Eine leichte Druckwelle

Autobahn In der Diskussion um ein mögliches Tempolimit ist die Empörung groß. Ich kann das nicht verstehen. Warum? Dazu muss ich eine Geschichte erzählen
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Eine leichte Druckwelle
Foto: Philippe Huguen/ AFP/ Getty Images

"Na, dann hat Frau Merkel gerade einen neuen Wähler gewonnen!" schreibt ein Kommentator auf Spiegel Online zum Thema Tempolimit. Ich verstehe das nicht. Sicherlich schwingt da auch schon Wahlkampfstimmung mit. Aber auch ein unerklärliches Beharren auf ein Recht, dessen Sinn mir doch mal bitte jemand erkären soll. Kein Mensch muss 270 auf öffentlichen Straßen fahren. Und wenn er das will, soll er das eben an einem Ort machen, wo er nicht andere damit gefährdet oder sich meinetwegen in einen ICE setzen. Da kann man dann sogar aus dem Fenster schauen. 55 % der Abstimmung auf der Seite des Spiegel sehen das anders.

http://img838.imageshack.us/img838/9292/votet.jpg

Aber um mein Unverständnis für die Tempolimit-Gegner zu erklären, muss ich eine kleine Geschichte erzählen.

Vor drei Jahren (oder waren es vier?) fuhr ich mit meiner Familie von Frankfurt nach Düsseldorf. Es war der zweite Januar, eine eiskalte Nacht mit Temperaturen weit unter null, mit frostigen Straßen, etwa fünf Uhr in der Nacht. Wir wollten am nächsten Morgen pünktlich einen Flieger kriegen und waren – weil schon im Wetterbericht glatte Straßen angekündigt worden waren – extra früh losgefahren.

Außer uns war fast niemand unterwegs, die Autobahn war leer, alle (außer unser Fahrer) hatten sich schlaftrunken in ihre Wintermäntel eingerollt. Plötzlich schoss in atemberaubender Geschwindigkeit ein Wagen an uns vorbei, wir spürten eine leichte Druckwelle, das Auto ruckte vom Fahrtwind ein wenig zur Seite, nur ganz leicht. Der Wagen, dunkelblau, irgendwas Teures, sauste die ansteigende Autobahn herauf und war schnell nicht mehr zu sehen. Wir rätselten noch, wie schnell er wohl gefahren war, mindestens 250 sagte jemand, sicher 270 sagte unser Fahrer, wie leichtsinnig bei dem Wetter empörte sich ein Dritter.

Und dann geschah, unmittelbar darauf, etwas gespentisches. Durch die nebelige Luft kamen uns kleine Plastikteile entgegengeflogen, flogen und poltereten an uns vorbei, schrappten über den Asphalt, Zettel wirbelten durch die Luft, und dann waren da die Rauchschwaden. Ein LKW grätschte quer über die Autobahn, unser Fahrer riss das Steuer rum, irgendjemand hupte laut, und noch während wir auf den Seitenstreifen auswichen sahen wir wie in einem Film ein zerbeultes, dunkelblaues Blechknäuel an der Leitplanke. Wie ein zerknülltes Blatt Papier.

Wir hielten an, kurz sagte niemand etwas, dann redeten alle durcheinander. Uns war nichts passiert, der LKW war vor uns zum Stehen gekommen. Unser Fahrer stieg aus und kam nach ein paar Minuten zurück, wir hatten ein Warndreieck aufgestellt und er mit dem LKW-Fahrer Krankenwagen und Polizei angerufen. "Da ist Hopfen und Malz verloren" sagte er und hatte einen Ausdruck im Gesicht, den ich noch nie an ihm gesehen hatte. Aschfahl. Er war zu dem verunglückten Wagen gelaufen. Und wir hatten Angst um ihn gehabt, weil er dafür die Autobahn überqueren musste. Wir warteten bis die Rettungswagen eintrafen, und als klar war, dass hier niemand unsere Hilfe benötigen würde, fuhren wir weiter. Es schien absurd jetzt einfach die Fahrt fortzusetzen. Natürlich fuhren wir trotzdem.

Die restliche Fahrt waren alle sehr wach und sehr still.

Letztes Wochenende bin ich wieder von Frankfurt aus gefahren, allerdings nach Berlin, und ich saß selbst am Steuer eines sehr, sehr alten Wagens. Baujahr 1986 (genauso alt wie ich). Der alte Wagen heißt Eimo und er fährt am liebsten 120 km/h. Viel schneller kann er auch nicht. Wieder schoss, es war schon dunkel, und die Straße schon recht leer, ein Wagen an uns vorbei. Mit gefühlt 300 Stundenkilomtern. Und sofort hatte ich wieder dieses mulmige Gefühl im Bauch. Und dachte: Wann kriegen wir endlich ein Tempolimit für die Autobahn?

Foto "Vote-Auswertung": Screenshot/ spiegel.de

14:55 10.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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