Jenseits der Mode

Verantwortung Die Arbeit "beyond fashion" der Fotografin Susanne Friedel thematisiert die Schattenseiten der Modeindustrie und appelliert an das Bewusstsein der Konsumenten
Jenseits der Mode
Foto: Susanne Friedel

In Berlin ist Fashion Week. Während sich die Modeszene zu den Mercedes-Benz-Fashionshows oder zur Modemesse Bread&Butter trifft, gibt es in der Hauptstadt ein Rahmenprogramm – besser gesagt ein kritisches Gegenprogramm. Hier beschäftigt man sich mit den Schattenseiten der Modeindustrie, welche seit dem verheerenden Unfall in Bangladesch Ende April wieder verstärkt in das Blickfeld der Produzenten und Konsumenten gerückt sind.

Die Fotografin Susanne A. Friedel lenkt den Blick in der Fortentwicklung ihrer Abschlussarbeit "beyond fashion" auf eben jene Problematiken: Die fatalen Produktionsbedingungen in der Textil- und Modeindustrie und die Verantwortung der Konsumenten, sich für die Herkunft ihrer Kleidung zu interessieren – statt nur für den Preis. Sie thematiert mit ihren Bildern die teils massiven Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen, unter welchen die meist weiblichen Arbeiterinnen in den Textilfrabriken arbeiten.

Dazu kopiert die sie die Werbeästhetik verschiedener Modemarken wie Zara, H&M oder Mango und kombiniert sie mit Zitaten der Arbeiterinnen über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Im Vorbeilaufen wirken die Bilder, welche derzeit in einigen Berliner U-Bahnstationen ausgestellt werden, wie gewöhnliche Werbeplakate. Erst bei genauerer Betrachtung irritiert der Preis und ein Zitat auf den großformatigen Postern – und regt zum Innehalten an.

Für freitag.de hat sich Susanne Friedel für ein kurzes Interview Zeit genommen und ihre Bilder zur Verfügung gestellt.

 

 

 

 

 

 

Der Freitag: Frau Friedel, eigentlich sind Sie Dokumentarfotografin. Was war Ihre Motivation, sich mit den Missständen in der Textilproduktion auseinanderzusetzen?

Susanne A. Friedel: Das hat etwas mit Berlin zu tun. Kleidung, Style und das Aussehen ist in dieser Stadt schon sehr wichtig. Mein Gefühl ist, dass hier mehr als an anderen Orten Identität ganz wesentlich über Kleidung und Mode hergestellt wird, sich aber wenig Leute Gedanken darüber machen, wie ihre Kleidung eigentlich produziert wird. Die interessiert gar nicht, wie viel Blut da dran klebt. Das hat mich geärgert, das wollte ich zum Thema machen. Für eine dokumentarische Arbeit hatte ich zu der Zeit leider nicht die finanziellen Mittel – dann bin ich auf die Idee gekommen, mit inszenierten Bildern und Zitaten zu arbeiten, um den Arbeiterinnen eine Stimme zu verleihen. Durch die Werbeästhetik wollte ich die Leute auf einer anderen Ebene erreichen. Gerade wenn man eine politische Message rüberbringen will, ist die Dokumentarfotografie nicht mehr adäquat. Das hat man alles schon gesehen, das löst nicht mehr aus, als ein kurzes Unbehagen.

Woher stammen die Zitate?

Dafür habe ich viel Recherchearbeit betrieben und bei NGO´s und Gewerkschaften hier und vor Ort angefragt. Es war sehr schwierig an die O-Töne zu kommen, weil es für die Arbeiterinnen nicht ungefährlich ist, diese Interviews zu geben. Sie könnten so ihren Job verlieren. Die Organisationen wissen das natürlich und geben das Material deshalb ungern raus. Es handelt sich aber in allen Fällen um Originalzitate.

Wie kommt der Preis auf den Bildern zustande?

Man kann davon ausgehen, dass die die Arbeitskosten etwa 1-3% des Verkaufspreises ausmachen. Ich habe dann auf den Bildern immer 1% vom Verkaufspreis angegeben, um auf dieses Missverhältnis aufmerksam zu machen.

Kaufen Sie selbst nicht bei Zara, H&M und Co ein?

Ich habe beschlossen, das nicht mehr zu tun. Ich kann und will das nicht mehr tragen, seit ich weiß, wie die Sachen produziert werden. Das ist aber gar nicht unbedingt empfehlenswert. Boykott ist nicht die Lösung. Es würde zunächst nur das Ende der Produktionsvereinbarungen zwischen Fabriken und Firmen bedeuten und viele Arbeiterinnen würden ihren Job verlieren.

Wenn Boykott nicht hilft, was kann der Konsument tun?

Ich habe die Arbeit nicht gemacht, um einen konkreten Lösungsvorschlag zu machen. Ich möchte eher dazu anregen, über Alternativen nachzudenken. Zum Beispiel sich über die vielen Tausch- und Kleidermärkte zu informieren, nicht alles neu zu kaufen. Durch die Brände und den Fabrikeinsturz in Bangladesch hat sich ja schon etwas verändert – da wurden etwa Brandschutzabkommen unterschrieben, die schon lange auf dem Tisch lagen und bei denen sich Zara oder H&M schlichtweg geweigert hatten, zu unterzeichnen. Als Verbraucher hat man schon eine gewisse Macht, Öffentlichkeit zu schaffen. Indem man zum Beispiel im Laden mal nachfragt, wo die Sachen herkommen oder wie sie produziert werden. Wenn bei den Marken ankommt, dass den Leuten das wichtig ist, verändert sich vielleicht auch etwas von der Produktionsseite.

Im Rahmen des jährlichen Projekts "Nach der Arbeit - Kunst im Untergrund" der Kreuzberger NBGK-Galerie werden die Fotos in einigen U-Bahnstationen in Berlin gezeigt. Ab Freitag den 05.07.2013 ist die Serie außerdem im Rahmen einer Veranstaltungsreihe in der Galerie "futura" zu sehen.

 

Susanne Friedel, geboren 1980, studierte Soziologie, Ethnologie und Politikwissenschaft. Seit 2011 ist sie als freie Fotografin tätig und arbeitet zu den Themen Arbeit, Geschlecht und Repräsentation von Weiblichkeit

08:10 03.07.2013
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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