Klassische Zweitleser

Bücherregal Wozu Papier, wenn man es auch per Mausklick herunterladen kann? Weil ein Buch etwas über seinen Besitzer verrät

Für meine Philosophieprüfung im Abitur habe ich das marxistisch-leninistische Wörterbuch der Philosophie meines Vaters zurate gezogen. Es war vergilbt, roch modrig, an den Ecken bröselten die Seiten ab. Innen hatte er mit rotem Kuli und Bleistift seine Anmerkungen notiert. Gedanken, welche er vor etwa dreißig Jahren gehabt hatte. Es war nicht nur eine Stichwortsuche, ich entdeckte auch ein Stück der Jugend meines Vaters. Das kann man nostalgisch finden. Als das Buch bei einem Umzug verloren ging, schien es unersetzbar. Auf Amazon habe ich es wiedergefunden. Und überlegte, es mir digital zu kaufen. Habe ich aber nicht. Dabei benutze ich pons.de statt eines analogen Spanisch-Wörterbuchs für mein Studium. Aber Buch ist nicht gleich Buch, schon gar nicht in Zeiten von Kindle und iPad.

Bücher kann man mit einem Klick herunterladen, überall und jederzeit. Die digitale Bibliothek passt bei Ryanair ins Handgepäck. Lesen-to-go verändert unsere Gewohnheiten. Wie wollen wir lesen?, habe ich Menschen aus meinem Umfeld gefragt.

Nur weil er digital liest, schafft er es nun endlich, ganze Bücher durchzulesen, erzählt ein Freund, der an einem Forschungskolleg arbeitet. Vor dem Schlafengehen falle die Nachtlektüre meistens aus. Stattdessen nutzt er den Weg zur Arbeit, U-Bahnfahrten, die Zwischenzeit. Seine Büchersammlung empfindet er nur noch als Ballast und hat sie aufgelöst. Statt Kisten zu schleppen, hat er seine Bücher und CDs verschenkt. Alle.

Sehnsucht nach Haltbarem

Das könnte meiner Mitbewohnerin nie passieren. Sie wartet seit Jahren auf einen schönen Sommer, um endlich ihre antike Ausgabe von Max Frischs Stiller zu lesen. Weil sie sich das im Garten vorstellt, unter freiem Himmel und barfuß. Sie möchte das Buch aufbewahren und hat wie viele meiner Freunde den Traum von einer großen Bibliothek, meterhohen Bücherregalen und einem alten Ledersessel.

Die Sehnsucht nach etwas Haltbarem wächst offenbar, obwohl oder womöglich gerade weil Geräte wie der iPod heute Standard sind. Polaroidkameras sind auf Flohmärkten begehrt, es wird weiter Vinyl gepresst. Vergangenes Jahr wurden im Vergleich zum Vorjahr in Großbritannien 55 Prozent mehr Schallplatten verkauft. Solche teuren Geräte aus vergangenen Epochen sind exklusiv und ein Statussymbol. Antike Bücher sind nicht billig, genau wie der Unterhalt eines Plattenspielers.

Marie, eine Freundin, Mitte zwanzig, besitzt einen. Aber er ist kaputt, ihn reparieren zu lassen, kann sie sich gerade nicht leisten.

Aufgeben will sie ihn aber auch nicht, denn nur so nimmt sie sich bewusst Zeit, um Musik zu hören, Platten in die Hand zu nehmen und in Ruhe zu überlegen, was sie hören will. Dieses Ritual kann ihr kein Ipod ersetzen. Es ist wie durch sein Bücherregal zu stöbern, um sich eine Nachtlektüre auszusuchen. Diese Anhäufung von Materialität, dahinter steckt auch der Wunsch nach Stabilität, nach weniger mobil-sein-müssen und Entschleunigung.

Marie geht es mit ihrer Büchersammlung auch um Ästhetik. Darum, sich einen Raum zu gestalten. Sich mit Büchern zu umgeben, bedeutet für sie auch, sich eine bestimmte Wohnatmosphäre zu schaffen, ohne dass man unbedingt zeigen muss, was man alles schon gelesen hat. Sich seine Umwelt zu formen. Auch ihr Vater ist Sammler, nur auf seinem Computer. „Digitalmessi“ nennt sie ihn. Er digitalisiert alles: Wenn er sich eine CD anschafft, zieht er sie sich auf den PC – und verschenkt sie dann. Man kann seine Sammler-Passion schließlich auch digital pflegen. Dateien können präziser archiviert und nach detaillierten Informationen sortiert werden.

Eine Vinyl-Plattensammlung oder ein Bücherregal übers Wochenende neu nach Farbe, Thema oder Autor zu ordnen, kann schön sein. Praktischer ist es, mit wenigen Klicks ein bestimmtes Lied oder ein Zitat wiederzufinden. Und auch als Staussymbol haben digitale Bibliotheken einen Wert. „Ich hab zwei Terabyte Literatur“, könnte der Wissenschaftler sagen und dabei stolz auf sein Kindle tippen. Früher hat er auf seine Bücherwand verwiesen.

Lieber aus dem Regal ziehen

Auch Marie arbeitet für die Uni gern mit digitalisierten Texten. Sie kann sich denStoff aus Buchkapiteln und -passagen, Zeitschriftenartikeln oder Blogbeiträgen selbst zusammenstellen. Die Texte können markiert, Notizen ohne Radiergummispuren gelöscht werden. Automatische Bildschirmanpassung an die Lichtverhältnisse und Ausleihmöglichkeiten sind selbstverständlich. Sie profitiert in ihrer Arbeit davon. Private Bücher möchte sie jedoch aus ihrem Regal ziehen. Bibliophil sind auch die Betreiber der Webseite bookshelfporn.com. Sie sammeln – ganz digital – Bilder von Bibliotheken und anderen Varianten, um mit Büchern seinen Wohnraum zu gestalten, etwa als Skulptur.

Sind wir nun digitale oder analoge Leser? Falsche Frage. Beides existiert nebeneinander, und man kann sich verschiedene Strategien aneignen, um den Mehrwert der Textformen zu nutzen. Nur weil jemand digital liest, heißt das ja nicht, dass er nie wieder zu einem Wälzer greifen wird. Man kann sich im Buchladen oder in der Bibliothek beraten lassen oder sich im Netz ein Buch nach Hause bestellen und es analog lesen. Trotz Kindle.

Nur die Erinnerungsspuren wie in meinem Dreiteiler, die gehen im E-Book verloren. Meine Bücher teile und verleihe ich und bekomme sie mit neuen Eselsohren wieder. Man kann Kaffeeflecken hinterlassen und wiederfinden, die an einen bestimmten Sonntagmorgen erinnern. Widmungen auf der ersten Seite. Oder eine Bleistiftnotiz, die an den ursprünglichen Besitzer erinnert und einem ein schlechtes Gewissen macht, weil man es noch immer nicht zurückgegeben hat.

Beziehungen stiften, das kann das E-book noch nicht. Dazu braucht es mehr als Technik.

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09:00 05.08.2012
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 27/2020

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