Scheitern als Kapital

So nicht Sheila Heti stellt in ihrem Erfolgsroman „Wie sollten wir sein?“ die eigene Unsicherheit gar wohlfeil aus
Juliane Löffler | Ausgabe 14/2014 22
Scheitern als Kapital
Sheila Heti

Foto: Nikola Tamindzic

Wenn man einen Roman über das Scheitern schreibt und damit scheitert, ist das eine ebenso unglückliche wie konsequente Fügung. So erging es, vorerst, der kanadischen Schriftstellerin Sheila Heti, als sie für ihren Roman Wie sollten wir sein? zwei Jahre lang keinen amerikanischen Verlag fand, um ihr Werk auch jenseits von Kanada zu publizieren. Zu experimentell, die Story zu schwach, hieß es damals. Als es ihr 2012 in den USA doch gelang, rief sie mit ihrem Buch eine kontroverse Kritik hervor – und hatte enormen Erfolg. Nun ist es auch auf Deutsch erschienen.

Unsicherheit ist erfolgsfähig geworden. Nach demselben Prinzip funktioniert die HBO-Serie Girls von Lena Dunham. Es ist auch das Prinzip des millionenfach geklickten Videos der Psychologiestudentin Julia Engelmann aus dem vergangenen Sommer, welche darin rappt: „Ich würd gern so vieles tun, meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen, also fang ich gar nicht an.“ Aus den vielen Parodien auf das Video spricht derselbe Ärger wie aus den Kritiken auf Hetis Buch. Gehört die Koketterie mit den Schwächen zur Methode, diskreditiert sie sich selbst.

Sheila Heti hat mit ihrem Roman eine unruhige Melange aus Gedankensplittern, Emailprotokollen, Interviews und Traumfetzen vorgelegt. Die Protagonistin (heißt Heti, ist Schriftstellerin) sucht nach einem Weg, ein guter Mensch zu werden. Mögliche Vorbilder: Andy Warhol, Moses, ihre beste Freundin, ihre Freunde in der Kunstszene Torontos. Von ihnen will sie lernen. Es ist schwer zu sagen, ob sich die Autorin zu viel vorgenommen hat oder zu wenig. Aber wer die Frage ihres Titels ernst nimmt, wird enttäuscht. Da arbeitet sich eine junge Frau an ihrem eigenen Narzissmus ab. „Ich will, dass sich nichts ändert, außer dass ich so berühmt bin, wie man eben nur sein kann“, schreibt sie zu Beginn. Das ist schade, denn ihr Problem steht eigentlich für die Unsicherheit einer jungen Generation. Der Größenwahn, an ein maximal glückliches Leben zu glauben, hat mit der weltweiten Finanzkrise einen Dämpfer erhalten: Du kannst jede Version von dir sein – aber überlege dir gut, welche die richtige ist.

Diese ständige Selbstnarration blockiert. Was bedeutet das für den Job, die Freundschaften, Beziehungsmodelle? Sheila Hetis Ehe ist an dem Druck ihrer Erwartungen gescheitert, ebenso wie das feministische Theaterstück, mit dessen Auftrag sie über Monate nicht weiterkommt. Schließlich zerstreitet sie sich mit ihrer besten Freundin über den Kauf eines Sommerkleides.

Man möchte der Autorin in solchen Szenen Oberflächlichkeit vorwerfen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Die versprengten Figuren und Diskurse des Romans sind komplex angelegt. Genauso unbefangen, wie sich Sheila Heti der Popkultur bedient, schreibt sie darüber, was es bedeutet, sich als Künstlerin zu definieren – über Autorschaft und den Mut zur Hässlichkeit. Sie sieht ihr Buch als Basar, in dem sie dem Leser ihr Material offen zur Verfügung stellt. Dafür aber sind die Handlungen der Protagonistin zu selten nachvollziehbar, die Identifikation des Lesers mit ihr scheitert an Idiosynkrasie. Am Ende bleibt der fade Nachgeschmack, dass die Autorin keine Antwort auf ihre Frage weiß – und eigentlich auch keine geben will. Die Sorgen, welche sie dazu brachten, das Buch zu schreiben, seien für sie gelöst, sagte sie letztes Jahr in einem Interview. Wie schön für sie. Fairerweise hätte sie ihren Roman dann aber auch "Wie sollte ich sein?" nennen können.

Wie sollten wir sein? Ein Roman aus dem Leben Sheila Heti,Thomas Überhoff (Übers.) Rowohlt 2014, 336 S., 19,95 €

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06:00 16.04.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

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