Juliane Löffler
Ausgabe 1216 | 24.03.2016 | 06:00 2

Ein Licht im Dunkeln

Nahaufnahme Nacht für Nacht retten Freiwillige vor der griechischen Insel Chios Flüchtlinge aus Seenot. Was treibt sie an?

„Hey, seid still, und zwar alle.“ Kapitän Borja Olabegogeaskoetxea schreit gegen das Meeresrauschen an. Von Angst verzerrte Gesichter tauchen im Schein der Taschenlampe auf, Babys schreien, ein Mann schmeißt aus Panik einen Plastiksack über Bord. Die Menschen in dem grauen Schlauchboot fürchten sich nicht vor dem Mann, der mit roter Windjacke und gelbem Schutzhelm auf seinem Rettungsboot neben ihnen in den Wellen schaukelt – sie haben Angst um ihr Leben. Das Gummi der Boote quietscht laut, wenn sie im Wellengang aneinanderstoßen. Es ist zwei Uhr nachts, wenige Kilometer vor der Insel Chios im ägäischen Meer, und in der letzten Stunde hat der Wind merklich aufgefrischt.

„Spricht jemand Englisch?“ Ein Mann am Bug des Bootes meldet sich. Borja umfährt das Flüchtlingsboot in einem weiten Bogen, um näher an den jungen Syrer zu kommen, der in der nächsten halben Stunde die Übersetzung übernimmt. „Geht es allen gut?“, ruft Borja auf Englisch. „No“, rufen die Leute. Das Boot ist voll Wasser, der Motor ausgefallen.

Es ist das dritte Flüchtlingsboot, dem Kapitän Borja in dieser Nacht hilft, aber das erste, das ernsthafte Probleme hat. Mit dem Übersetzer klärt Borja Faktenfragen. Wie viele Menschen? 50, davon 30 Kinder. „Zero tres“, ruft Borja seiner Mannschaft zu, einem baskischen Rettungsteam, rund sieben Mann stark, das seit drei Monaten ehrenamtlich vor Chios aktiv ist. Ein rotes Abschleppseil wird zu den Flüchtenden hinübergereicht und befestigt. Ein Mann aus dem grauen Schlauchboot versucht, sich am Rand des Rettungsbootes festzuhalten. „Nein“, brüllt Borja, „nicht anfassen.“ Sein Rettungsboot ist viel kleiner als das Schlauchboot der Flüchtenden. Auf offener See muss man die Füße während der Fahrt fest gegen den Vordersitz klemmen, um nicht aus Borjas Boot herauszufallen.

Weg von den Klippen

Es ist ein fester Ablauf, nach dem das Team „Salvamento Marítimo Humanitario“, kurz SMH, auf dem Meer vorgeht. Zuerst wird nach akuten Notfällen gefragt, und ob das Boot in Ordnung ist, dann die Zahl der Geflüchteten ermittelt. Danach geht es da-rum, ob ein Übersetzer greifbar ist. Wenn die Boote in Ordnung sind, werden sie von SMH mit Taschenlampen an einen der drei sicheren Häfen von Chios gelotst – oder mit einem Rettungsseil abgeschleppt. Ohne diese Hilfe landen sie oft an unwegsamen Klippen oder verlassenen Stränden, vor allem wenn die Schlepper noch mit an Bord sind und die Menschen am Ufer ins Wasser schmeißen. Vergangenen Herbst starb ein Syrer, weil er sich den Kopf aufschlug, als er über die Klippen an Land klettern wollte.

Plötzlich taucht ein helles Licht auf dem Meer auf – die griechische Küstenwache. Untergehen wird das Flüchtlingsboot nicht. Doch es ist überfüllt, die Menschen sitzen im Wasser und wirken panisch. Auch das kann eine lebensbedrohliche Situation sein. Langsam fährt die Küstenwache an das Boot heran und wirft ein Tau aus. Jetzt ist der gefährlichste Moment, wird Borja später erklären. Wenn die Menschen hektisch das Boot verlassen wollen und es so zum Kentern bringen. In der Ferne schimmern die Lichter von der Insel, ringsherum ist das Wasser tiefschwarz. Wieder fährt Borja einen Bogen, positioniert sich neu. „Setzt euch hin“, brüllt er.

Das Geschrei auf dem Boot wird lauter, die Menschen drängen zu dem hohen Geländer des Marineschiffs. Als die Situation zu eskalieren droht, steigt Borja kurzerhand selbst auf das Schlauchboot. „Die Babys zuerst“, ruft er und reicht Säuglinge und Kleinkinder zur Küstenwache hinauf, während er den Durchgang zur Leiter an dem Küstenwachenboot blockiert.

Als alle Menschen geborgen sind, kehrt Ruhe ein, nur ein paar Männer gestikulieren weiter. Die durchtränkten Rucksäcke liegen noch in dem Boot, in einem sind wichtige Medikamente für einen der Geflüchteten. Das Rettungsteam sucht nach dem richtigen Rucksack, schließlich schmeißen sie die schweren Stoffbündel über den Bug auf das Marineschiff. Es gilt keine Zeit zu verlieren auf dem Wasser. Die Marine dreht ab, mit schnellen Handgriffen befestigt das Rettungsteam das leere Boot an der Flanke ihres Schiffes. Zurückgelassen werden die leeren Boote nie – zu groß ist die Gefahr, sie mit jenen zu verwechseln, die gerettet werden müssen.

Ein Flüchtlingsboot in der Nacht vor der Insel Chios

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

„Los, Jungs!“, treibt Borja sein Team an. Der Käpitän gibt die Befehle, auf dem Meer gibt es keine Widersprüche. Sie fahren zurück in den Haupthafen an der Ostküste der Insel, wo Frontex schon wartet. „How many horses?“, fragt ein Frontexmitarbeiter. Jon aus dem SMH-Rettungsteam ist irritiert – es sind doch Menschen, keine Pferde. Dann versteht er. Gemeint sind die Pferdestärken des Motors, und die Regis-trierungsnummer, die Frontex protokolliert, um gegen die Schlepper vorzugehen.

Auf dem Rückweg zu ihrem Ausgangshafen in Ermioni ist es still auf dem Rettungsboot. „Eigentlich finde ich es nichts Besonderes, was ich hier mache“, sagt Jon leise. „Wir sind alle nur ein paar Sandkörner, die versuchen, ihren Teil beizutragen.“ Seit knapp zehn Tagen ist er hier, gelernter Feuerwehrmann, gerade hätte er eigentlich Ferien. Und wie alle anderen aus dem Team arbeitet er ehrenamtlich, zwei Wochen lang. So hat es Borja entschieden, der sich die Lebensläufe der Freiwilligen zuschicken lässt, bevor sie kommen können.

Die Begrenzung der Einsatzzeit ist wichtig. Auf Dauer ist die Arbeit von SMH psychisch und physisch nicht durchzuhalten. Die Uniformen werden nie ausgezogen, Bereitschaft ist 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Geschlafen wird tagsüber, stundenweise, oder wenn das Wetter schlecht ist und keine Boote kommen. Fünf Stunden Schlaf sind Luxus. Trotz der geschlossenen Grenze Mazedoniens und der Ansage der türkischen Regierung, vermehrt Flüchtlingsboote aufzuhalten und zurückzuholen, ist ihre Zahl auf Chios bisher nicht gesunken. Ein Ende ist nicht absehbar.

Borja ist der Einzige, der seit drei Monaten ununterbrochen im Einsatz ist. Seit er das Team mit der Hilfe von Spenden, hauptsächlich von spanischen Sportvereinen, aufgebaut hat. Gegründet hat er SMH, nachdem die Zahlen der Toten vor den Küsten Libyens, vor Lesbos und Lampedusa immer weiter stiegen. Seitdem hat er rund 10.000 Menschen sicher an die Küste von Chios gebracht. Doch er sagt: „Das hier ist gar nix. Ein Spaziergang durch den Park.“

Er sitzt in seinem Zimmer, hat sich eine Cola aufgemacht, isst Brot mit Nutella. Drei Handys liegen vor ihm auf dem Tisch. Seine Nummern kursieren, wer ihn genau anruft, weiß er angeblich nicht. Die Küstenwache, Flüchtende, organisierte Rettungstelefone ehrenamtlicher Helfer aus allen Ländern der Welt. Überall stapeln sich Kartons, alte Klamotten, leere Verpackungen. Kein Ort, an dem man Kraft tanken kann. Wie hält er das durch? Er zuckt mit den Schultern. „Ich bin Kapitän“, sagt er knapp. „Ich habe als Seemann die Pflicht, Menschen auf dem Meer zu retten.“

Vor SMH betrieb er im Sommer als Kapitän eine eigene Yacht und arbeitete im Winter als Schiffsmaschinist unter Deck oder als Fischer, in Afrika und Europa. Seitdem hat sich sein Leben verändert. „Auf dem Meer bestimmen die Fische dein Leben. Hier sind es die Boote.“ Warum er das alles macht? Er wisse, was Rettung bedeutet, sagt er. Einmal verließ er als Kapitän die Küste bei Bilbao, Windstärke acht. Auf dem offenen Meer schlugen die Wellen schwer auf sein Schiff ein, 35 Stunden lang. Sie kamen nicht mehr vor oder zurück. An alle Häfen in der Nähe gaben sie ihre Position durch, niemand konnte kommen. Sie stellten sich darauf ein, zu sterben. „Plötzlich tauchte mitten aus dem Nichts das Licht eines Rettungsschiffes auf. Für dieses Gefühl gibt es keine Beschreibung. Und ich dachte, das kann ich anderen auch geben.“

Kapitän Borja Olabegogeaskoetxea

Foto: Isabel Peterhans

SMH ist von der griechischen Regierung offiziell beauftragt und Mitglied im Bündnis der Seenotrettungsdienste. „Wir sind professionell, und natürlich müssen wir gut mit der Küstenwache und Frontex zusammenarbeiten“, sagt Borja. An seiner Unterlippe trägt er einen silbernen Piercingring. „In meinem normalen Leben bin ich verdammt links, wie die anderen hier auch. Aber für meine Arbeit muss ich das vergessen. Ich bringe die Leute auch an Land, wenn die Polizei sie hinterher festnimmt. Auf dem Meer habe ich nur eine Aufgabe: die Leute aus dem Wasser retten.“

Angesprochen auf die Rettungsschwimmer auf Lesbos, die Anfang des Jahres verhaftet wurden, sagt er nur, sie hätten eben keine Erlaubnis gehabt, im Meer zu operieren. „Die Grenze zwischen einem Retter und Wasser und einem Opfer im Wasser ist sehr dünn. Was den Unterschied macht, ist die Ausbildung eines Teams. Die Leute, die an den Küsten die Boote in Empfang nehmen, haben bei allem guten Willen keine ordentliche Versicherung, keine ordentliche Ausbildung. Das reicht nicht.“ Borja kritisiert, was unter den Ehrenamtlichen auf den griechischen Inseln als „Shoring“ bezeichnet wird: der Empfang von Flüchtlingen an den Küsten, ihnen aus den Booten helfen, die Erstversorgung mit trockener Kleidung, Wärmedecken, Trinkwasser.

Es ist der sexieste Job unter den Aufgaben der Freiwilligen, und er produziert jene Bilder, die aus Lesbos herüberdringen, von Helfern und Helferinnen mit Babys auf dem Arm. Ist das keine wichtige Arbeit? „Mich interessiert, dass mein Boot und mein Rettungswagen funktionieren. Mehr nicht“, sagt Borja. „Ich werde mich sicher nicht mit den Leuten am Strand darum streiten, wer die Menschen in Empfang nehmen kann.“

Von den anderen Helferteams wird diese Haltung oft als Arroganz aufgefasst, als Heldengetue. SMH hält sich in den täglichen Teammeetings der Helfergruppen im Hintergrund, Borja nimmt nur selten teil. Jetzt, als sein Handy klingelt, wird verständlich, warum. Seine Aufgabe ist diejenige mit der größten Verantwortung. Wenn er zu langsam ist, sterben womöglich Menschen. Seine Arbeit zeigt am deutlichsten, wie der Ausnahmezustand zum Alltag wird, und wie da kein Platz mehr ist für Privatleben. Erstaunlicherweise ist es aber auch genau das, was die ehrenamtliche Hilfe so attraktiv macht. Die einzige Frage, für die Zeit bleibt, ist: Was braucht man eigentlich zum Leben, was zum Glücklichsein? Es ist eine völlige Reduzierung auf das Wesentliche. „Verdammt gut, unabhängig, verantwortlich“, beschreibt Borja seine Arbeit. „Jeder Tag ist anders, jede Rettung ist anders. Du weißt nie, was passieren wird.“

Mitten im Gespräch klingelt sein Handy. „Okay“, sagt er. Dann macht er einen Anruf und bittet jemanden darum, ihm die Koordinaten zu schicken. Er zieht seinen Reißverschluss zu, es geht los. Auf seinem Motorrad rast er die steile Kopfsteinpflasterstraße hinunter zum Hafen. Er wirft den Bootsmotor an. Nach kurzer Zeit beginnt die feine Meeresgischt unangenehm in der Nase zu brennen. Die Wellen knallen hart gegen den kleinen Bug, als Borja Gas gibt.

Info

Die Recherche wurde ermöglicht durch das Stipendium „Reporters in the Field“ der Robert-Bosch-Stiftung

Zusammen mit der Illustratorin Isabel Peterhans recherchiert die Autorin derzeit für einer Reportage über freiwillige Hilfsnetzwerke in Europa

Die NGO Salvamento Marítimo Humanitario kann man hier unterstützen

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 24.03.2016 | 13:24

„In meinem normalen Leben bin ich verdammt links, wie die anderen hier auch. Aber für meine Arbeit muss ich das vergessen. Ich bringe die Leute auch an Land, wenn die Polizei sie hinterher festnimmt. Auf dem Meer habe ich nur eine Aufgabe: die Leute aus dem Wasser retten.“

Menschen aus dem Meer ins Gefängnis "retten".

Warum die wohl freiwillig ins Meer gegangen sind und nicht gleich - vorher - ohne das böse gefährliche Meer - ins Gefängnis?