Mehr als nur ein kleiner Unterschied

Handel Hilft Fairtrade-Kaffee den Bauern im globalen Süden wirklich? Ein Besuch in Honduras zeigt: Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort
Juliane Löffler | Ausgabe 30/2015 3

Aus ihrer Handtasche klingelt das Handy, doch Doña Sonia hat jetzt keine Zeit. Die Augen geschlossen, singt sie Gebetslieder zu den Ahnen der Lenca, eines alten indigenen Volkes in Mittelamerika: „Unsere heilige Mutter Erde braucht Schutz.“ Laut pfeifen die Vögel, gerade hat der Regen aufgehört, noch tropft es von den Bananenstauden auf den warmen Boden, über den die Frau ein Frottehandtuch ausgebreitet hat. Sie kniet sich langsam hin, zündet die Kerzen an, vom Handtuch blickt Maria gen Himmel.

Doña Sonia Alejandra Medina ist 71 Jahre alt, 25-fache Großmutter und Kleinbäuerin in Marcala im Süden von Honduras. Straßenschilder gibt es hier nicht, wenig Asphalt und zu wenig Trinkwasser, dafür die höchste Mordrate weltweit, ein Durchschnittseinkommen von zwei Dollar am Tag und ein marodes Bildungssystem.

Zehntausende demonstrieren seit Anfang Juni in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa wegen Korruptionsskandalen des konservativen Staatspräsidenten Juan Orlando Hernández und anderer Regierungspolitiker und Staatsfunktionäre. Und auch hier, 150 Kilometer südlich in Marcala, ist die Sozialistin Doña Sonia überzeugt: „Die Regierung kümmert sich nicht und die letzten Wahlen wurden gefälscht.“ Um in diesem Land überleben zu können, hat Doña Sonia ihr Leben auf zwei Mitgliedschaften ausgerichtet: Die in einer Maya-Vereinigung, wo sie die Kultur ihrer Ahnen und eine spirituelle, auf den Schutz der Natur ausgerichtete Lebensweise pflegt. Und die bei Café Orgánico de Marcala S.A., kurz Comsa, einer wichtigen Kaffeekooperative in der Region, die vor allem ein Ziel hat: Kaffeekleinbauern eine ökonomische Lebensgrundlage zu schaffen.

Kaffee ist Honduras‘ wichtigstes Exportgut und macht laut staatlichem Kaffeeinstitut IHCAFE 37 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Wichtigster Abnehmer mit rund einem Drittel der Ausfuhren ist Deutschland. Dort, wo der Kaffee für deutsche Supermarktregale herkommt, haben die meisten Bauern nur wenige Hektar Land, leben am Existenzminimum und können sich keine eigenen Maschinen zur Verarbeitung der Ernte leisten. Zusammenschlüsse sind daher eine Chance für die Kleinbauern.

Monatliche Kontokontrolle

45 von ihnen haben 2001 Comsa gegründet, als Kapitalgesellschaft. Sie wollten es besser machen als einige Genossenschaften, die sich verspekuliert hatten, und kontrollieren die Mitglieder deshalb durch monatliche Kontoeinsicht und eine Auszahlung der Erträge in zwei Schritten. Heute sind 840 Kleinbauern Mitglied der Kooperative. Einen Kredit von zwei Millionen US-Dollar muss Comsa derzeit bei der Zentralbank abbezahlen. Dafür setzt die Kooperative auf zwei Produktionsstandards: Fairtrade und Bio. Das eröffne den Zugang zu großen Importeuren und verlässlichen Verträgen. Zwei Drittel des Kaffees setzt Comsa unter dem Fairtrade-Siegel ab.

Der Aufwand dafür ist groß, die Qualitätsanforderungen hoch und die Vorschrift, Erntehelfern einen Mindestlohn zu zahlen, für manche nur schwer zu stemmen. Wer sich an all das nicht halten muss und seinen Kaffee konventionell erzeugt, der erhält in Honduras auf dem lokalen Markt derzeit 115, auf dem Schwarzmarkt 110 Dollar für einen Sack mit 45 Kilo geernteter Kaffeefrüchte.

Die Spanne zum Mindestpreis für die Fairtrade-Ernte ist, gemessen an den qualitativen Anforderungen, so hoch nicht: Er beträgt 140 Dollar. Allerdings ist dies eben ein Mindestpreis – weniger wird nicht gezahlt, sei eine Ernte von schlechterer Qualität oder der Weltmarktpreis durch die Nahrungsmittelspekulation an den Börsen gerade extrem niedrig. Sind die Ernten von besserer Qualität und die Marktlage günstig, dann gibt es mehr Geld für die Bauern. Zudem zahlen die Importeure eine Fairtade-Prämien von 20 US-Cent pro Pfund gewaschenem Kaffee. Diese zahlt Comsa nicht an seine Bauern aus, sondern reinvestiert sie in die Kooperative, gemäß einem demokratischen Beschluss der Mitgliederversammlung. Nicht alle finden das fair, sagt Comsa-Geschäftsführer Rodolfo Peñalba. „Aber wir sind nicht dazu da, den Bauern ihre kaputten Dächer zu reparieren. Wir wollen ihnen langfristig ermöglichen, sich die Dächer selber zu reparieren. Das schlimmste, was wir machen können, wäre, unseren Mitgliedern etwas zu schenken.“ Don Rodolfo trägt Markenjeans, ein weißes Hemd, die schwarzen Haare hat er nach hinten gekämmt. Regelmäßig reist er geschäftlich nach Europa. Sehr arme Kleinbauern, die weniger als einen halben Hektar Land haben, werden bei Comsa nicht aufgenommen, es rechnet sich einfach nicht.

Von Fairtrade-Kaffee profitierten gerade die ärmsten Kaffeebauern überhaupt nicht, die am besten ausgebildeten dafür am meisten: Das ist eines der Argumente, mit denen der US-Ökonom Bruce Wydick vor einem Jahr eine Diskussion über Fairtrade International ausgelöst hat. Wydick veröffentlichte damals das Buch The Taste of Many Mountains über Kaffeebauern in Honduras’ Nachbarland Guatemala. Demzufolge sind US-Kaffeetrinker zwar bereit, 50 US-Cent mehr für eine Tasse zu bezahlen, wenn deren Inhalt fair gehandelt wurde. Aber nur ein Bruchteil davon käme bei den Produzenten an. Dem entgegnete Claudia Brück von Transfair, dem Verein, der in Deutschland das Fairtrade-Siegel vergibt: „Fairtrade stärkt die Kooperativen, um ihre Verhandlungsposition gegenüber den Aufkäufern zu verbessern und höhere Preise auszuhandeln.“ Wie viel Mehrwert bei den Produzenten ankomme, hänge von sehr vielen Faktoren ab und sei unabhängig vom Endverkaufspreis. „Unsere Standards legen ein Sicherheitsnetz nach unten fest, danach muss der Wettbewerb eine Verhältnismäßigkeit herstellen.“ Betrage der Preisaufschlag mehr als fünf Prozent, nehme die Bereitschaft Fairtrade zu kaufen wieder ab. „Natürlich müssen auch die großen Händler und Röstereien daran verdienen, sonst machen sie das Geschäft nicht.“ Die Produkte mit dem Label Fairtrade erwirtschafteten im vergangenen Jahr in Deutschland 827 Millionen Euro um, ein Plus von 26 Prozent gegenüber 2013.

Comsa in Honduras jedenfalls hat mit seiner Konzentration auf Fairtrade und Bio Gelder erwirtschaftet, die eine ganze Reihe von Investitionen ermöglichten: In eine eigene Produktionsstätte zur Verarbeitung der Kaffeefrüchte, ein kleines Labor zur Qualitätskontrolle der Bohnen, kleine Büros, ein Stipendienprogramm für die Kinder der Bauern, eine Taekwondo-Schule, eine Art Krankenversicherung für die Mitglieder und eine eigene Raiffeisenbank.

Letztere hat Doña Sonia geholfen, nachdem sie 2012 einen Großteil ihrer Ernte verloren hatte – wie viele Kaffebauern in Zentralamerika, deren Pflanzen von Kaffeerost befallen waren, einem hartnäckigen Pilz. Sie konnte sich durch einen Kleinkredit neue Kaffeepflanzen kaufen. Heute steht sie voller Stolz auf ihrer Plantage und zeigt auf die kleinen grünen Sträucher: „Gift ist der Tod, Bio ist das Leben.“

Salzwasser ist die Lösung

Technische Berater der staatlichen Kaffee-institutionen, für welche die Bauern eine Abgabe von 4,25 Dollar pro Sack zahlen müssen, hatten ihnen 2012 ein teures chemisches und in Europa verbotenes Pflanzengift empfohlen, um gegen Kaffeerost vorzugehen. Das Mittel macht die Böden langfristig unfruchtbar. Durch Zufall fand einer der Comsa-Bauern jedoch heraus, dass Salzwasser gegen den Befall hilft. Eine so einfache wie wichtige Erkenntnis, die nun in einem frisch gebauten Ausbildungszentrum der Kooperative weitergegeben wird. Sie haben inzwischen eigene technische Berater und forschen in einem eigenen Labor an Bodenanalysen und Biopestiziden. Außerdem begannen die Bauern in jener Zeit, die Monokulturen auf ihren Plantagen aufzugeben. Einige produzieren heute zusätzlich Honig oder Gemüse. Viel Geld können sie auf dem lokalen Markt damit nicht verdienen – niemand in Honduras zahlt mehr für eine Tomate, nur weil sie bio ist. Aber die Einkünfte sind ein kleiner Zugewinn für die zähen Monate nach der Ernte und für die eigene Ernährung. In einem kleinen Marktzentrum bieten Bäuerinnen die Produkte jeden Sonntag an – das Projekt ist aus einem Genderkommitee von Comsa heraus entstanden.

Ihren Kaffee produzieren heute rund 80 Prozent der Mitglieder nach Bio-Maßstäben. Das bedeutet vor allem mehr Arbeit, weil sie die Felder aufwendiger bewirtschaften müssen. Trotzdem macht es Sinn, denn die Standards von Bio und Fairtrade ähneln sich ohnehin und ein Sack voller Biofrüchte bringt 30 US-Cent mehr ein. Für viele ist das aber auch eine Grundsatzentscheidung. Ohne Gift und die Böden auslaugende Monokultur zu wirtschaften, das ist für Doña Sonia genau der Schutz für Mutter Erde, für den sie betet. Warum sollte ein gutes, gesunden Leben für Bauern ein Privileg des globalen Nordens sein?

Dieses gute Leben bedeutet für die Comsa-Bauern noch mehr: Die Hoffnung, der nachwachsenden Generation ein Dasein ermöglichen zu können, das nicht allein von der landwirtschaftlichen Arbeit auf dem Feld abhängig ist. Es ist das Bewusstsein dafür, dass ein Uniabschluss kein Luxus, sondern ein legitimer Anspruch sein kann. Einer, der für die Zukunft des Landes viel entscheidender ist als die Wahl zwischen der Produktion von herkömmlichem oder fairem, biologisch erzeugtem Kaffee. Diese Kinder wachsen mit ganz anderen Ansprüchen auf als ihre Eltern.

Mario will nach Peru

Mario etwa, der 19-jährige Sohn eines Bauernpaares von Comsa läuft vorsichtig durch eine kleine Aufzucht von Kaffeepflanzen auf der Farm seiner Eltern. Er wischt über den Bildschirm seines Smartphones und erzählt, dass er die Finca zu übernehmen plant. Für ihn ist das eine Selbstverständlichkeit. Aber erst nach einem Geologie-Studium. Das aber bietet die einzige honduranische Universität nicht an. „Ich würde deshalb am liebsten nach Peru gehen, um zu studieren“, sagt er.

Solche Ambitionen bestätigen das Verkaufsargument von Fairtrade International, Bauern im globalen Süden eine bessere Zukunftsperspektive zu eröffnen. Ganz anders ist das, wenn es um die geht, die noch einige Jahre jünger sind als Mario. Das Fairtrade-Siegel schließt Kinderarbeit aus – die Kinder sollen in die Schulen, nicht auf die Felder. Doch die Erntezeit in Honduras zwischen November und Februar fällt genau in die Zeit der dreimonatigen Schulferien dort. „Ich bin nicht einverstanden“, sagt eine Bäuerin und schüttelt heftig den Kopf. „Was sollen wir denn mit unseren Kindern in der Zeit machen?“, fragt eine andere. „Natürlich helfen die Jugendlichen bei der Ernte. Fairtrade sollte seine Regeln ändern.“

Info

Die Recherchen zu diesem Artikel fanden während einer von Transfair e.V. finanzierten Pressereise statt

06:00 05.08.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 3