder entscheidet, mit welchen Vorurteilen ist sie konfrontiert?

Sie denke zu sehr an sich, heißt es dann. Sie sei karrieregeil, übernehme keine Verantwortung und wolle nicht erwachsen werden. Frauen erzählen mir immer wieder, dass sie sich tatsächlich fragen, ob mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie trotz einer glücklichen Partnerschaft keinen Wunsch nach Kindern verspüren, weil positive Identifikationsangebote für Kinderlose noch fehlen. In unseren Erzählungen, etwa in Märchen, ist die unabhängige, kinderlose Frau ja auch böse – sie ist die Hexe.

Trifft kinderlose Männer der Egoismus-Vorwurf nicht genauso?

Viel weniger. Während meiner Recherche habe ich gemerkt: Viele Männer haben sich bisher kaum Gedanken über das Thema gemacht, weil sie sich nicht rechtfertigen müssen und nie darauf angesprochen werden.

Wie ist das zwischen kinderlosen Frauen und Müttern? Machen die sich gegenseitig Vorwürfe?

Ich denke, man muss zeigen, dass Mütter genau wie Kinderlose unter unserem übersteigerten Mütterideal leiden. Deshalb glaube ich auch, dass Kinderlosigkeit allen Frauen helfen kann, weil gewisse Weiblichkeitskonzepte dadurch hinterfragt werden. Vor allem geht es aber darum, dass beides gleichberechtigt möglich sein muss: Kinder bekommen – oder auch nicht, ohne dass man sich dafür schuldig fühlen muss.

Sie haben viele Gespräche mit kinderlosen Frauen geführt. Welche Gründe geben diese an, warum sie sich bewusst gegen Kinder entschieden haben?

Es gibt Frauen, die eine schlimme Kindheit hatten und die diese Linie nicht weiterführen möchten. Sie halten Familie als Hort der Liebe und Wärme für eine Illusion. Andere sind eher wie ich und sagen: „Ich hatte eine super Kindheit, aber ich liebe meine Freiheit.“ Und dann gibt es auch die Angst, dass die Partnerschaft scheitert, wenn ein Kind da ist.

Hat man das nicht selbst in der Hand?

Normalerweise wird gesagt, das Kind sei die Krönung der Liebe. Bei vielen geht es dann aber mit der Partnerschaft bergab – gerade weil so viel mehr von der Frau verlangt wird. Auch in vorher gleichberechtigten Partnerschaften ist dann auf einmal wieder die klassische Arbeitsteilung da. Unser Steuersystem mit dem Ehegattensplitting stützt das noch zusätzlich. Das schafft krasse ökonomische Abhängigkeiten, die man nicht unterschätzen sollte.

Können emanzipierte Frauen das nicht anders gestalten?

Die meisten Leute gehen davon aus, Gleichberechtigung sei erreicht, wenn Frauen dieselben Sachen machen können wie Männer. Sie vergessen, dass dafür Männer aber auch die gleichen Sachen machen müssen wie Frauen. Daran hakt es immer noch. Es ist doch absurd: Warum ist Doppelbelastung weiterhin ein Thema, über das sich nur Frauen Gedanken machen müssen? Warum sollen sie nicht auch eine Tagesmutter haben können, um etwas Freizeit zu haben? Stattdessen müssen Frauen inzwischen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder optimieren.

Sie sprechen von den sogenannten Helikoptermüttern?

Mutterschaft ist heute ein Aspekt der Leistungsgesellschaft. Das wohlgeratene Kind wird für die Mutter zu einem Symbol ihrer Leistung. Und wenn die Erziehung schiefläuft, wird der Frau allein die Schuld zugeschoben.

Das hat auch viel mit unserem Konzept der Kleinfamilie zu tun.

Mir erscheint die Kleinfamilie als ein historisches Versehen, eine Transformation, die vielleicht in einer bestimmten Epoche sinnvoll war. Aber heute sind die Leute doch total überfordert von dieser Zweierkonstellation und den verschiedenen Vorstellungen, die damit erfüllt werden sollen: romantische Liebe, Partnerschaft und die perfekte Kinderbetreuung. Das klappt nicht, deshalb gibt es ja auch so viele Scheidungen. Weil eben immer gesagt wird: Für das Kind ist nur die Kleinfamilie gut.

Was wären denn Gegenbeispiele zum Konzept Kleinfamilie?

Die Kinderbetreuung müsste auf mehreren Schultern lasten. In Kanada etwa gibt es mittlerweile die Möglichkeit, vier Erwachsene als soziale Eltern eintragen zu lassen. Dafür gibt es auch alternative Wohnkonzepte, etwa Mehrfamilienhäuser oder Mehrgenerationenhäuser. Ich habe etwa eine Landkommune besucht, in der 40 Erwachsene mit fünf Kindern leben. Die Kinder haben feste Bezugspersonen, aber alle kümmern sich um sie. Warum soll das nicht gehen? Nur: Wo kann man überhaupt noch in der Stadt in großen WGs zusammenleben?

In Patchwork-Familien wird doch heute oft eine Form von sozialer Elternschaft gelebt.

Ja, allerdings haben es gerade soziale Väter schwer. Männern wird immer wieder abgesprochen, sich kompetent um ein Kind kümmern zu können, schon gar nicht, wenn es nicht ihr eigenes ist. Im Alltag bekommen sie einerseits viel Anerkennung, weil sie sich überhaupt kümmern. Andererseits wird versucht, ihnen dann sofort alles abzunehmen: „Brauchen Sie Hilfe?“ Oft wird dabei übersehen, dass sie das sehr gut selbst können. Das Problem kennen aber auch biologische Väter.

Und soziale Mutterschaft?

Auch die ist nicht einfach akzeptiert. Da kommen dann Ressentiments hoch: „Du kannst das ja gar nicht richtig, weil du keine eigenen Kinder hast und dich dagegen entschieden hast.“ Aber wie viele Kinderlose arbeiten in pädagogischen Berufen? Und die sagen: „Ich bin lieber für 20 Kinder im Kindergarten da als für eines zu Hause.“ Daran sieht man, dass der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit einfach Quatsch ist.

Welche Möglichkeiten haben denn Mütter, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren?

Die Kleinfamilie ist jedenfalls nicht immer das Richtige. Es gibt diesen spannenden Vorschlag der Soziologin Eva Illouz, die meinte, es tue vielleicht anfangs weh, den Gedanken zuzulassen, aber vielleicht sei die romantische Partnerschaft einfach nicht die richtige Form, um Kinder zu bekommen. Vielleicht sei Freundschaft eine bessere Form. Freundschaft muss ja nicht weniger loyal oder beständig sein als eine Partnerschaft. Ich halte das sogar für sinnvoller, weil dann nicht noch zusätzlich diese romantische Erwartungshaltung auf den Eltern lastet. Jedenfalls haben viele Menschen das Bedürfnis, neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Und ich denke, da sollte man ihnen keine Steine in den Weg legen.

06:00 18.03.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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