Meerjungfrau hinter Autoreifen

Biotop Bei einem Festival in einem Berliner Garagenhof treffen Schrauber und Performancekünstler aufeinander
| Ausgabe 40/2014 2
Meerjungfrau hinter Autoreifen
In der Bastlergarage ist noch Platz für kleine Wunder: Serafina Nuñez Wilson als Meerjungfrau in einer Inszenierung von Sahar Rahimi

Foto: Florian Krauss

"Wenn mir jemand sympathisch ist, lass ich ihn auch in meine Garage." Ein Paar müde Augen blinzelt in die Sonne. An einem Samstagnachmittag sitzt ein Mann in Berlin-Pankow in seiner Garageneinfahrt, auf seinem T-Shirt Ketchupflecken, unter seinen Fingernägeln Trauerränder. Um ihn herum stapeln sich Kisten und Autoreifen, nur ein schmaler Gang führt in das Innere der Garage. Dahinter könnte sich alles verbergen.

Der Mann heißt Xaver, und die Garage gehört zum Gründergaragenhof Himmelsbach, einem Gelände mit 120 Garagen, in denen vor allem Männer schrauben, basteln, schweißen. Die Garagen sind urbane Biotope, über deren Innenleben man nicht viel weiß und die darum Raum für allerhand Projektionen bieten, auch wenn die Wirklichkeit vielleicht ganz banal ist.

Der Asphalt ist gefegt, braune Tore reihen sich nebeneinander, Wurstgeruch liegt in der Luft. An diesem Wochenende wird das Überschaubare des Hinterhofs gestört. Die Berliner Sophiensaele veranstalten hier ein Performancefestival über „Männer in Garagen“ und setzen künstlerisch in Szene, was sonst im Alltag unsichtbar bleibt. Oder verwandeln das Alltägliche ins Fantastische. 20 Garagen wurden dafür leergeräumt und werden nun bespielt.

Miniaturgötterdämmerung

Das Performancekollektiv Markus & Markus etwa hat eine Harald-Schmidt-Hommage mit der Würdigung des Hobbybastlers in der Garage verbunden: Sie zeigen den kompletten Ring des Nibelungen mit kleinen Actionfiguren und Taschenlampen. In roten Sesseln kann man ihnen mit Operngläsern dabei zusehen, wie sie mit Leimpinseln ihre Kulisse bauen. Und dazu kann man über Kopfhörer die Götterdämmerung hören.

Aus dem Tor gegenüber schallt laute Musik. Davor hat sich eine Menschentraube versammelt. Auf dem Boden knien vier Performer, darunter eine Frau mit Blaumann und angeklebtem Bart und ein Mann im Hochzeitskleid und roten Pumps. Hier gibt es queer-burlesque Tanzeinlagen unter der Regie der Künstlerin Cora Frost, in denen wild mit der Bohrmaschine getanzt wird oder eine Figur namens Charles de Gaulle sich die Kleider aufknöpft, bis sie im kleinen Schwarzen dasteht. Rollenvorstellungen werden hinterfragt, Klischees unterlaufen oder auf die Spitze getrieben.

Die meisten Garagenmieter sind an diesem Samstag aber nicht da. So ganz verträgt sich das lärmende Festival wohl nicht mit der Idee der Garage als Rückzugsort. Zu Gesprächen waren aber einige im Vorfeld bereit, und so kann man Gespräche über ihren Alltag aus einem Ghettoblaster hören, während man vor geschlossenen Garagentoren steht.

Es sind Geschichten wie die von Wolfgang, der das wandelnde Gedächtnis des Hofes ist. „Meine kleinste Sechskantschraube hat eine Schlüsselbreite von 0,5 Millimetern“, erzählt er mit Stolz in der Stimme im Interview. Wolfgang baut Schiffsmodelle. Und zwar fast so lange er denken kann. Als er ein kleiner Junge war, stand im Garten seines Großvaters ein Nussbaum, darunter bildete sich oft eine Pfütze. Er klaute sich Streichhölzer und bastelte den Nussschalen Papiersegel, um sie in der Pfütze fahren zu lassen. Als Veranlagung bezeichnet er das. Zwei Frauen habe ihn das schon gekostet. „Die machen das nicht lange mit.“ Wolfgang lacht.

Früher gehörte das Gelände des Garagenhofs der Ostberliner Polizei, die hier ihre Einsatzwagen reparierte. Nach der Wende verwaiste es und wurde 1993 von dem Mechaniker Jörg Himmelsbach gepachtet. Beim Ausräumen fand er Bruchstücke der Geschichte. Etwa einen neuen Citroën BX, wie er vom Ministerrat oder der Stasi gefahren wurde. Auf dem Beifahrersitz lagen noch die unausgefüllten Fahrzeugpapiere.

Beleuchtete Kindersärge

Nach den Aufräumarbeiten wurde der Hof neu bevölkert, vom „Typ Lokomotive“, wie Himmelsbach die Männer nennt, die hier werkeln. Macher, die anderswo keinen Platz gefunden hatten und den Hof oft nutzten, um sich von einer Garage aus eine Existenz aufzubauen. Noch heute erzählen sie sich hier etwa von dem Gothic-Tischler, der aus beleuchteten Kindersärgen Tische herstellte. Sein Geschäft lief ziemlich gut.

Einer der geschäftstüchtigen Garagenmieter ist Roy Esmilla. Auch er hat an diesem Wochenende seine Garage geöffnet. Beim Vorbeilaufen ist kaum erkennbar, ob hier performt oder gearbeitet wird. Esmilla ist Airbrush-Artist und nutzt das Festival, um Werbung zu machen. An der Wand hängen bunte Motive, darunter steht ein frisch lackiertes Motorrad, auf dem Tisch liegen Zeichnungen. Das Ganze erinnert an ein Tattoostudio.

Esmilla grinst breit, zeigt den Besuchern seine Werkzeuge und verteilt eifrig Visitenkarten. Ein bisschen komisch findet er das schon, was hier passiert. Aber wer sich hier einmiete, laufe eh nicht ganz rund, springt ihm Automechaniker Thomas Sommer bei. Sommer kann die Vorbehalte der abwesenden Garagenmieter nicht verstehen und hat seine Werkstatt ebenfalls geöffnet. Eine Hebebühne fährt dort bedächtig auf und ab, während draußen Performancekünstler in Glitzerleggins vorbeiziehen. Der Hof sei ja auch ein Gegenentwurf zum bürgerlichen Mief, sagt Sommer, ein Freiraum für Bastler und Gründer. „Nicht nur RTL2 schauen, sondern selbst was anpacken.“

Xaver scheint das alles wenig zu beeindrucken. Nur mit einiger Überredungskunst lässt macht er den Weg in das Innere der kleinen Garage frei. Selbst als die eigentlichen Garagenmieter vorbeikommen, um sich die Verwandlung ihre Garage anzuschauen, schaltet er sich lange Zeit stur. Wenn man dann aber den Zutritt gewährt bekommt und sich durch den schmalen Gang nach drinnen quetscht, öffnet sich eine kleine Wunderwelt. Auf dem Boden dampft dunkle Erde, Nadelbäume verströmen den Duft von geschnittenem Holz. In der Mitte des winzigen Raums sitzt eine Meerjungfrau. Ihre Flosse ist mit getrockneten Fischen bestickt, den Kopf hat sie in eine Sauerstoffmaske gesenkt.

Gegen ein Bonbon als Pfand lässt sie die Maske sinken, hebt die silbernen Lippen an ein Mikrofon und singt melancholisch einen Popsong. Verzaubert taumelt man danach wieder in die Nachmittagssonne des Gründerhofs, wo ein paar rauchende Mittvierziger in Motorradjacken auf den Bierbänken sitzen und auf die nächste Performance warten.

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06:00 02.10.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler