Lustvoller Protest

One Billion Rising Ein weltweiter Aktionstag erinnert daran, wie viele Frauen noch immer Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt sind
Lustvoller Protest
Choreografie gegen Gewalt: In Berlin wird vorgetanzt, organisiert hat das Event das MädchenSportZentrum Centre Talma
Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Um Protest von Spektakel zu unterscheiden, reicht einfach eine Zahl: eine Milliarde. So viele Frauen werden laut einer UN-Statistik in ihrem Leben entweder vergewaltigt oder Opfer einer schweren Körperverletzung. Es ist der Grund, warum Frauen und Männer nach dem Women’s March erneut zu einem weltweiten Massenprotest für Frauenrechte zusammenfinden. Zum fünften Mal versammelten sich am 14. Februar Hunderttausende zur Aktion One Billion Rising, um mit einem gemeinsamen Tanz ein Zeichen gegen Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen zu setzen.

Geprobt werden konnte mit Youtube-Videos zum scheppernden Popsong Break the Chain, getanzt wurde flashmobartig in rund 200 Ländern, begleitet von Konzerten und Reden. Die Liste der Protestanlässe ist lang: Analphabetisierung in Afghanistan, Säureattacken in Indien, Genitalverstümmelung bei 200 Millionen Frauen weltweit, 50.000 davon in Deutschland, wie eine neue Studie des Bundesfamilienministeriums und der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes kürzlich zeigte. Eine geplante Entkriminalisierung häuslicher Prügel gegen Frauen in Russland oder die Versuche, Abtreibungsrechte zu beschneiden in Polen, Spanien und den USA. Dabei muss der Zeigefinger nicht nur auf das Ausland deuten: Auch in Deutschland wird jede vierte Frau Opfer von häuslicher Gewalt.

All das sind globale Probleme, bei denen unklar bleibt, wie ein gemeinsamer Tanz ohne konkrete politische Forderung dagegen wirksam werden soll. Am Brandenburger Tor, wo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in heiterer Festivalatmosphäre zusammenkamen, war dann aber doch zu spüren, warum das Format eine eigene Kraft entwickeln kann. Ohnehin liegt die größte Wirksamkeit der Kampagne in der Vorbereitungszeit, in die auch Jungen und Männer miteinbezogen werden – etwa mit einem Schulaktionstag in Berlin. Das beste Mittel gegen Gewalt ist schließlich, dass sie gar nicht erst ausgeübt wird.

Am Protesttag selbst aber wird der Körper zu einer stummen, kraftvollen, global verständlichen Stimme. Ähnlich war es bei dem Protest eines Mannes am Taksim-Platz, der dort während der Gezi-Proteste stundenlang ausharrte und als #standingman bekannt wurde. Nichts spricht dagegen, dass der Protestkörper sich im öffentlichen Raum auch einmal lustvoll schüttelt – und sei es, um die eigene Angst und Wut für einen Tag zu überschreiben.

12:52 15.02.2017
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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