Sehnsucht Europa

Reportage In München werden Geflüchtete mit Applaus empfangen. Doch noch immer müssen Zehntausende über den Westbalkan flüchten. Es ist ein Treck des Leids und der Hoffnung
Juliane Löffler | Ausgabe 36/2015 13

Umgeben von dichtem Gebüsch steht Ahmet im Regen. „Wenn sie meine Fingerabdrücke nehmen, bringe ich mich um“, sagt er auf Englisch. Sein Kapuzenpullover ist dünn, er zittert. Die Nacht war kalt, jetzt dämmert es. Um ihn herum scharen sich Dutzende Männer, in einem verlassenen Haus haben Frauen und Kinder Schutz gesucht. Es gibt nichts zu essen, kein Trinkwasser, keine Schmerztabletten, keine Windeln, kaum Decken, die Handyakkus sind fast leer.

Niemand wagt sich zu Fuß zurück zum Supermarkt in den Grenzort Horgoš, hier am nördlichen Ende Serbiens. Zurückgehen ist nie eine Option. Nur 50 Meter in die andere Richtung erstreckt sich der Zaun an der ungarischen Grenze und damit der EU-Außengrenze, sieben Meter hoch, mit Stacheldraht, Wärmebildkameras, Polizeipatrouillen.

In dieser Nacht haben rund um das verlassene Haus verschiedene Gruppen zusammengefunden. Niemand der Flüchtenden weiß, wie es von hier weitergeht. Sie warten – auf Informationen, auf die nächste Nacht, auf eine Möglichkeit, nach Ungarn zu kommen. In Feldern und Büschen finden sich Spuren derer, die zuvor hier waren. Kinderkleidung, zerrissene Dokumente, Schuhe, Rucksäcke.

Ahmet weiß, dass er illegal durch Ungarn muss. Wird er dort von der Polizei gefasst, wird er in eines der abgeriegelten Registrierungscamps gebracht, seine Fingerabdrücke werden erfasst, notfalls mit Gewalt. Beantragt er Asyl in Ungarn, wird er höchstwahrscheinlich zurück in den Irak abgeschoben. Flieht er weiter, kann er dann aus allen EU-Ländern zurück nach Ungarn abgeschoben werden, so will es die Dublin-III-Verordnung. Deutschland hat das Gesetz für Syrer gerade ausgesetzt – innerhalb kürzester Zeit hat sich die Nachricht verbreitet. Ahmet hilft das nicht. Auch sein Ziel ist Deutschland. „Werden sie mich bleiben lassen?“ Seine Frau und seine zwei Kinder hat er im Irak zurückgelassen. Um ihn herum Ärzte, Sales Manager, IT-Studenten. Eine Gruppe aus Afghanistan wartet auf ihren Schlepper, der sie nach Wien bringen soll.

Um diese Zeit kommen dunkel gekleidete Männer aus den Maisfeldern. Eine Schlepperbande. Der Chef spricht fließend Deutsch, nachdem er sich zunächst skeptisch genähert hatte. Er habe selbst in Deutschland gelebt und wolle den Leuten hier helfen und bringe sie bei Nacht in Zehnergruppen über die Grenze, wir könnten ihn begleiten. Geld nehme er dafür nicht, sagt er – überprüfen lässt sich das nicht, und schwer zu glauben, wenn man erlebt, wie die Geschäftemacher Flüchtlingen an jeder Grenze ihre Dienste anbieten, oftmals zu horrenden Preisen. Am Abend geht der Mann nicht mehr an sein Handy.

Die Menschen, auf die man im Grenzgebiet trifft, sind erschöpft. Sie haben einen langen Weg hinter sich – über die Türkei, mit Schiffen nach Griechenland und von dort zu Land weiter entlang der sogenannten Westbalkan-Route. Vor allem Syrer, Iraker, Afghanen und Pakistaner kommen so nach Europa, fast alle mit dem Ziel Deutschland. Rund ein Drittel der Flüchtlinge, die derzeit in Mazedonien ankommen, sind Frauen und Kinder, meldete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Nachts durch die Felder

Gevgelija im Südosten Mazedoniens, an der Grenze zu Griechenland, ist der derzeit wichtigste Eintrittspunkt der Route. Aus der 15.000-Einwohner-Stadt gingen Mitte August schockierende Bilder um die Welt, weil sich die Menschen stauten, Kinder in Stacheldraht gedrückt wurden, die Polizei Tränengas und Blendgranaten einsetzte. Nun sind die Behörden bemüht, die Situation zu entschärfen.

Gruppenweise werden die Menschen in das provisorische Registrierungscamp am Stadtrand vorgelassen, wo sie unter Sonnenschirmen und Zelten Schutz finden. Ein Mann im Rollstuhl wird vorsichtig über die Grenze getragen und von UNHCR und Ärzte ohne Grenze versorgt. Von der Regierung bestellte Busse und Sonderzüge bringen die Menschen weiter an die serbische Grenze. Schnell soll der Transit gehen, und möglichst reibungslos.

Im Schatten sitzt Alaa Akkad mit ihrer Familie und wartet. Sie war in Syrien Illustratorin für Kinderbücher, später Konditorin. Viele Syrer fliehen derzeit, weil die Infrastruktur sich immer weiter verschlechtert, ein Ende des Krieges nicht absehbar ist. 20 Tage wartete Alaa Akkad in Aleppo darauf, dass es wieder fließendes Wasser gäbe. Als nichts geschah, machte die Familie sich auf den Weg in die Türkei, die Großeltern blieben zurück. Was ist ihr Ziel? Hauptsache, weg. „Welches Land ist gut?“ Heidenau ist hier, auf einer Plastikplane des UNHCR, kaum zu erklären. Akkad hat einen Bruder in Konstanz, vielleicht wollen sie zu ihm. Ihr anderer Bruder sitzt neben ihr, er ist Ingenieur, ihre Kinder sind fünf und fünfzehn Jahre alt. „Wir haben alles verloren“, sagt sie. Als auf dem Meer vor Griechenland ihr Boot zu sinken drohte, schmissen sie ihre Rucksäcke über Bord, mit ihren Pässen darin. Das Einzige, was sie seit Beginn ihrer einmonatigen Flucht bei sich tragen, ist der Teddy ihres Sohnes, ein verfilztes Stoffknäuel.

Ob die Deutschen wütend seien, weil so viele Menschen kämen, fragt Akkad. „Ich weiß, wir sind so viele.“ Ihre Schwiegermutter ist neben ihr auf dem Boden eingeschlafen. Bei der Registrierung erhalten sie ein Transitpapier – 72 Stunden haben sie nun Zeit, das Land zu verlassen oder hier Asyl zu beantragen. Bleiben will hier niemand.

Im Zug an die serbische Grenze drücken sich 400 Menschen in die wenigen Abteile, öffnen die Fenster, rauchen. Die Hitze ist unerträglich. Die Menschen machen Platz für schwangere Frauen, Mütter mit Säuglingen, teils auf der Flucht geboren. Ein Vater aus Syrien hält seine schlafende Tochter auf dem Arm. Zwei Stunden habe er selbst in den vergangenen drei Tagen geschlafen, sagt er, blinzelt und küsst das Mädchen auf den Kopf.

Im Abteil nebenan sitzt Mohammed. Er ist Apotheker aus Bagdad, hat in England studiert. 2008 habe er in Kaiserslautern und Bonn gelebt, erzählt er, zeigt Facebook-Bilder aus einem Spanienurlaub. „Ich hatte ein perfektes Leben.“ Bis terroristische Gruppen ihn bedrängten, ihnen rezeptpflichtige Medikamente zu geben, um sie als Rauschmittel zu verwenden oder zu verkaufen. Hätte er nachgegeben, hätte er sich auf ihre Seite gestellt und wäre von rivalisierenden Gruppen bedroht worden. Ein befreundeter Apotheker wurde deshalb umgebracht. Zuletzt blieb ihm nur noch die Flucht, das Geld dafür hob er stückweise über Western Union ab. Er schweigt eine Weile. „Weißt du, worüber ich nachdenke?“, sagt er dann. „Ich überlege, ob es die richtige Entscheidung war, zu fliehen. Ob es in Deutschland wirklich besser wird ...“

Nach einer vierstündigen Fahrt kommt der Zug nachts in Tabanovce an, im Norden Mazedoniens. Unruhe entsteht, niemand weiß, ob dies die richtige Haltestelle ist. Gesichter blicken durch die Fenster, sie rufen: „Serbia“ Es sind freiwillige Helfer, sie verteilen Decken und Essenspakete und begleiten die Menschen auf einem steinigen Weg durch die Felder. „Da lang“, rufen sie, und zeigen auf Lichter in der Ferne. Ohne den weißen Grenzstein zu sehen, stolpern die Menschen durch die Finsternis. Sie werden heute Nacht hier auf den Feldern übernachten. Busse zum nächsten Stopp, der serbischen Registrierungsstelle in Preševo, gibt es erst wieder am nächsten Morgen.

Preševo quillt über vor Müll. In der prallen Hitze stehen Hunderte seit sechs Uhr morgens in der Schlange. Nicht alle werden heute durchgelassen, es gibt zu wenige Ärzte, zu wenige Behördenteams, um die Menschen zu registrieren, zu wenig Polizisten, um die jungen Männer zu beruhigen, wenn Familien mit ihren Kindern vorgelassen werden. Es sind Situationen, die sich auf der Westbalkan-Route wiederholen – zu viele Menschen, unter denen die Infrastruktur kollabiert. Wartende, Gestrandete, Verzweifelte, Verletzte. Von außen kann man diese Bilder leicht als Überforderung abtun. Nähert man sich den Menschen, wird die Menge zu einer Vielzahl dramatischer Schicksale und einer Aneinanderreihung unmenschlicher Behandlung, die kaum zu begreifen, kaum zu erzählen ist. Nicht alle werden heute durchgelassen. Ein Vater läuft aufgelöst die Zäune auf und ab, er hat seine Frau mit ihrem Baby verloren und weiß nicht, ob er sich jetzt anstellen soll oder nicht. Immer wieder zeigt er ihr Bild auf seinem Handy. Auch in Serbien bekommen die Flüchtenden Transitpapiere für 72 Stunden – eine Zeit, die oft nicht reicht, um auf verlorene Familienangehörige oder Gruppenmitglieder zu warten.

Rennen gegen die Uhr

Wie aus dem Nichts steht plötzlich Mohammed neben uns. Er schaut auf die lange Schlange zur Registrierung für Serbien. „Das geht nicht“, sagt er. „Das dauert zu lange.“ Die drohende Grenzschließung in Ungarn drängt in diesen Tagen zusätzlich zur Eile, alle haben davon gehört. Ahmet entscheidet mit seiner Gruppe, ein illegales Taxi nach Belgrad zu nehmen. Ohne Papiere bekommt er kein Busticket, kein Hotel. In Belgrad lagern bereits Hunderte am Busbahnhof und im Park nebenan, überall laufen Schlepper herum, die die Notlage der Menschen mit steigenden Preisen ausnutzen. 1.300 bis 1.800 Euro kostet eine Fahrt von hier nach Wien. Wer dafür kein Geld hat, nimmt einen Bus in den Norden und versucht auf eigene Faust nach Ungarn zu kommen.

Viele Flüchtende warten entlang der ungarischen Grenze in den Büschen. Bei Nacht wollen sie versuchen unter dem Nato-Draht durchzuschlüpfen. Oder mit Decken darüberzuklettern. Oder ihn mit Schneidwerkzeug zu öffnen. Vor Ungarn haben die Flüchtenden die größte Angst – vor allem wegen der Fingerabdrücke. Alle versuchen, unentdeckt über die Grenze zu kommen. Die Chancen, dass sie es die weiteren 500 Kilometer nach Österreich ohne Hilfe schaffen, gehen gegen null. Es bleiben die Schlepper. Die Nachricht, dass 71 Menschen auf der Fahrt nach Österreich erstickt sind, ist hier an diesem Wochenende noch nicht angekommen. Nachts kommen weiter die Kühllaster und laden Menschen ein.

In Ungarn, dem ersten EU-Land der Route, wird die Reise am schwersten, die Willkür am heftigsten. Die Registrierungspapiere sind nur 24 Stunden gültig. Haben Flüchtende bis dahin kein Asyl beantragt, gelten sie als illegal. Die freiwilligen Helfer machen sich in Ungarn – anders als in Serbien und Mazedonien – strafbar, wenn sie ihnen helfen. Auf die illegale Unterbringung eines Menschen auf der Flucht stehen bis zu acht Jahre Haft.

András Léderer ist einer der zentralen Flüchtlingshelfer in Budapest und wartet am Bahnhof Keleti. „The Many Stars Hotel“ nennen die Flüchtenden die überdachte Bahnhofshalle, weil es eine Wasserstelle gibt, Zelte, eine kleine Hilfsstation mit Essen und Kleiderspenden. Wenn dieser Ort ein Sternehotel ist, kann man die Situation in den Registrierungscamps erahnen, zu denen die Presse keinen Zugang erhält. Vor drei Wochen, erzählt Léderer, griff die Polizei nachts eine Gruppe Flüchtender auf den Feldern auf. Weil nicht alle in das Auto passten, ließen sie einen Zwölfjährigen zurück. Seit drei Wochen wird er vermisst, sein 20-jähriger Bruder sitzt in einem Camp im Norden Ungarns. Die Polizei reagiert auf András Léderers’ Anfragen bisher nicht.

Unterdessen ändert sich die Situation am Bahnhof Keleti täglich. Flüchtlinge werden von der Polizei in Züge nach Deutschland durchgelassen, dann wieder demonstrieren sie, weil sie von den Behörden nicht mehr registriert wurden und festsitzen, der Bahnhof wird zwischenzeitlich gesperrt. Mohammed ruft an. Er konnte in der Nacht mit 200 Menschen einfach an der ungarischen Polizei an der Grenze vorbeilaufen und fuhr mit einem Taxi für 1.000 Euro nach Österreich. Auf Facebook postet er ein Foto aus Wien.

Am Sonntagabend wird gemeldet, dass der ungarische Grenzzaun fertiggestellt wurde, 175 Kilometer lang, 21 Millionen Euro teuer, gebaut mit Hilfe Arbeitsloser und Strafgefangener. Wer die Verzweiflung der Flüchtenden auf der Westbalkan-Route erlebt hat, weiß: Dieser Zaun wird niemanden aufhalten.

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06:00 07.09.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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