Rumgetindert

Dating-App Tinder ist eine manipulationsanfällige Projektionsmaschine, wie ein Hacker kürzlich gezeigt hat: Er ließ Männer miteinander flirten
Ausgabe 14/2015
Testosteron-Chat: „Hey, Schönheit“ – „Du bist schön“ – „LOL, danke“
Testosteron-Chat: „Hey, Schönheit“ – „Du bist schön“ – „LOL, danke“

Foto: Ande Kefi/Komodo National Park/AFP/Getty Images

Tinder sei die ehrlichste Dating-Plattform überhaupt, versuchte mir mal jemand weiszumachen. Vielleicht war es das Bier, vielleicht die Wut auf lookism – die Vorstellung, dass das Aussehen den Wert einer Person bestimmt. Jedenfalls widersprach ich vehement. Tinder ist die Dating-App, bei der man sich durch eine Bildergalerie paarungswilliger Singles wischt, bis man einen „Treffer“ hat, man selbst und das Gegenüber einander also jeweils als attraktiv bewerten. Erst dann kann man miteinander chatten. Oder sich mehr oder weniger umständlich zum Geschlechtsverkehr verabreden, denn darum geht es in der Regel.

Die Frage, ob man nun ausschließlich Sex mit Menschen haben möchte, die man äußerlich attraktiv findet, haben wir bis heute nicht gelöst. Das mit der Ehrlichkeit schon. I win. Tinder ist eine manipulationsanfällige Projektionsmaschine. Gezeigt hat das ein amerikanischer Hacker, der die Sicherheitslücken der App ausgenutzt hat: Er erstellte ein gefaktes Profil einer Frau und lenkte, sobald zwei Männer Interesse an ihr zeigten, beide aufeinander um. Die interessierten Männer chatteten also miteinander – im Glauben, es mit einer hübschen Brünetten zu tun zu haben. Damit wollte der Hacker Männern ihr unflätiges Online-Verhalten vorführen, denn Freundinnen hatten ihm oft von rüpelhaften Anmachen erzählt.

Eine schöne Vorstellung, wie heterosexuelles Testosteron ungebremst aufeinanderprallt und sich zu einem verbalen Jenga-Turm aufbaut. Genau so kam es. Schaut man sich die Chatprotokolle an, kann man aber noch mehr hobbysoziologische Erkenntnisse gewinnen. Erstens: Auch Männer freuen sich über Komplimente. „Hey, Schönheit“ – „Du bist schön“ – „LOL, danke“. Oder in einem anderen Chat: „Dein Shirt ist megasexy. Deine Beine und Brüste machen mich an. Dein Haar sieht seidig, soft und exotisch aus. Und dein Gesichtsausdruck ist sexy.“ – „Danke :) Du siehst auch nicht gerade schlecht aus ;)“. Zweitens: Jeder rechnet mit uneindeutigen Geschlechtergrenzen. „Mann* Bist du keine Frau?“ – „Danke“ – „Zurück zu der Gendersache, lass uns ehrlich sein, bevor wir weiterreden. Was hast du zwischen deinen Beinen und wonach suchst du?“ – „Bin mir gerade nicht sicher, ob du mich verarschst“ – „Nein, ich meine das ernst. Bin gerade total durcheinander“. Drittens: Die menschliche Verdrängungsgabe während der Partnersuche ist unendlich. „Das sind nicht deine Bilder, oder?“ – „Doch. Ich bin ein Mann. Ich habe einen Penis. Vielleicht ist das nur ein sprachliches Missverständnis?“

Und viertens: Oft spielt das Geschlecht beim Chatflirten einfach keine Rolle. Völlig reibungslos verabredeten sich jedenfalls eine Reihe Männer direkt zum Sex. In diesen Fällen allerdings schaltete sich der Hacker dann ein. Vielleicht, um einen möglichen Rest romantischen Glaubens nicht vollends zu erschüttern. Seine aktuelle Freundin lernte er nämlich – na? – auf Tinder kennen.

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Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier

Juliane Löffler

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