„Mittelfinger hoch!“

Pop Schon lange hat kein Musikalbum mehr so hitzige Diskussionen provoziert wie Beyoncés „Lemonade“. Eine begeisterte Einordnung
„Mittelfinger hoch!“
Antirassistisches Statement: Die Lederkluft im Stil der Black Panthers ist in der Beyoncé-Show kein Zufall

Foto: Sean M. Haffey/Getty Images

Wenn man verstehen will, wie viel Inszenierung in Lemonade steckt, genügen schon die ersten 60 Sekunden des visuellen Albums – eines Albums, das als digitales Gesamtpaket funktioniert, bei dem die Musik, Bilder, Filmclips und politische Zitate gleich wichtig sind. Beyoncé kniet in einem schwarzen Kapuzenpullover andächtig vor einem Bühnenrand, vor einer Reihe Glühbirnen. Hinter ihr: ein roter Theatervorhang. Eine Show mit Ansage. Vor einigen Tagen erst hat die Sängerin Lemonade veröffentlicht, und um die wichtigste Frage gleich vorneweg abzuhaken: Es ist ein großes Kunstwerk, besonders der visuelle Teil. Ein politisches, persönliches, kraftvolles und zärtliches Containerwerk, das sich in einem üppigen Referenzrahmen bewegt und die Grenzen popkultureller Komplexität auf eine so wohl nie dagewesene Art auslotet.

Der Mainstream als Makel

Was Beyoncé mit ihrem Auftritt beim Super Bowl Anfang Februar begonnen hatte, bekommt nun durch ihr Album einen mächtigen Unterbau: Sie liefert nicht weniger als eine Kampfansage – gegen die weiße, männliche Herrschaft. Die Sängerin feiert schwarze Südstaatenweiblichkeit, bekennt sich zu #blacklivesmatter, zitiert die Black-Panther-Bewegung von Malcolm X, singt von der Kraft unterdrückter Frauen und vom kulturellen Erbe der afroamerikanischen Community. Mit einer Wut, einem Selbstbewusstsein und einer Selbstverständlichkeit, die sich jede Frau leisten können sollte – die tatsächlich aber Superstars wie ihr vorbehalten sind. Darin liegt das zentrale Problem der Figur Beyoncé.

Es ist die nie endende Mainstream-Underground-Debatte: Kann ein Superstar, zu dessen Superstarhaftigkeit eben auch die eigene Vermarktung gehört, überhaupt glaubwürdig die Rechte von Minderheiten vertreten? Wie viel Marketing verträgt politische Kunst?

Und wie viel politische Ernsthaftigkeit kann man eben dieser Beyoncé zugestehen, die einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag auf dem Konto hat und ihr Album beim Streaming-Dienst ihres Ehemannes veröffentlicht? Und wenn sie parallel dazu noch eine eigene Sportmodenkollektion herausbringt? Fitnesskleidung, in deren Promovideo Frauen ihren „inneren Park“ finden sollen? Und in dem die Sängerin davon erzählt, wie ihr Vater sie früher, als sie noch ein Kind war, zum Joggen aufweckte – und das im gleichen Duktus und mit den gleichen Bildern, die eben auch beim visuellen Musikalbum vorkommen? Wobei es auf Lemonade eben nicht um sportliche Selbstoptimierung geht, sondern um die Trauer der Mütter von Trayvon Martin, Eric Garner und Michael Brown, die Fotos ihrer getöteten Söhne in die Kamera halten.

Die Orchestrierung des Gesamtpakets Beyoncé – und dazu gehört auch das gewaltige mediale Echo auf den im Album angedeuteten Ehebruch ihres Gatten Jay-Z – ist beunruhigend. Vor allem für das pop-politisch links stehende Milieu. Denn dort herrscht ein oft gesundes, manchmal aber auch überzeichnetes Misstrauen gegenüber allem, was unter Mainstream-Verdacht steht. Ausnahmen werden da bevorzugt bei Männern gemacht, etwa bei Prince oder David Bowie, die kürzlich, nach ihren viel zu frühen Toden, wieder einmal ungebrochen als Grenzgänger gefeiert wurden, als politische, sexuelle, künstlerische Rebellen und Erneuerer. Die Massentauglichkeit ihrer Musik, die Chartserfolge dieser Männer taten und tun der Verehrung keinerlei Abbruch. Eigentlich ist Vergleichbares bisher nur Madonna gelungen: Sie wurde zu einer Ikone der Popkultur, weil sie jemand ist, der in Toronto einmal trotz Haftandrohung an Polizisten vorbei auf die Bühne ging, um eine Masturbationsszene zu performen – und trotzdem konnte man immer im Partykeller zu Like a Virgin tanzen, auch ganz unkritisch und unpolitisch.

Seit der Vorabveröffentlichung des Stücks Formation haben einige Polizeigewerkschaften in den USA zum Boykott von Beyoncés Welttournee aufgerufen. Formation ist der Song, den sie bei der Eröffnung des Super Bowl vor einigen Wochen performte, mit einem Trupp von Tänzerinnen und Tänzern in schwarzer Ledermontur, im Stil der radikalen Black Panthers eben. Die Kritik an weißer Polizeigewalt war überdeutlich. „Freedom, cut me loose! Freedom! Where are you? Cause I need freedom too!“, singt Beyoncé jetzt auf ihrem Album. Der Kampf gegen Rassismus stößt in den USA noch immer auf so großen Widerstand, dass man die Sängerin für solche Gesten grundsätzlich schon mal feiern muss – Geld hin oder her.

In ihrer Zeit beim R’n’B-Trio Destiny’s Child vertrat Beyoncé einen eher gefälligen Sex-and-the-City-Feminismus, wie er für die frühen nuller Jahre noch typisch war. Erst in den vergangenen Jahren, und besonders deutlich eben jetzt mit Lemonade, hat sich die Marke Beyoncé ganz unzweifelhaft mit ernsthafteren feministischen und antirassistischen Diskursen verbunden. Lemonade fackelt eine Referenzschlacht ab, die auch spirituelle und traditionelle Anleihen nicht scheut. Dass diese Suche nach den Wurzeln manchmal ins Essenzialistische kippt, etwa wenn der Uterus und die „natürliche“ Macht der Frauen beschworen werden, ist verzeihbar, weil Lemonade dabei mächtige ästhetische Bilder hervorbringt. Und weil dieser stark symbolische Zugang es auch erlaubt, an panafrikanische Kontexte anzudocken, mit rituellen Yoruba-Körperbemalungen zum Beispiel.

„The most disrespected person in America is the black woman. The most unprotected person in America is the black woman.The most neglected person in America is the black woman“, spricht Malcolm X im Video. Beyoncé nutzt nun ihre Macht, um den weniger Sichtbaren eine Plattform zu geben. Der somalisch-britischen Poetin Warsan Shire etwa, die mit ihren Worten virtuos Migrations- und Zugehörigkeitsdiskurse umreißt. Eine starke, schwarze, weibliche Stimme, die mit Textfragmenten immer wieder im Lemonade-Video vorkommt, als Erzählinstanz, die die zwölf Songs des Albums in Kapitel gliedert. Auch die Tennisspielerin Serena Williams taucht auf. Sie ist zwar weltbekannt, wird aber immer wieder wegen ihres muskulösen Körpers verhöhnt, also: diskriminiert. Im Stück Sorry, das den Anlass für all die Betrugsspekulationen in der Ehe Beyoncé-Jay-Z gab, twerkt (tanzt) Williams neben der Sängerin.

„Middle Fingers up!“ („Mittelfinger hoch!“) singt Beyoncé. Wer diskriminiert wird, hat ein Recht aufzumucken! Wegen Beschimpfungen auf dem Sportplatz, wegen eines gebrochenen Herzens oder eben: wegen eines erschossenen Sohnes. Die generationenübergreifende Erzählung, dass man in solchen Fällen stillzuhalten hat, um nicht noch mehr Diskriminierung auf sich zu ziehen, ist das Narrativ, das zu durchbrechen Beyoncé jetzt angetreten ist. „What’s worse: Looking jealous or crazy? Or being walked all over lately? I’d rather be crazy.“ Statt wieder und wieder plattgemacht und missachtet zu werden, lieber laut sein – und vielleicht als verrückt gelten.

Auch Männer wie James Blake oder Kendrick Lamar haben an Lemonade mitgerabeitet. Sichtbar sind aber fast nur die weiblichen Kollaborateurinnen. Beyoncé bildet in bester feministischer Tradition ein stolzes weibliches Netzwerk ab, ihre Verweise reichen bis zur Jazz-Größe Nina Simone und sogar bis zur – weißen, europäischen – Künstlerin Pipilotti Rist.

Billige Gerüchte

Auch Videosequenzen aus Beyoncés Privatleben sind in das visuelle Album montiert, etwa eine kleine Rede der Großmutter von Jay-Z, die das Stichwort für den Albumtitel, gab, außerdem Szenen mit Jay-Z und der gemeinsamen Tochter Blue Ivy. Weil das Ehepaar sich sonst mit Privatem eher bedeckt hält, schien der Sturm, der jetzt im Boulevardblätterwald tobte, umso kalkulierter. Das Paar stehe kurz vor der Trennung, mutmaßten viele. Rita Ora, eine der angeblichen Affären von Jay-Z, postete am Tag der Albumveröffentlichung ein Bild ihres Oberkörpers auf Instagram: Sie trug einen transparenten BH mit zwei Zitronen darauf und eine Halskette mit einem „J“-Anhänger. Weitere Äußerungen von A-, B- und C-Promis und angeblichen Geliebten folgten. Sogar die sonst seriöse New York Times stürzte sich auf das billige Gerüchtematerial.

Weil diese vielleicht sogar gewollte Ausschlachtung von (vermeintlich) Privatem aber in einen unmissverständlich politischen Kontext eingebunden ist, ist sie zu verzeihen. Denn gerade wenn man befürchtet, ihr persönliches Liebesdrama könne als Lösung nicht mehr als eine heteroexuelle Kleinfamilienidylle anbieten, weil Jay-Z mit Tochter Ivy über ein Baseballfeld tobt, gibt Beyoncé ihrer Erzählung einen größeren Twist. Handkameraverwackelte Privataufnahmen ihrer Familie mischt sie in einen aus Ethnien und Sexualitäten durchmischten Videoschnipsel-Remix. Sie zeigt sich als eine unter vielen und das ist nur möglich, weil sie sich privat zeigt. The personal is political. Es bleibt eine Inszenierung. „Who the fuck do you think I am?“, fragt Beyoncé im Song Don’t Hurt Yourself. Sie ist eben Beyoncé. Ein Superstar, schwarz, weiblich, mit einem Talent zur Inszenierung. Und: mit einer message.

06:00 09.05.2016
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler
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