Juliane Löffler
Ausgabe 4613 | 14.11.2013 | 06:00 40

Ins Freie

Yasmina Banaszczuk wollte die SPD verändern. Sie machte Vorschläge zu mehr innerparteilicher Demokratie und diskutierte mit Sigmar Gabriel. Nun ist sie frustriert ausgetreten

Wenn man Yasmina Banaszczuk nach ihren guten Erfahrungen mit der SPD fragt, erinnert sie sich zunächst an ein Gefühl der Einheit, an das Aufgehobensein in einem größeren Ganzen, an den Eindruck, dass für einen Augenblick alle in dieselbe Richtung ziehen. Sie kann den Moment noch genau benennen: Es war der Parteitag im Dezember 2011 in Berlin. Vorn hielten Helmut Schmidt und Sigmar Gabriel Reden über Europa und Solidarität, langer Applaus folgte. Die Zuhörer wollten sich begeistern. Und Banaszczuk war mittendrin, im Redaktionsbereich der Veranstaltung, engagiert als Bloggerin. Sie war beeindruckt von der Energie und dem „Gefühl der Solidarität“.

Zwei Jahre später ist sie desillusioniert aus der SPD ausgetreten. Sie hat ihren Glauben verloren, dass es diese Partei ernst meint. Dass sie sich wirklich öffnen und demokratisieren will. Banaszczuk ging aber nicht still und leise wie viele andere, sie erklärte ihre Entscheidung in einem emotionalen Beitrag auf ihrem Blog. Und sorgte damit für viel Aufsehen. Viele SPD-Anhänger stimmten ihr zu, sogar mancher Abgeordneter. Andere warfen ihr vor, zu empfindlich zu sein oder zu schnell aufzugeben. Die angeregte Diskussion zeigte: Die 28-Jährige hatte einen Nerv getroffen.

Männlich, weiß, studiert

Eigentlich sind die großen Parteien auf junge, engagierte Menschen dringend angewiesen. Bis auf die Grünen haben alle mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Die Anzahl der SPD-Mitglieder hat sich seit 1990 fast halbiert, das Durchschnittsalter beträgt 59 Jahre. Die Partei braucht junge Menschen, die sich noch auf die Straße stellen und Flyer verteilen. Die auch jenseits von Twitter aktiv sind und eine Brücke zwischen analoger und digitaler Welt schlagen. Aber es fehlen die Strukturen, um den Nachwuchs zu integrieren.

Zwischen der Gesellschaft und der Parteispitze gibt es eine Kluft. Wer in der Partei etwas zu sagen hat, ist meistens: männlich, älter, Akademiker und ohne Migrationshintergrund. Wie kann die SPD da glaubhaft vertreten, sie sei eine Volkspartei?, fragt Banaszczuk. „Es ist ja offensichtlich, dass große Teile der Gesellschaft anders ticken als diese Partei. Und die SPD traut ihrer Basis nicht.“ Zwei Wochen nach ihrem Austritt sitzt sie in einem kleinen Café in Hamburg und isst Schokokuchen. Auf den Tischen stehen bunte Windräder, im Wandregal liegen Stofftiere. Sie kommt gern hierher, sagt sie. Im Gespräch wirkt sie unprätentiös, fast ein wenig schüchtern.

Eigentlich war die Promotionsstudentin nur ein einfaches Parteimitglied und stellvertretende Juso-Vorsitzende im Ortsverein in Hamburg-Horn. Aber trotzdem hatte sie eine privilegierte Position in der SPD, weil sie eine Zeit lang über einen direkten Kontakt zur Parteispitze verfügte. Vergangenes Jahr startete sie nach einer Diskussion auf Twitter mit dem SPD-Mitglied und Netzaktivisten Dennis Morhardt ein Mitgliederbegehren. Das erste seit der Parteireform 2011, in der Sigmar Gabriel proklamiert hatte, die SPD solle die „modernste Partei Europas“ werden. Banaszczuk schnaubt verächtlich, wenn sie heute daran denkt.

In dem Mitgliederbegehren ging es um Vorratsdatenspeicherung, ein sperriges, aber wichtiges Thema. Wo steht die Partei im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit? Dürfen verdachtsunabhängig Daten der Bürger gespeichert werden? „Vorratsdatenspeicherung widerspricht meinem Menschen- und Gesellschaftsbild. Jeder Mensch ist erst mal unschuldig“, sagt Banaszczuk. Nach mehreren Abstimmungsversuchen drückte die Parteispitze den Beschluss zur Vorratsdatenspeicherung durch. Banaszczuk aber bemerkte, dass es an der Basis viele Menschen gab, die nicht einverstanden waren. „Früher dachte ich, in einer Partei kommt eine Meinung von oben – und ich als Mitglied vermittele das dann weiter.“ Mit dem Mitgliederbegehren veränderte sich ihre Haltung grundlegend.

Die etablierten Parteien versuchen in dieser Zeit, ihre Wähler nicht an die Piratenpartei zu verlieren. Netzpolitik und Mitbestimmung sind plötzlich angesagte Themen. Der SPD-Parteivorstand wird auf Banaszczuk aufmerksam, Sigmar Gabriel und Brigitte Zypries kommen zu einem Gespräch mit ihr und Dennis Morhardt ins Willy-Brandt-Haus, um über ihre Vorschläge zu diskutieren. Die demokratischen Strukturen innerhalb der Partei müssten verbessert werden, fordert Banaszczuk.

Gabriel erteilt ihr den Auftrag, ein wissenschaftliches Papier zu ihren Thesen zu schreiben. Sie nimmt den Parteivorsitzenden beim Wort. Fünf Monate arbeitet sie an einem Konzept, unterbricht dafür ihre Promotion, arbeitet bis spät in die Nacht. „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ – das Zitat von Willy Brandt schreibt sie in den Vorspann. Sie sei „ein kleines Willy-Brandt-Fangirl“, sagt Banaszczuk. Weil dieser immer das Gespräch gesucht habe. Und weil er wusste, wann es Zeit war, Platz für Junge zu machen. In der SPD, sagt Banaszczuk, habe sie wenig von Brandts Geist gespürt.

Als sie das Papier einreicht, macht man ihr klar, sie solle nicht ernsthaft denken, dass davon etwas umgesetzt würde. Sie ist enttäuscht. „Dabei geht es mir wirklich nicht um mich“, betont sie immer wieder. „Aber es ist doch ein Unding, wenn die Parteispitze in der öffentlichen Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung 50 Gegenbeschlüsse verschweigt. Wie jetzt bei der Großen Koalition wird rücksichtslos die eigene Meinung propagiert.“

Ausgerechnet auf einer Podiumsdiskussion zum Thema „Mehr Willy Brandt wagen“ sagt Sigmar Gabriel dann Ende Oktober, diese Internetaktivisten hätten ja keine Ahnung vom richtigen Leben. Banaszczuk sitzt im Publikum und kann es nicht fassen. Irgendwas in ihr sei da „zerbrochen“, schreibt sie später in ihrem Blog. Eine Woche später tritt sie aus der SPD aus.

Waren ihre Vorstellungen von innerparteilicher Demokratie zu idealistisch? Hat sie wirklich geglaubt, die Parteigrößen würden einfach so Macht abgeben? „Vielleicht habe ich die Einflussmöglichkeiten der Basis überschätzt“, sagt sie. „Aber entweder will man eine Volkspartei sein und die Vielfalt der Gesellschaft vertreten. Oder man will es nicht. Aber dann muss man sagen: ‚Tritt nur bei uns ein, wenn du bereit bist, dich mühsam hochzuarbeiten. Und es dir leisten kannst, die Zeit dafür zu investieren.‘“ In dem Blogbeitrag zu ihrem Austritt schreibt sie: „Ich kann das alles in meinem Wertesystem nicht weiter mittragen.“

Junge Frau, alte Werte

Parteipolitik sei Machtpolitik, ohne Ellenbogen und Netzwerke gehe eben nichts, und wenn sie das nicht verstehe, sei es ihre eigene Schuld, wird ihr von Kritikern vorgehalten. Dabei hat sie eigentlich nur etwas Selbstverständliches gemacht: Sie hat die SPD beim Wort genommen. Das kann man naiv nennen. Oder konsequent.

Banaszczuk ist eine ernsthafte Person. Und sie erwartet, ernst genommen zu werden. Als Kind wächst sie in einem Hochhausgebiet bei Köln auf. Hier wohnen Sozialhilfeempfänger, Arbeiter und Alteingesessene. Kaum einer engagiert sich in einer Partei, die Menschen haben andere Sorgen. Ihre Mutter ist Angestellte im Einzelhandel. Nach der Trennung ihrer Eltern zieht sie mit ihr und ihrem Bruder in einen anderen Stadtteil. „Normal, nichts Besonderes“, beschreibt Banaszczuk ihr Umfeld. Ihren Nachnamen habe sie von ihrem polnischen Großvater geerbt.

In der Schule ist sie eine Überfliegerin. Die Grundschullehrerin rät, sie zwei Klassen überspringen zu lassen. Sie bleibt aber lieber bei ihren Freundinnen und überspringt erst später auf dem Gymnasium eine Klasse. Ihre Lehrer rechnen fest damit, dass sie an die Uni geht. „Aber ich hatte große Angst, damit finanziell nicht über die Runden zu kommen.“ Sie entscheidet sich für eine duale Ausbildung als Diplom-Kauffrau, Ausbildung plus Fachhochschulstudium, etwas Handfestes. Würde sie nicht viel von ihren Freunden und Kollegen erzählen – man würde sie als Einzelkämpferin beschreiben.

SPD-nah fühlt sie sich schon als Teenager, besonders stark, als es 2002 um den Irak-Krieg geht und sich Gerhard Schröder im Wahlkampf gegen die Angriffspläne von George W. Bush stellt. In ihrem Englisch-Leistungskurs diskutiert Banaszczuk leidenschaftlich mit ihren Klassenkameraden über eine Kriegsbeteiligung. Sie will sich engagieren. Während der Ausbildung bleibt ihr dazu aber keine Zeit. Danach macht sie in Spanien einen Master of Business Administration, arbeitet dann mehrere Jahre. 2010 entscheidet sie, sich einen Traum zu erfüllen – eine Promotion. Die gibt ihr auch Zeit für Parteiarbeit.

Ihr Gerechtigkeitsempfinden treibe sie an, sagt sie. In der SPD fühlt sie sich deshalb zunächst richtig. Ihren Austritt nun nur mit dem Unterschied zwischen Online- und Offlinegeneration zu beschreiben, würde einen Teil ihrer Kritik ausblenden. Die Partei habe den Anschluss an eine veränderte Realität verpasst, sagt Banaszczuk. Die Gesellschaft ist diverser geworden, Mächteverhältnisse haben sich verschoben. Und bei aller rhetorischen Offenheit mache die SPD so weiter wie früher in den Zeiten, als Politik im Hinterzimmer von wenigen entschieden wurde. „Das finde ich nicht sauber“. Sie ist empört. Es geht ihr um Grundsätzliches: um Ehrlichkeit.

Die Aufrichtigkeit, die sie in ihre Arbeit gesteckt hat, erwartet sie auch im Gegenzug von Sigmar Gabriel. Nur weil er Parteivorsitzender ist, macht sie da keine Ausnahme. Mit dem Internet ist eine Generation herangewachsen, die das Recht einfordert, sich unabhängig von Hierarchien öffentlich äußern zu dürfen – und erwartet, auch gehört zu werden. Wollen die großen Parteien diese Menschen nicht verlieren, wird es nicht ausreichen, darauf zu beharren, dass das echte Leben in Ortsvereinssitzungen stattfindet.

Seit vier Jahren ist Banaszczuk auf Twitter aktiv. Heute läuft ein wichtiger Teil ihrer Kommunikation über das Netz, Kollegen und Freunde fragen sie öffentlich nach ihrer politischen Meinung. Sie gehört zu jenen, die ein Mitspracherecht auch für die fordern, die es sich nicht leisten können, jede Woche mehrere Stunden kostenloser Arbeit in die Partei zu investieren. „Was ist zum Beispiel mit den Azubis?“ Bei den Jusos träfen sich fast nur Studierende. Die Leitanträge seien so vollgestopft mit Fachbegriffen, dass sie wohl kaum darauf abzielten, von Menschen ohne juristisches Examen verstanden zu werden.

„Parteien haben einen Bildungsauftrag. Sie müssen durchlässig sein, die Leute vertreten und ernst nehmen“, sagt Banaszczuk. Da spricht eine junge Frau, die auch geschützt werden möchte, mit ihren Vorstellungen von Solidarität und einem sozialen Netz. Die abgesichert sein will, wenn sie ihren Job verliert, und nicht vom Staat ausspioniert werden möchte. Und die das Recht haben will mitzubestimmen. Es sind eigentlich alte Werte, übertragen auf die Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts.

Banaszczuk ist nach ihrem Austritt nun wieder ein Stück mehr allein. Eine andere Partei kommt für sie nicht infrage. Eine Partei vertrete ja ein bestimmtes Wertesystem, und das verändere sich nicht einfach. Sie bleibt Moralistin. Und sie hört nicht auf zu hoffen. Darauf, dass die SPD irgendwann beginnt, Menschen wie sie zu verstehen und sich für ihre Bedürfnisse zu öffnen. Dann, sagt sie zum Schluss, würde sie gern wieder in die Partei zurückkehren.

 

Online-Mitbestimmung: große Pläne, wenig Konkretes

Spätestens seit die Piraten 2011 große Erfolge feierten, haben alle Parteien angekündigt sich für Onlinethemen und mehr innerparteiliche Demokratie zu öffnen. Umgesetzt wurde davon bislang aber wenig. Dabei gibt es verschiedene Plattformen für Liquid Democracy, etwa adhocracy.org oder offenekommune.de. Hier können Bürger oder Parteimitglieder Ideen einbringen, kommentieren und über die Vorschläge abstimmen. Eine Öffnung der SPD in diese Richtung war auch das Hauptanliegen von Yasmina Banaszczuk, bevor sie aus der Partei austrat. In der SPD-Fraktion wird online mit offenen „Themenforen“ gearbeitet, eine Beteiligungssoftware ist von der Parteispitze jedoch nie konsequent umgesetzt worden. Auf adhocracy.org versuchen auch Kommunen zu debattieren, aber die Beteiligung ist eher mau. Vielleicht auch, weil völlig unklar ist, inwiefern die Online-Vorschläge umgesetzt werden. 

Die CDU wagte 2012 mit ihrem „Zukunftsdialog“ einen eigenen Vorstoß. Ein beliebtes Thema dort: Cannabis. Heute sieht man auf der Webseite des Zukunftsdialogs ein Bild von Angela Merkel mit einem Zitat: „Herzlichen Dank für Ihre Anregungen. Alle Vorschläge werden nun auf ihre Umsetzbarkeit geprüft.“

Und was ist mit den Piraten, die die Idee von Liquid Democracy überhaupt erst auf die politische Agenda gehoben haben? Auf ihrer Liquid-Feedback-Seite sind immerhin mehr als 10.000 Nutzer registriert, aktiv sind davon aber nur rund 15 Prozent. An den Abstimmungen beteiligt sich aktuell knapp eine dreistellige Teilnehmerzahl. Aber auch hier werden keine bindenden Beschlüsse gefasst, denn das „Liquid-Feedback“ ist nicht institutionell verankert.

JL

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 46/13.

Kommentare (40)

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Ehemaliger Nutzer 14.11.2013 | 12:01

Warum jemand in die SPD eintritt, habe ich noch nie verstanden und verstehe es nach der Agenda 2010 und deren Folgen für die Bürger erst recht nicht.

Abgesehen davon, sind Parteien einfach eingetragene Vereine mit Satzungen und Hierarchien. Wer in den Parteien eine wie immer geartete Karriere anstrebt, um an entscheidender Stelle mitreden zu können, hat viele Mitwettbewerber. Das fängt schon im Ortsverein oder der Ortsgruppe an und geht von da in den Hierarchien weiter.

Frau Banaszczuk hat sich wohl auch nie mit dem Umgang der Parteimitglieder miteinander und insbesondere mit den Frauen in der Partei beschäftigt. Frau Banaszczuk sei deshalb das schäbige, niederträchtige und absolut moralisch verkommene Verhalten der Partei gegenüber Heide Simonis und Andrea Ypsilanti in Erinnerung zu rufen. Oder an Leute, die man aus der SPD ausgeschlossen hat, wie zum Beispiel einstmals Christoph Butterwegge. Und an Leute, die man nicht ausgeschlossen hat, wie Herrn Clement und Herrn Sarrazin.

Offensichtlich bettelt Frau Banaszczuk aber um Anerkennung, wenn sie allen Ernstes sich jetzt schon überlegt, nach gewissen Veränderungen in der SPD nochmals in dieselbe einzutreten. Das verstehe, wer will.

Hotcha 14.11.2013 | 14:38

Tut mir leid, die Tränendrüsen werden durch diese zu Herzen gehende Geschichte nicht aktiviert, obwohl die Autorin sich doch alle Mühe gibt. Ja, welch schreiende Ungerechtigkeit, da kniet man sich rein, ganze zwei Jahre lang, und dann stellt man fest, dass Papi nicht gewillt ist, die so guten Ideen umzusetzen.

Mir stösst das Gejammer wegen Nichtbeachtung durch die Autoritäten ziemlich auf. Dass diese unpolitische Haltung gefeiert werden soll, verstehe ich überhaupt nicht. Aber ich bin natürlich auch kalbfleischfarben, und mein Migrationshintergrund geht wahrscheinlich ein paar Generationen zu weit zurück.

rioges 14.11.2013 | 14:50

Vieles was in diesem Artikel beschrieben wird ist nicht nur ein Problem der SPD, sondern fast aller Parteien. In Parteien sind fast nur noch Menschen zu finden die der Partei viel zu verdanken haben, die sich etwas erhoffen (Parlamentssitz oder Job), die Politik studiert haben und nun Karriere machen möchten oder denen schon lange niemand mehr zugehört hat.

So gesehen war der Eintritt von B. natürlich naiv. Aber manches muss man erst selbst erfahren um es zu glauben: z.B. dass man den Granden nichts glauben darf. Das fast alles nur Taktik ist in der großen Schlacht um die Pfründe.

Das alles ist nicht gut, denn es ruiniert unsere Demokratie.

Man_Ray_Ban 14.11.2013 | 17:42

vielen Dank für diesen Beitrag! er spricht mich in sehr vielen Punkten an. insbesondere die kommunikative Schieflage. Nähe zum Bürger? wohl kaum. diese ständigen, letztlich schon nervenden postalischen Einladungen zu den Ortsvereinen. geht da die Einzelkauffrau hin, der KFZ-Mechaniker? um 11 Uhr? bestimmt nicht. Hauptsache der Parteibeitrag wird regelmäßig überwiesen, um Gehör muss sich der Parteiknecht dann bitte selbst kümmern. und so laut schreien, dass es schmerzt. als Mitglied möchte man nicht nur aktiv gestalten, sondern auch irgendwann mal abgeholt werden. das wird aber nie passieren. der Zug ist dann schon nämlich längst abgefahren. solange die SPD - und auch alle anderen (Volks-)Parteien - sich nicht öffnen und in verständlichem Ton mit dem Bürger (und Mitglied) kommunizieren, werden sie die heutigen Herausforderungen unseres Zeitalters nicht stemmen. deshalb habe ich in meinem ersten und einzigen Brief an die SPD auch nur einen einzigen und sehr leicht verständlichen Satz formuliert: "Ich trete aus. Jetzt."

Richard Zietz 15.11.2013 | 10:30

Keine Frage – auf der persönlichen Ebene verdienen Menschen wie Yasmina Banaszczuk Respekt. Der Weg mag für viele, die an Demokratie und Sozialstaat glauben, immer noch plausibel erscheinen: der Versuch, sich im Rahmen einer Systempartei einzubringen, die immerhin Gestaltungshohheit besitzt. Wer beim Betrachten des Scheiterns keinen Schmerz, keine Wut empfindet, wer die Peinlichkeit nicht erkennt und die Arroganz der Macht, die Abmeier-Vorgängen wie dem dargestellten innewohnen, ist vermutlich einfach nur Zyniker.

Rekapitulieren wir an der Stelle nicht den kompletten Vorgang. Beschränken wir uns auf das entscheidende Bonmot des professionellen Politik-Schaustellers Sigmar Gabriel. Was zum Teufel kann ein Apparititschik wie Gabriel einer jungen Delegierten schon von der »Welt« zeigen? Abgesehen davon, dass der Spruch eine Retorik-Nebelgranate war zum Abbügeln einer berechtigten Forderung, und die aktuelle Nummer eins der SPD sicher nicht ernsthaft das Angebot einer Führung mit Erkenntnisgewinn gemacht hat. Naja, früher haben die jungen Hühner noch brav die Reden der Parteiwichtigen abgetippt. Heute geht es darum, als 15-Prozent-Partei angemessen am neoliberalen Machtapparat zu partizipieren. Da zählen Ellbogen aus Stahl und Flexibilität – Attribute, die Herr Gabriel ja gottlob hat.

Soll man Mitleid haben? Wenn ein Parteifunktionär den Blues kriegt und nebulös irgendwas von seiner »Welt« erzählt? Ich nehme an, für eine ordentliche Flasche Hochprozentigen zum Austreiben des Blues, vielleicht im »Café Einstein« oder auch einem abchillgeeigneteren Etablissement, wird Herr Gabriel nicht anschreiben lassen müssen – anders als die von seiner Partei abgemeierten Hartz-IV-Empfänger(innen) sowie der Rest des (mittlerweile vermutlich siebenstelligen) Prekariats »draussen vor den Toren«.

Juliane Löffler 15.11.2013 | 11:17

Danke für Ihre offene Antwort. Ja, das entspricht ziemlich genau dem, was ich bisher von den meisten SPD-Mitgliedern gehört habe. Von außen vermutet man ja genau diese Machtstrukturen, zumindest an der Spitze (deshalb bin ich auch in keiner Partei). Aber dass das auch von den Mitgliedern an der Basis so deutlich empfunden wird, hat mich schon überrascht. Umso verwunderlicher, dass es anscheinend noch eine ganze Menge motivierter Jusos und Co. gibt, die sich aufreiben und das in Kauf nehmen ...

Juliane Löffler 15.11.2013 | 11:27

Ich glaube gar nicht, dass die so unvereinbar sind. Wenn jetzt zum Beispiel über eine GroKo auch online abgestimmt werden könnte, weiß ich gar nicht, ob das Ergebnis anders ausfiele. Aber es wäre eben demokratischer. Ich glaube, dass was sie als "Offline-Politik" bezeichnen, sich im Moment noch gegen diese basisdemokratischen Tendenzen über das Internet wehrt. Aber man weiß ganz genau, dass das auf Dauer nicht durchzusetzen ist – deshalb wird ja schon seit längerem verkündet, das Netz sei die Zukunft, man wolle sich modernisieren usw. Und je lauter Menschen wie Banaszczuk das dann erinfordern, umso schriller (und konservativer) die Antworten aus der Parteispitze. Da wird das Netz dann plötzlich zur Gefahr. Aber in diesen Debatten zeigt sich doch, das etwas wackelt. Ich bin da ganz optimistisch ...

JR's China Blog 15.11.2013 | 11:28

Dann, sagt sie zum Schluss, würde sie gern wieder in die Partei zurückkehren.

Im Grunde stehe ich gefühlsmäßig - oder sachthemenmäßig - wohl ungefähr da, wo Banaszczuk auch steht: mehr oder weniger weit vor einem Eintritt. Allerdings war ich noch nie in der SPD. Und bevor sie sich Netzthemen nicht mit einer vergleichbaren Überzeugung zuwendet wie die "Piraten", will ich da auch nicht rein.

Wer zahlende Mitglieder will, muss sich öffentliche Belange zu eigen machen. Und wer das nicht will, muss sich auf Parteispender verlassen, die wiederum negativ auf die Wählerunterstützung zurückschlagen.

JR's China Blog 15.11.2013 | 19:25

Ich finde, Banaszczuk muss man weder niedermachen noch überhöhen. Aber eine Prognose, die vor etwa sieben Jahrzehnten - oder auch vor 94 Jahren - vielleicht zutraf, muss es heute nicht genauso tun. Kurz: wenn sich nicht immer wieder Menschen finden, die sich reinhängen, wird auch nichts besser.

Man kann übrigens auch sterben, ohne mal den Kopf rausgesteckt zu haben. Und man muss nicht zwangsläufig sterben, wenn man ihn raussteckt.

tlacuache 15.11.2013 | 20:40

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Endlich einer der mich versteht...

Das war der kleine Bruder vom Kaiser, erst hat der Franze, also der Wolfram H. den Bengel aus der Lombardei vertrieben, dann wude er nach Mexiko geschickt, und bevor er wieder in die langeweiligen Caffeehäuser nach Wien musste, hat er sich lieber erschiessen lassen, und die Gemahlin sass dann sogar von 1867 - 1927 in der Klapse, die Dumpfbacke...

Sachen gibt's, die gibt's gar nicht...

;-))))

muchtar55 16.11.2013 | 11:38

Ich war doch erschrocken das so eine intiligente frau der propaganda "gerhard schröder war gegen den irak krieg" auf dem leim gegangen ist. schröder und fischer haben keine soldaten geschickt, aber doch flugplätze für luftangriffe bereitgestellt. infrastruktur und menschen zur verfügung gestellt damit die agressoren den menschenverachtenen und kriminellen krieg im irak führen konnten.

muchtar55 16.11.2013 | 11:39

Ich war doch erschrocken das so eine intiligente frau der propaganda "gerhard schröder war gegen den irak krieg" auf dem leim gegangen ist. schröder und fischer haben keine soldaten geschickt, aber doch flugplätze für luftangriffe bereitgestellt. infrastruktur und menschen zur verfügung gestellt damit die agressoren den menschenverachtenen und kriminellen krieg im irak führen konnten.

Lethe 16.11.2013 | 12:16

das hat mit Banaszczuk nur situativ, mit den strukturellen Problemen, die ich in praktisch allen Parteien wahrzunehmen vermeine, fast alles zu tun. Jede/r wird in allen Parteien mit Hauruck-Methoden scheitern, es sei denn, er/sie wäre begnadete/r Demagoge oder er/sie verfügte bereits über eine erhebliche innerparteilich Machtbasis. Und bei den Piraten oder der Partei scheitert mensch deswegen, weil die Konzepte dieser Parteien eher politisches Chaos unterstützen, was zwar witzig ist, wenn mensch sich als Chaot/in wiedererkennt, aber auch nur dann.

Natürlich scheitert Banaszczuk zumindest im Lichte dieses Blogs auch an sich selbst. Politiker/innen ohne Machtbasis dürfen weder dumm sein noch die Psychologie von Menschenmanipulation vergessen, wenn sie sich Macht errbeiten wollen.

JR's China Blog 16.11.2013 | 15:44

Dass Banaszczuk dumm wäre, legt der Artikel mir nicht nahe. Dass sie die Psychologie von Menschenmanipulation vergisst (oder schlichtweg nicht anwendet), schon eher.

Aber man muss schon wissen, welchen Tod man sterben will. Banaszczuks, aus denen später kleine Gabriels werden, wären genau das, was wir nicht brauchen. Manipulation und Missbrauch Anderer wird schnell zur Gewohnheit und zum Bestandteil der eigenen Persönlichkeit.

Die Piraten können von mir aus so chaotisch sein, wie sie wollen: erhalten sie Unterstützung, machen sie der SPD Feuer unterm Hintern. Das ist nicht nur witzig (wogegen m. E. ebenfalls nichts zu sagen wäre); sondern es ist auch nützlich.

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Ehemaliger Nutzer 16.11.2013 | 21:24

Ja, darauf reinzufallen war aber leicht, denn Schröder hat tatsächlich gegen den Irakkrieg votiert. Das war reiner Opportunismus, denn es war kurz vor der Wahl und er wußte, was die deutschen Wähler wollten. Merkel ist u.a. an diesem Punkt gescheitert.

Keine Frage: wäre nicht gerade Wahl gewesen, Schröder hätte alles abgenickt und versucht den Rüstungskonzernen gute Aufträge zu sichern. Genosse der Bosse halt...

Hotcha 17.11.2013 | 06:12

@Juliane Löffler: Warum ich Yasmina Banaszczuks Haltung unpolitisch nenne, fragen Sie mich?

Es geht klar aus allen Berichten hervor, dass sie auf die Haltung eines Chefs fixiert ist und nach einem echten oder eingebildeten Liebesentzug alles hinschmeisst, mit möglichst starken Tritten in dessen Hintern. Sie hat zwar Ideen und Wünsche für eine parteiinterne Demokratie, aber eine Analyse von Kräfteverhältnissen findet sich bei ihr nirgends. Ideen und Wünsche haben viele, das können alle, dafür braucht man keine aufgebauschte Biographie mit schon fast hagiographischen Zügen (was ich Ihnen anlaste). Bei der Lektüre dieser Berichte fühle ich mich an die politischen Sektierer vom Schlage eines Rudolf Steiner oder Silvio Gsell und der Freiwirtschafter erinnert, die auch zu wissen vorgeben, wie es sein sollte, aber an die Umsetzung und Machbarkeit Null Gedanken verschwenden. Die Frau hatte keine andere Strategie als die, sich mit der Macht zu verbünden, um ihre Ideen so realisiert zu bekommen.

Ich laste ihr das nicht wirklich an, Naivität halt. Dass sie aber in den Medien nun als eine Art Heilige dargestellt wird, die nun auf diesem Weg vielleicht eine Gemeinde finden könnte, so der Schluss ihres Artikels, das stinkt mir.

rioges 18.11.2013 | 13:39

"man käme aber der Wahrheit noch näher, wenn man von einer Lagerzugehörigkeit im Wartestand sprechen würde. Denn die Vorstellungen, Alltagspraxen und Werte von Menschen werden ja nicht erst durch eine Stimmabgabe wirksam, im Gegenteil: Für immer mehr ist die Distanz zwischen dem eigenen Denken, Fühlen, Wünschen und dem, was Parteien tun, unüberbrückbar groß geworden." (Tom Strohschneider im Neues Deutschland).

Ich glaube, die junge Frau befindet sich nun auch in diesem Lager. was aber in diesem Fall nicht gegen sie spricht.