Hurra, meine Mutter wird wieder heiraten!

Frauensache Weil sich die Eltern unserer Autorin scheiden ließen, war Ehe für sie lange etwas Undenkbares. Doch auf einmal ist sie glücklich über das zweite "Ja" der Mutter. Warum?
Ausgabe 40/2013

Man muss die Vorgeschichte kennen: „Mit 17? Das zählt nicht“, sagen mir Freunde immer wieder, wenn ich mich als Scheidungskind bezeichne. So alt war ich, als meine Eltern sich trennten. Warum sie überhaupt geheiratet hätten, wollte ich damals zornig wissen. Was das bringen soll. Außer eine traumatische Erfahrung für die Kinder, die im Scheidungskrieg mitbekommen, wie materielle und emotionale Rechte auseinanderdividiert werden, wenn es nur noch um Rache, Wut und Enttäuschung geht. Und um ein gebrochenes Versprechen. Die Fetzen fliegen ja immer, außer bei diesen komischen Bilderbuchscheidungen, die alle kennen, aber niemand jemals selbst erlebt hat.

Die Eltern sind schließlich mit der Scheidung als Ehepaar hochoffiziell gescheitert. Kein Kind bleibt davon unberührt. Auch nicht mit 17. „Bis dass der Tod euch scheidet.“ Selbst wenn man bei der Trauung noch nicht auf der Welt war, als Kind hat man das Gefühl, ein mindestens genauso großes Anrecht auf dieses Versprechen zu haben wie die Eltern. „Dann hättet ihr eben nicht heiraten dürfen!“

Am besten lässt man das gleich, dachte ich daher in den vergangenen zehn Jahren. Warum sich dieses so scheinheilige Versprechen geben, man wolle den Rest des Lebens miteinander verbringen, wenn es dann im Ernstfall doch nicht gilt? Es hat natürlich mit der Scheidung meiner Eltern zu tun, dass ich die Hochzeitsfotos meiner ehemaligen Schulkameraden auf Facebook sehe und gleich ein unwohles Gefühl bekomme. Ist das euer Ernst? Wie kann man mit Ende 20 wissen, dass jemand ein „Partner fürs Leben“ ist? Dahinter kann ich allenfalls den Wunsch erkennen, sich der Illusion eines irgendwie gesicherten und bildungsbürgerlichen Lebens hinzugeben. Um der ganzen Welt zu demonstrieren, man sei nun alt genug, zu wissen, was man wolle. Ich weiß es natürlich besser! Ich werde das anders machen. Ehe fällt für mich aus, und ich lache über jene, die es versuchen. Wir leben lieber progressiv, pragmatisch, ehrlich.

Auf einmal ist es okay

Aber jetzt ist etwas passiert. Meine Mutter wird wieder heiraten. Ihren langjährigen Freund. Und ich? Habe mich gefreut, wirklich aufrichtig. Was ist da los? Auf einmal ist Heiraten für mich mehr als okay. Ich bin richtig glücklich über die Hochzeit in meiner Familie, obwohl ich es doch eigentlich besser wissen müsste. Aufgrund meiner Erfahrungen müsste ich ängstlich oder zumindest skeptisch sein, und mit ernster Miene bei meiner Mutter nachfragen, ob in ihrer Beziehung alles in Ordnung sei. Stattdessen hänge ich am Telefon wie ein aufgeregtes Kind und schmiede Partyvorbereitungen. Eine Fotobox, ein selbstgedichteter Song, das ganze Programm. Und erzähle meinen Freunden – die sich merkwürdigerweise auch alle freuen –, dass es doch irgendwie „süß“ und „romantisch“ sei, wenn die zwei Alten zu Hause mit 60 noch heirateten.

Natürlich wird die Hochzeitsfeier nicht so spießig und konservativ, sondern wild und ausgelassen, mit viel Alkohol, bis spät in die Nacht und heftigen Jam-Sessions im Wohnzimmer. Trotzdem: Vorm Standesamt werden wir alle in Reihe und Glied stehen – und ich werde diese ganzen Rituale, Blumenstrauß, Unterschrift, Hochzeitskuss fröhlich anschauen. Wir Kinder werden dann nicht mehr denselben Nachnamen tragen wie unsere Mutter. Die Enttäuschung darüber werde ich überspielen. Die letzte Verbindung zwischen dem elterlichen Ehepaar: gekillt. Egal. Vielleicht werde ich sogar Blumenmädchen. Und mich spätestens dann fragen müssen, wer in mir da gerade alle meine Ideale über Bord wirft: eine kleine Spießerin, eine rückgratlose Heiratsopportunistin oder ein 17-jähriges Kind?

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Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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