Juliane Löffler
31.05.2012 | 07:00 26

Summa cum gaudi?

Flaschen-Streit Studierende seien selbstbezogene Wassertrinker, ärgerte sich Christiane Florin in der „Zeit“. Bullshit! Eine Replik

Summa cum gaudi?

Der Plastikbehälter des Anstoßes

Foto: der Freitag

Das Erste, was ich als Reaktion auf den Zeit-Artikel von Christiane Florin vernahm, waren die heruntergeklappten Kinnladen meiner Mitbewohner. Denen hatte ich den Text „Ihr wollt nicht hören, sondern fühlen“ gezeigt, weil er mich so empört hatte. Nun bestätigten sie meine Meinung und wir saßen nach Feierabend in unserem Stammcafé und diskutierten möglicherweise genau auf jene emotionale und kritische Weise, die Christiane Florin als Dozentin der Politischen Wissenschaft ihren Studierenden absprach. Hat sie Recht, wenn sie uns vorwirft, wir seien „emotionslos“, „brav“, politisch verdorben und nur noch mit uns selbst beschäftigt?

Diese Kampfansage an ihre Studierendenschaft kann durchaus allgemein gelesen werden. Sie richtete sich an die Studiereren von heute, also auch an mich. Ihre Vorwürfe: unkritisches Denken und Emotionslosigkeit, gepaart mit Ich-Bezogenheit und Desinteresse an den großen gesellschaftlichen Entwicklungen. Stattdessen politische Verweichlichung, die in Flashmobs wie „Stürmt die nächste McDonald's-Filiale“ statt kritischen Diskussionszirkeln à la 68er ihren traurigen Höhepunkt finden. Und ihre Aufforderung, dagegen „Widerstand“ zu leisten!

Nun muss ich zugeben, dass sie durchaus einen wunden Punkt trifft. Die Bewegungen der 68er scheinen heute wie aus einem anderen Zeitalter. Die Bildungsproteste, die 2009 eine kleine Hochphase hatten, schafften es einen Sommer lang in die Zeitungen. Danach hielten nur ein paar Versprengte die Fahnen der Solidarität für verbesserte Studienbedingungen hoch. Die heutige Generation der Studierenden ist tatsächlich viel mit sich selbst beschäftigt, der individuellen Suche nach Wohlbefinden und dem privaten Glück statt sich der großen, aufopferungsvollen Geste für die Gemeinschaft verpflichtet zu fühlen. Was Frau Florin allerdings vergisst ist zu fragen: Warum?

Wir trinken nicht zum Spaß!

Viele von uns sind ausgelaugt. Wir schleppen uns von einem unbezahlten Vollzeitpraktikum zum nächsten. Auch nachdem wir uns durch einen Bachelorabschluss qualifiziert haben, arbeiten wir in Ateliers, Jugendverbänden, politischen Bündnissen und Einrichtungen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir dafür 400€ monatlich. Das gilt auch für absolvierte Politikwissenschaftler mit Bachelor, wenn sie anschließend ein Praktikum im Bundestag machen und dort monatelang arbeiten. Nebenher jobben wir ehrenamtlich, um unsere Lebensläufe den beruflichen Anforderungen anzupassen, jetten durchs Ausland und lernen Fremdsprachen, schreiben uns für Masterstudiengänge ein und unterwerfen uns der Bologna-Diktatur.

Wir versuchen den Stoff für eine der zehn Klausuren zum Semesterabschluss zu notieren und denken dabei schon an das nächste Referat. Nebenbei arbeiten wir, um Berufserfahrungen zu sammeln und unseren Eltern finanziell nicht zu sehr zur Last zu fallen, und versuchen die Regelstudienzeit einzuhalten. Den Bachelor gibt es nicht für kritisches Diskutieren, sondern für 180 Leistungspunkte. Das waren in meinem Studium 48 Scheine. Wie viele davon hat die 68er Generation gemacht?

Warum ihre Studierenden ständig an großen Wasserflaschen rumnuckeln müssten, fragt Christiane Florin und will uns damit provozieren. Aber wir trinken unser Wasser nicht zum Spaß! Wir wollen durchhalten. Und statt einem Tröpfchen Unterstützung, erhalten wir eine Kampfansage. Es gibt bisher nur wenige Dozierende, die ihre Stimmen laut für eine Umstrukturierung dieser bürokratischen Abwärtsschleife namens Bologna-Reform erheben. Auch Frau Florin nicht. Sie ärgert sich lieber über Wasserflaschen, statt über die Studienbedingungen.

Aber sie hat nicht verstanden, dass wir uns mit diesem Durst nicht der Wellnesskultur unterwerfen, dass wir diesen Rückzug ins Private gar nicht wollen. Sondern dass wir nach Unterstützung und etwas Sicherheit dürsten. Die Zukunftsangst meiner Generation ist zum Motor unserer standardisierten Leistungsbereitschaft geworden. Wie viele Studierende können heute noch sagen, was sie später arbeiten wollen und vor allem können? Weder ich als Kulturwissenschaftlerin, noch die vielen Politikwissenschaftler haben die Garantie auf einen Job, schon gar nicht auf einen, der nach Möglichkeit glücklich machen soll. Die Chancen auf Festanstellungen sinken, die Forderung nach Flexibilität steigt. Wir müssen verfügbar sein, jederzeit und weltweit. Meine Schulfreunde haben sich nach dem Abitur über ganz Europa verstreut, ein weiterer Umzug nach dem Studium gehört unbedingt dazu. Ich gehöre zu einer Generation, „der die Soziologen so viele Optionen attestieren wie keiner Jugend zuvor“, schreibt die Autorin sehr richtig. Diese Wasserflaschen, sie gelten auch dem Durst nach einem Platz in der Gesellschaft. Und Verständnis.

Sie finden uns im Netz

Viele Entwicklungen sind auf den analogen Lehrplänen der Unis noch lange nicht angekommen. Stattdessen werden sie im Internet längst gelebt. Und zwar weder emotionslos, noch ohne Engagement. Facebook mag ein Ort der Selbstdarstellung sein, klar. Aber es ist auch Ort von Diskussionen, kritisch und voller Emotionen. Das gilt auch für die Politik. „Eure Piraten machen uns ratlos“, schreibt Frau Florin. Die haben immerhin verstanden, dass Transparenz oder Demokratie Begriffe sind, die mit dem Jargon von Gewerkschaftlern nichts zu tun haben. Das Internet ist nicht Karl Popper, aber es bietet eine unermessliche, sich ständig fortschreibende Informationsfülle. Möglicherweise war keine Generation vor uns so gut informiert und so reaktionsschnell. Der Sturz Guttenbergs mit Hilfe der Webseite guttenplag.wikia.com ist ein Beispiel für die politische Macht, welche das Internet den Studierenden eröffnet.

Wir könnten nicht einmal die Kanzler in die richtige Reihenfolge bringen, schreibt die Politikdozentin. Aber warum sollen wir das tun, wenn wir sie doch auf dem Smartphone googeln können?

Natürlich wollen wir uns einbringen: Nur nicht da, wo Frau Florin uns gerne sehen möchte. Wir würden nicht mehr auf „Gewerkschaftskundgebung für den Mindestlohn“ gehen, schreibt sie. Aber das ist so unzeitgemäß wie unsinnig. Die Informationen holen wir uns auf mindestlohn.de und können sie über unsere digitalen Netzwerke weiterverbreiten – wenn wir mal Zeit haben sollten, von einem festen Job zu träumen.

 Lebenswirklichkeit

Diese Form politischer Macht, die Frau Florin noch immer an Gewerkschaften und das Amt von Kanzlern und Ministern bindet, hat tatsächlich nicht mehr viel mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun. Im Netz dagegen kann jeder zum Gestalter werden, schneller und direkter als alle vier Jahre mit einem Kreuzchen für Menschen, die sich derselben Codewörter in blau, grün und rot bedienen und an deren immergleichen Singsang uns langsam das Interesse verloren geht. Diese Form der Repräsentation, sie fühlt sich nicht mehr echt an. Unsere Generation, die durch die Teilhabe im Internet gesellschaftliche und politische Autoritäten nicht mehr als gegeben hinnimmt, ist durchaus aktiv und gestaltet in mächtigen Netzwerken die Gesellschaftsformen aktiv mit. Auch ohne Politikwissenschaftlerin zu sein, scheint mir das eine große Chance zu sein, Demokratie und Politik neu zu denken.

Dass Frau Florin einer vermeintlich durch die Medienflut emotional verkümmerten Generation diese Veränderung nicht zugestehen will, ist paradigmatisch für die Angst ihrer Generation. Sie will, dass wir alles so machen, wie sie einst. Immerhin: „Wir Beobachtungsexperten haben zu wenig hingeschaut. Wir müssen lernen, nicht nur ihr,“ gibt Christiane Florin zu. Das ist gut.

Wir sind es leid, uns Desinteresse und Selbstbezogenheit vorwerfen zu lassen. Frau Florin, schwimmen Sie doch mal im Netz mit. Da finden Sie uns. Dort stört Sie dann vielleicht auch das Wasser nicht mehr so sehr.

 

Juliane Löffler, geboren 1986, studierte in Potsdam Kulturwissenschaft, Spanische Philologie, Deutsch als Fremdsprache und Design Thinking. Sie schreibt an ihrer Bachelorarbeit und freut sich über die Proteste in Québec gegen höhere Studiengebühren

Unpolitisch? Unkritisch? Uninteressiert? Fünf Studierende äußern sich zu den Universalvorwürfen von Christiane Florin

Romy van de Loo, studiert Jura in Berlin:

Die Zeit-Autorin hat schon einen Punkt benannt, den man nicht verleugnen kann: Wir sind Kinder unserer Zeit. Wir leben mit Facebook, mit permanenter Beschallung. Fühlen uns komisch, wenn wir alleine zu Hause sind und ein Buch lesen. Ruhe ist für uns ein unangenehmer Zustand, der beseitigt werden muss. Und das macht etwas mit uns. Es prägt unsere Art, Wissen aufzunehmen. Einerseits. Andererseits bin

ich wütend. Ich bin wütend auf eine Dozentin, die solche Sachen über ein Fach schreibt, das ich liebend gerne studiert hätte. Wütend über Ältere, die es lieben, über jüngere Generationen zu schreiben.

Es ist so: Ich habe keine Lust, analysiert zu werden, keine Lust, dass Leute kopfnickend murmeln: Ja, ja, so sind sie halt, die Studierenden von heute. Ich möchte einfach in Ruhe gelassen werden, möchte leben und lernen und zwar

auf meine Art ohne zu einem Studienobjekt zu werden.

Lea Brinkschulte, studiert Deutsche Philologie/Philosophie in Berlin:

Liebe Frau Florin, ich würde Ihnen zu gerne antworten, aber ich muss arbeiten und hab darum leider keine Zeit.

Linda Brandes, studierte Publizitik in Wien:

Okay, es gibt diese Feelgood-Mentalität der Wassertrinker, die Frau Florin beschreibt. Eigenständiges Denken und Debattieren standen auch in meinem Studium nicht an erster Stelle. Vielmehr ging es um Auswendiglernen und Wiedergeben. Für kritisches Hinterfragen war wenig Platz. Ich denke, dass ein Großteil zwar zu den meisten Dingen eine Meinung hat, sich auch eher links oder eher rechts einordnen würde, aber mit echtem Herzblut sind wenige dabei. Politisch reicht es oft nur für den Atomkraft nein danke-Slogan auf der Facebook-Seite. Man darf aber auch nicht vergessen: Studieren heißt heute konstant Leistung bringen. Regelstudienzeiten, Pflichtkurse, Auslandsaufenthalte, Ferialpraktika, dazu Hausarbeiten und am Ende den 1er-Schnitt, um an den gewünschten Master zu kommen. Verständlich, dass man da nicht in jedem Seminar mit Feuereifer dabei ist.

Moritz Depenbrock, studiert Jura in Hamburg:

Wir sind nicht politisch. Nicht so wie Ihr es wart. Wir denken viel an uns und über uns nach. Das Ich im Mittelpunkt. Wir empören uns nicht über alles, denn: Wir sehen nicht überall den Feind, so wie Ihr es tatet: Im Staat, in der Wissenschaft, in Euren Eltern. Ihr wolltet

alles verändern und alles hinterfragen. Vielen Dank dafür. Wirklich. Doch nicht jeder eurer Diskurse macht Sinn, bloß weil Ihr ihn kritisch nennt. Wir sind satt. Und Ihr habt uns gefüttert. Als graugewordene Gutbürgerliche fällt euch jetzt auf, dass wir anders sind. Und in der Kritik daran erschöpft sich euer Aufbegehren gegen uns. Die Unpolitischen. Die Piraten. Die von Occupy. Und alle anderen, die einfach anders sind als Ihr. 1968 ist vorbei.

Matthias Köberlein, studiert Politikwissenschaft in Trier:

Sehr geehrte Frau Florin,

guter Dreh zum Schluss! Danke für diesen Einblick in Ihre Dozentinnen-Gefühlswelt! Schade, dass Sie bei Christ und Welt arbeiten. Das war mir unsympathisch, also habe ich nach Widerworten gesucht, das heißt: Ich habe gegoogelt.

Glücklicherweise konnte ich mir schnell Julian Kirchherrs Meinung zu eigen machen: Sehr plausible Gegenargumentation des Studenten! Google hat mir über Kirchherr jedoch auch was von wegen FDP ausgespuckt. Auch er ist mir also unsympathisch, aber ich verzeihe ihm das aus pragmatischen Gründen: Man ist nur einmal jung und sollte mit seiner Zeit haushalten. Ich zum Beispiel trinke lieber einen Schluck Wasser als mir die zahlreichen Kommentare zu beiden Texten bei Zeit Online auch noch anzutun.

Im Ernst: Die öffentliche Meinung steht uns Studenten dank des Internet ständig zur Verfügung. Wir müssen selektieren. Wir brauchen nicht noch mal alles von vorne zu diskutieren.

P.S.: Googeln kann man übrigens auch: Die Kanzler in der richtigen Reihenfolge, Materialismus, die Gewaltenteilung - immer und überall dank Smartphones.

P.P.S.: Mein Dozent für Medienwissenschaften Hans-Jürgen Bucher hat in Trier in der Vorlesung eine Twitterwall etabliert. Diese ermöglicht Diskussion und Nachfragen ohne lästige Unterbrechungen.

Kommentare (26)

foeniks 31.05.2012 | 11:19

Eine gute Replik auf einen schlechten Ausgangsartikel.

Florins Artikel hat etwa die Aussagekraft von "Warum seid ihr nicht wie wir?" und meint "Warum seid ihr nicht wie wir gewesen sind".

Die Grundprämisse, dass alle folgenden Generationen die 68er nur noch imitieren können ist grundfalsch. Man muss wohl seinen eigenen Weg finden, undogmatischer vielleicht, mit neuen Möglichkeiten wie dem Internet, etc.

Wobei ich Florin auch verstehen kann, wenn man beobachtet dass viele Menschen meiner Generation betont uninformiert sind. Die Tagesschau zu sehen ist selten, und wäre vielleicht wie hier angesprochen auch unnötig, wenn man sich auf anderen Wegen vernetzen würde, aber auf Facebook dreht sich eben doch das meiste um verlinkte Youtube Videos und nicht den Mindestlohn.

Nur eine letzte Frage habe ich da noch: Wo sind denn die ganzen 68er von damals, wenn es heute um die Einführung des Mindestlohns geht? Auf Kundgebungen? Nein, auch sie nuckeln an ihrer Vittelflasche.

Juliane Löffler 31.05.2012 | 13:57

"Die Tagesschau zu sehen ist selten, ..."

Das kann ich nicht bestätigen - ich kenne eine ganze Menge Studierende die Tagesschau schauen, und sich regelmäßig auf tagesschau.de informieren, statt nur auf FB abzuhängen. M.E. nach hat Frau Florin hier schlicht - unrecht. Ich empfinde meine Generation im Gegenteil als extrem informiert.

Ansonsten: meine volle Zustimmung zu diesem Kommentar!

Peter Knobloch 31.05.2012 | 14:58

Sehr schönes Replik liebe Jule,

Du schreibst "Ich gehöre zu einer Generation, „der die Soziologen so viele Optionen attestieren wie keiner Jugend zuvor“, schreibt die Autorin sehr richtig. Diese Wasserflaschen, sie gelten auch dem Durst nach einem Platz in der Gesellschaft. Und Verständnis."
Das erinnert mich an die viel gescholtene Generation Maybe (Welt-Online). Wie mensch dieser Vielfalt an Chancen und Risiken meiner Auffassung nach am besten begenet, habe ich zuletzt in meiner Kolumne geschrieben. Schau mal rein, wenn Du magst:
www.peterknobloch.net/index.php/kolumne/Generation_Bauchgefuehl

PS: Dass ich Dich und Jacques gerne auf ein Bier einladen möchte, dieses Angebot gilt noch. :)

Liebe Grüße

hierundjetzt 01.06.2012 | 04:21

"M.E. nach hat Frau Florin hier schlicht - unrecht. Ich empfinde meine Generation im Gegenteil als extrem informiert."

Ja, ganz genau. Und auch wenn es nicht unbedingt die Tagesschau ist, so sind es vor allem bei weitem nicht nur Angebote wie die Tagesschau, mit der sich große Teile unserer Generation informieren. Da sind die Möglichkeiten doch viel breitgefächerter und meist viel tiefer gehender und kritischer, als es der öffentlich-rechtliche Sender Nr. 1 je wäre (siehe: das Internet ;-) ).

Ansonsten vollste Zustimmung zu dieser sehr guten Replik, die mir quasi aus der Seele spricht.

DrLecter 02.06.2012 | 02:46

Sogar die nachdenkseiten nehmen euch euren Unsinn nicht mehr ab:

„Die zweifelsohne schlechten Studienbedingungen und die Entwicklung, sich mehr und mehr ökonomischen Zwängen zu unterwerfen, sind zwar Gründe aber noch lange keine Entschuldigung für die fortschreitende Entpolitisierung einer ganzen Generation.“

Du schreibst: „Viele von uns sind ausgelaugt. Wir schleppen uns von einem unbezahlten Vollzeitpraktikum zum nächsten. Auch nachdem wir uns durch einen Bachelorabschluss qualifiziert haben, arbeiten wir in Ateliers, Jugendverbänden, politischen Bündnissen und Einrichtungen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir dafür 400€ monatlich. Das gilt auch für absolvierte Politikwissenschaftler mit Bachelor, wenn sie anschließend ein Praktikum im Bundestag machen und dort monatelang arbeiten. Nebenher jobben wir ehrenamtlich, um unsere Lebensläufe den beruflichen Anforderungen anzupassen, jetten durchs Ausland und lernen Fremdsprachen, schreiben uns für Masterstudiengänge ein und unterwerfen uns der Bologna-Diktatur.“

Wer solche Bedinungen akzeptiert, ist selber Schuld. Wer solch ein Leben widerstandslos akzeptiert ebenfalls. Als ehemalig selber 68er kann ich nur sagen: Kein Schwein interessiert sich für eure Ausreden.

Wegen der Hoffnung auf spätere gute Bezahlung lasst ihr euch zum Teil des Systems machen auf das ihr dann, ganz der politisch korrekte künftige Spiesser, nach Feierabend schimpft.

Mal ganz ehrlich… dümmer gehts nicht. Bitte, es ist euer Leben, wenn das alles ist was ihr vom Leben wollt, solange man euch wenigstens noch darüber jammern lässt, dann macht so weiter.

Jazariel 02.06.2012 | 09:24

Nun der Konkurrenzkampf und der Leistungsdruck sind höher dennje, daraus folgt automatisch, dass der Alltag strikt danach struktuiert und absolviert wird, was sich letztlich auch beruflich und zu Kapital umwandeln lässt. Die 1968er haben die Chance in ihrer aktiven Studienzeit verworfen, derartigen Entwicklungen zuvor zu kommen. Es gab den SDS, Rudi Dutschke und alle ausformulierten Argumente dagegen radikal für mehr Selbstbestimmung und Emanzipation vorzugehen. Das wurde nicht durchgezogen und nun sind heutige Generationen also schuld an der "Entpolitisierung" des Alltags?

Dies würde ich als Realitätsverweigerung bezeichnen, da die Entpolitisierung von den Individuen wie von Fr.Löffler beschrieben nicht aktiv vorangetrieben wird. Es ist heutzutage wesentlich schwieriger seinen Platz im Kapitalismus zu finden. Der Kapitalismus zwingt die Menschen zu mehr Egoismus, zu mehr Flexibilität, zu mehr Weiterbildung, zu mehr Arbeitszeit und Arbeitsintensivierung. Das geht auf Kosten der Beziehungen zwischen Menschen, aber natürlich auch auf Kosten der Gedanken und Verhaltensweisen, die sich eben nicht in Geld oder Zahlen ausdrücken lassen. Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaften, soetwas interessiert das Kapital nicht, genauso wenig wie Charakterbildung im Studium, daher wird jedes Individuum vom "Markt" bestraft, wenn es solchen Gebieten und Gedanken nachgeht. Wer nicht marktkonform ist, also jede freie Minute dem Studium oder dem Job nachgeht und stattdessen ein paar Schilder auf politischen Spaziergängen hochhält oder Diskussionen über zehntausend Hungertote täglich führt, der verliert selbst an Lebensqualität und beruflichen, sozialen sowie kulturellen Möglichkeiten.

Das zu hinterfragen ist der richtige Ansatz, aber die Lösung daraus zu entwickeln bedarf natürlich weitmehr, wie zum Beispiel einer Solidarität und Beteiligung von Milllionen Menschen, was allerdings nie passieren wird, weil die meisten Menschen einer positiven radikalen Gegenentwicklung zu diesen miserablen Zuständen misstrauen ("Keine Experimente" CDU Wahlspruch) und den anerzogenen Egoismus im Konkurrenzkampf des Kapitalismus nur allzu gut kennen. Und so bleibt alles wie es ist: beschissen.

tlacuache 02.06.2012 | 10:03

..."Auch nachdem wir uns durch einen Bachelorabschluss qualifiziert haben, arbeiten wir in Ateliers, Jugendverbänden, politischen Bündnissen und Einrichtungen." etc. ...

Da helfen nur noch Globulis in den Wasserflaschen oder latenter Systemstreik, das kann man sich ja mal aussuchen...
Wenn man bedenkt, was die spanischen Jungarbeitslosen so alles auf die Beine gestellt haben seid ihrem letzten "Frühling"...
Von den Griechen Bj. '86 reden wir noch gar nicht...

Aber wir facebuckeln weider und weider und weider,
vor lautem Sms gezwitscher...

P.S.
Das ist keine Wertung der Generation, es war nur so eine Beobachtung, die auf Richtichgeid keinen Anspruch erhebt...
LG
TL

Avatar
Ehemaliger Nutzer 02.06.2012 | 10:34

tlacuache schrieb am 02.06.2012 um 08:03
..."Auch nachdem wir uns durch einen Bachelorabschluss qualifiziert haben, arbeiten wir in Ateliers, Jugendverbänden, politischen Bündnissen und Einrichtungen." etc. ...

Bachelors (ich rede von BWL-Absolventen) sind leider häufig nicht gut im Betriebsalltag einzusetzen.
Dazu waren die früheren Abschlüsse von graduierten BWLern oder Dipl. Kaufleuten viel besser geeignet.

Deshalb werden zu recht Bachelors häufig nicht eingestellt.
Also, - Master machen und sich erneut bewerben!

Juliane Löffler 02.06.2012 | 17:57

Ich finde es höchst erstaunlich, dass Vertreter eben jener Generation, welche uns dieses System erst eingebrockt haben (Bologna), am lautesten schreien "Ihr seid doch selber schuld, wenn ihr das mit euch machen lasst!". Das erscheint mir nicht nur ignorant, sondern auch heuchlerisch.

Wer außerdem zusätzlich weder den Widerstand, der geleistet wird (siehe Quebec oder auch das Engagement der Occupy-Bewegung, zuletzt beschnitten in Ffm) wahrnimmt, noch die Schwierigkeiten, mit denen dieser Widerstand zu kämpfen hat, dem kann ich echt nicht mehr weiterhelfen. Ich würde gerne mal eine Alternative zum abverlangten Leistungsmarathon hören, und nicht immer nur diese ewigen Verweise auf uns selbst. Wer sitzt denn an den großen institutionellen Hebeln?

Die Krone setzt diese Art der Argumentation die Reduzierung "unserer" Hoffnungen und Wünsche auf eine "spätere gute Bezahlung" auf. Ich sehe in meinem Umfeld viele clevere und hochqualifiziert Absolventen die völlig unterbezahlt in Bereichen arbeiten, die sie für richtig und wichtig halten (das betrifft insbesondere den Kultursektor).

Das "jammern" gilt im Übrigen nicht der eigenen Situation, sondern der Ignoranz von Kommentaren und Texten wie Frau Florin und dem obigen, die sich erschreckend unsolidarisch zeigen.

carsten plaug 02.06.2012 | 18:37

Sie haben Recht Frau Löffler:
Es gibt überhaupt keinen Grund sich dermaßen über Studierende zu mokieren, die zumeist neben ihrem Studium jobben müssen, um ihren Lebensunterhalt überhaupt noch gebacken zu bekommen.
Das klingt ziemlich tranig, wenn sich da aus dem Lehrkörper über Studierende einer Generation Praktikum beschwert wird, dessen Lage einem nichteinmal ansatzweise bewußt zu sein scheint.

Mal ganz abgesehen davon, dass der ganze Bologna Kram wenig mehr als ein Schlag ins Wasser war, der als bildungspolitische Katastrophe der Xtraklasse in die Geschichte der Bildungspolitik eingehen wird.

Das ist allerdings nichtzuletzt auch mit eines der Ergebnisse einer Ära-Kohl, die nun mit den Ergebnissen ihrer sogenannten "geistig-moralischen Wende" (dieser Topos war nicht die Erfindung des derzeitigen Bundesaußenministerdarstellers) auch nichts zu tun haben will und das ungefähr so ausblendet, wie die Schuldenkrise, die ja nicht erst seit heute schwelt, sondern ganz kräftig sogar von der Kohl-Administration mitzuverantworten ist.

Generationenkonflikte sind nie besonders witzig.
Daher kann man allen Studierenden nur wünschen, durchaus selbstbewußter mit ihren Richtern umzugehen.

wwalkie 02.06.2012 | 18:37

Jetzt muss ich mich doch äußern.

Sie wollen doch wohl keine "Generationenhaftung" einführen. Von Anfang an habe ich wie viele andere "meiner Generation" die Ökonomisierung der Bildung kritisiert und musste mich von anderen Vertretern "meiner Generation" und den "Folgegenerationen" als Bildungsbürger, Ewig Gestriger, Betonlinker, Betonrechter, Konservativer etc. bezeichnen lassen.

Ihre nicht falsche Aussage, es seien Mitglieder der 68er Generation, die für den Bologna-Prozess Verantwortung trügen (ich habe Ihre Pauschalisierung etwas korrigiert), zeigt die engen Grenzen des Generationenkonzepts. Für Bologna verantwortlich sind die OECD, die EU-Kommissare, die diversen neo- und altliberalen, neo- und altsozialdemokratischen Regierungen, die Thinktanks, vor allem die Bertelsmann-Stiftung, die locker jede Verschwörungstheorie bestätigt. Indirekte Verantwortung tragen auch die (wir) übereifrigen Mitmacher an den Unis und an den Schulen. Aber dieser Übereifer hat auch wieder sehr komplexe sozialökonomische Ursachen.

Mit Generationen hat dies alles nur sehr wenig zu tun. Natürlich gibt es Unterschiede: die 68er riechen oft nach Zigaretten, wollen nicht so alt sein, wie sie aussehen, trinken viel Kaffee. Die 88er rauchen (noch) nicht so viel, wollen nicht so jung wirken, wie sie auch nicht mehr sind und - nuckeln tatsächlich an Wasserflaschen. Das ist aber noch gar nichts gegen die Buntflaschennuckelei der 94er. Bei den 95ern ist das etwas anders...

Juliane Löffler 02.06.2012 | 22:10

"Mit Generationen hat dies alles nur sehr wenig zu tun."

Ein wichtiger Punkt; der Ton dieses "wir" und "ihr" behagt mir auch nicht so recht, taugt vielleicht als Zuspitzung, ist aber auch pauschalisierend, da gebe ich Ihnen Recht.

Natürlich sehe ich in meinem Umfeld auch politisch desinteressierte und karrierefixierte Studierende, welche willig auf diesen Zug der Bildungsökonomisierung aufspringen. Genau wie 68er, die den Kopf über diese Zustände schütteln. Mit Generationen hat es - auch altersbedingt - vielleicht insofern etwas zu tun: Es geht um die Position, von der aus man spricht, auch im Hinblick auf gesellschaftspolitische Macht.

Die Buntflaschennuckelei macht mich neugierig. Was ist damit gemeint - die grüne Weinpulle? :)

miauxx 02.06.2012 | 23:48

Die Pauschalisierung Florins ist mindestens kein geeignetes Mittel, Kritik zu üben und wiederholt nur, was eigentlich schon immer ältere Generationen den jüngeren vorgeworfen haben. Das ist nix neues.

Nur wissen Juliane Löffler sowie die zitierten Studierenden Florin in der Sache nicht wirklich was entgegenzusetzen.
Da steht als Ausrede, man sei seit der Bologna-Reform derart auf Stromlinienförmigkeit getrimmt, so dass man gar nicht in der Lage sei, sich gegen "das System" aufzulehnen. In der Sache stimmt das. Und es sind eben die Älteren, die sich diese Geistesstutzung der Universitäten ausgedacht haben. Und um mal ebenso wie Fr. Florin zu verallgemeinern: Es sind genau diese, "älteren", Leute, welche solche Artikel wie Florin verzapfen oder sich in den bildungsbürgerlichen Blättern an solchen ergötzen, die tatsächlich und in der Tat nicht ein Deut an so etwas wie dem Bologna-Prozeß rütteln. Sie schwimmen nicht minder mit dem Strom - auch wenn der eine oder andere mal "68er" war. Insofern ist die Verächtlichkeit gegen die Studis von heute bigott.

Nun sei der Studi von heute aber Internet zu finden lässt uns Juliane wissen, denn das lässt sich auch für den angehenden Bachelor immer, etwa unterwegs per Smartphone bewerkstelligen. Nur, allein auf die Möglichkeiten der zeitgemäßen Kommunikationsform Internet zu verweisen, beweist nicht, dass "man" auch tatsächlich politisch aktiver wäre. Es scheint Juliane als Argument zu genügen, dass es doch im und mit dem Internet entsprechend Aktive im Netz gebe, und in ebendiesem Netz sei "man" doch zu finden. Also was will man mehr?

Völlig falsch ist auch, zu glauben, dass die überkommenen Macht- und Regelungsstrukturen nichts mehr mit "unserer Lebenswirklichkeit" zu tun hätten. Haben sie sehr wohl! Ich kann zwar über die Bologna-Reform klagen, bleibe damit aber ein zahnloser Tiger, wenn ich siegesgewiss verkünde, mit denen, die ebenjene beschlossen haben, rede ich doch gar nicht mehr, weil deren Zeit längst abgelaufen ist. Um Strukturen wirkungsvoll angreifen zu können, muss ich doch Wissen über die Machtstrukturen und herrschenden Verhältnisse haben. Mal eben schnell Googlen schafft und vor allem ersetzt kein Wissen!
Es ist nichts als ein Alibi-Argument, auf guttenplag u.ä. zu verweisen. Das ist geradezu so, als hätte der westdeutsche Studi der 60er und 70er Jahre für sich reklamiert, er sei doch politisch aktiv, wofür als Beweis genüge, dass die Unis doch der Hort politischer Auflehnung wären.
Aber auch dieser Vergleich hinkt: Denn das Internet hat sich noch gar lange nicht als der Ort politischer Kernentscheidungen erwiesen. Das ist bisher eine Idee. Das Internet ist, bei aller Freiheit, die es bietet, darüber auch kein Ort der politischen Autonomie. Jeder kann zwar für sich gestalten - doch bleibt das Netz ein Träger der ökonomischen Verhältnisse sowie es durch diese getragen wird. Wir hätten dieses Internet samt der Geräte, die uns die Teilhabe erst ermöglichen, nicht, wenn dadurch nicht die bestehenden Verhältnisse im Kern bestätigt würden.
Ich möchte nicht über Gebühr unken - aber ich zweifele doch stark daran, dass eine Revolution von den Kunden von Microsoft, Apple, Nokia et al ausgehen wird.

Die wirklichen Kämpfe und Auseinandersetzungen müssen auch heute noch "auf der Strasse" oder in den Institutionen ausgetragen werden. Das Internet bietet zweifellos gerade auch dafür beste Möglichkeiten. Nur ersetzen kann es nicht. Auch wenn nachvollziehbar und nicht unbegründet viele Zukunftsideen auch für die politische Gestaltung auf dem Internet aufsetzen, muss der Geist dafür ausserhalb desselben entstehen. Es ist ein nur allzu bequemer Fluchtpunkt, allein darauf zu verweisen, man mache doch was im Internet. Mal so per Klick nebenbei.

Georg von Grote 03.06.2012 | 00:47

Ist es nur eine Generationenfrage, dass mir Florins Artikel heruntergeht wie Öl? Ich ihn quasi als Balsam für die wunde Seele empfinde?

Natürlich provoziert er, soll ja provozieren.
Und wie man sieht, auch an Ihrer Replik, Frau Löffler, geht die Rechnung Florins wohl auch auf. Anders, als sie es wohl beabsichtigte, aber die Betroffenheit in den Reaktionen der "Google -, bzw Ich Bin App- Generation" zeigt es überdeutlich.

Man hat gegoogelt, statt selbst nachzudenken. Allerdings bietet das Internet alles Mögliche, nur keine fertige jederzeit abrufbare Selbstreflexion für jedermann.
Und die Äußerungen der 5 Studierenden sind typisch für diese Generation. Man sucht überall nach Schuldigen, sei es im Hochschulsystem, sei es bei den Professoren, sei es bei der Hochschulpolitik, sei es bei den knapp bemessenen Studienzeiten. Nur nicht bei sich und der eigenen Unfähigkeit, etwas an dieser Situation zu ändern oder überhaupt ändern zu wollen.

Und dann lügt man sich selbst in die Tasche und gaukelt sich eine nicht existierende Macht des Internets vor.
Guttenplag-Wiki, so effektiv und schnell es auch war, ist nicht diese politische Macht als die sie gerne gesehen wird. Da rollten ein paar Politikerköpfe und wurden sofort 1:1 ersetzt. Verändert hat es nichts.

Wenn die heutige und auch die folgenden Generationen nicht langsam begreifen, dass Internet, FB, Twitter etc nur ein rasantes Kommunikationsmittel sind, die Knochenarbeit aber nach wie vor in den Köpfen und auch auf der Strasse, in den Büros und den Hörsälen und den Betrieben geleistet werden muss, dann wird diese "Ich-Bin-App-Generation" scheitern und im selbstgefälligen und Ich bezogenen Mittelmaß versinken. Und da ist es egal, ob die nun mit Wasserflaschen oder Coffee to go in der Unbedeutsamkeit versinkt.

davidjordan 03.06.2012 | 08:24

Ich weiß nicht, was und wie ich genau auf den Artikel und die Reaktionen auf den Artikel reagieren soll. Ich arbeite als 'visiting professor' in Südkorea. Südkorea zeichnet sich dadurch aus, dass die Studenten hier früher politisch sehr aktiv waren. Davon ist aber mehr oder weniger kaum etwas geblieben, da die Studierenden hier heutzutage einem sehr starken Konkurrenzdruck ausgesetzt sind. Das fängt schon in der Schule an. Das Ziel ist, auf die beste Universität zu kommen. Dafür tut man alles, z. B. nach der Schule noch auf zig Hakwans zu gehen und erst spät in der Nacht nach Hause zu kommen. Begeistert ist keiner darüber, aber alle machen es, weil es eben alle machen und keiner außen vor bleiben will (und sei deshalb, weil er Angst hat, sonst nicht auf die richtige Uni zu kommen). Nun könnte man einwenden, dass es doch keine Rolle spielt, auf welche Uni man kommt. Hier schon. Denn hier gibt es wirklich gute und schlechte Unis. Aber das ist nur ein Aspekt. Es ist schon so, dass die Studierenden auf die Straße gehen und demonstrieren, das habe ich letztes Jahr selber erlebt. Es ging dabei vor allem um die Höhe von Studiengebühren. Es ging aber auch um den Druck, der auf den Studierenden lastet. Es gab eine Reihe von Selbstmorden von Studierenden und es gab auch den Fall, dass ein Schüler, seine Mutter umgebracht hat, weil sie ihn so sehr unter Druck gesetzt hat. Aber sonst? Alle paar Monate die neueste Version des Smartphones, Reisen überallhin in den Semesterferien, die neueste Mode. Ich weiß gar nicht, woher sie das Geld haben. Die meisten haben es von ihren Eltern. Die meisten wohnen auch noch bei ihren Eltern. Usw. usf. Aber gut, das ist Korea. Korea ist eben anders.

Als ich zu studieren angefangen habe, gab es noch das alte System in Deutschland. Doch meine Uni war Avantgarde. Es gab auch ein M.A.-Reformmodell. Dann gab es in meinem Fach noch zwei Studienordnungen, die später um eine weitere ergänzt wurden. Ja, und dann kam der Bachelor. Was war die erste Frage der Professoren, wenn man in die Sprechstunde kam? 'Nach welcher Ordnung studieren Sie?' Immerhin: 48 Scheine musste ich nicht machen. Eigentlich müssten die jetzigen B.A.-Studenten viel mehr an Wissen vermittelt bekommen als ich meinerzeit. Andererseits sehe ich an den Studierenden hier in Korea, welches das verschulte B.A./M.A.-Modell hat, dass sie auf die Klausur hin lernen und anschließend alles wieder vergessen. Aber wie sollen sie auch nicht, wenn sie für zehn oder mehr Klausuren lernen müssen? Ich habe den Eindruck, was Korea anbelangt, dass es nur darum geht, zu lernen, wie man Klausuren bestehen kann. Der Eindruck drängt sich mir auch bei Deutschland auf. Hauptsache bei PISA stimmt das Ergebnis. Aber kommen wir zu der Generationenfrage. Es ist eine Generationenfrage. Und ich bin da, dass muss ich zugeben, ziemlich sauer. Es ist nun einmal die Kohl-Generation und die sogenannte 68er-Generation, die in politischer Verantwortung stand und die entsprechenden Gesetze und die entsprechenden Entwicklungen angestoßen hat. Aber diese Leute sitzen dann auch vor dem Computer und müssen ihre Kinder und/oder ihre Enkel bitten, das Ding zum Laufen zu bringen. (Erinnert sich noch jemand an die Lehrer, die nicht wussten, wie man einen Videorekorder zu bedienen hatte?) Was können die einem dem beibringen? Die kommen doch in der heutigen (Arbeits-)Welt gar nicht zurecht. Sie kommen nur deswegen zurecht, weil sie alt sind und oben sitzen. (Sehr schön wieder in Korea zu sehen. Es gibt Leute in verantwortungsvollen Positionen, die wirklich nicht wissen, wie sie die Technik zu bedienen haben oder wie sie die Steuererklärung auszufüllen haben. Aber dafür haben sie ihre Assistenten und/oder Ehefrauen.) Und es ist auch ziemlich billig zu sagen, dass man sich engagieren soll. Hat das mal einer versucht? Mit dem ganzen Klüngel und all den ganzen Quoten und Wer-kommt-aus-welchem-Ortsverein-Qualifizierungsmerkmal? Diese Professorin regt sich auf über eine entpolitisierte Studierendengeneration? Sie ist doch Lehrerin. Warum lehrt sie dann nicht den Widerstand? Aber ja: Warum erzählt sie uns nicht etwas über ihre Arbeitsbedingungen? Aber vielleicht gehört sie noch zu der glücklichen Generation mit Anstellung auf Lebenszeit.

Man darf ja auch nicht übersehen: Immer wird gesagt, man soll das machen, dann hat man diese und diese Chancen. Aber wenn man das dann macht, was kommt raus? Man muss auch noch das und das machen. Der B.A. soll der erste berufsqualifizierende Abschluss sein. So wurde es den Studierenden damals verkauft. Und jetzt? 'Mach erst noch den M.A. und bewerb dich dann.' Super! Bei uns hieß es damals: 'Den Magister? Nun aber noch den Doktor hinterdrein.' - Was bedeutet das? Eine Abwertung von Abschlüssen. Das müsste auch diskutiert werden. Es läuft so viel falsch. Und sicher gibt es auch an der facebook-Generation nicht wenig zu kritisieren. Aber sicher nicht von Leuten, die sicher im Trocknen sitzen und es 'geschafft haben'.

Jappie 03.06.2012 | 17:34

Sehr geehrte Frau, ich bin nachhaltig beeindruckt von Ihrer Bestätigung der Kritik Frau Florins an Ihrer Generation in benanntem Zeit-Artikel durch Ihren Artikel hier auf *Der Freitag*. Sie haben Ihre Grundhaltung – die Correctness (politisch wie sich selbst gegenüber) - derart verinnerlicht, dass Sie den Kern der Kritik nicht verstehen (können?).
Allein schon die Unterschiede zwischen Frau Florin und Ihnen im Gebrauch der deutschen Sprache machen es deutlich: Frau Florin bezeichnet sich und Ihren Berufsstand – korrekterweise - als Dozent, Sie sie hingegen als Dozierende.
Unsere Sprache unterscheide dies angenehm klar: Sie haben sich während Ihrer Studienzeit, wie Sie schreiben, als *Studierende* gesehen – was Sie aber niemals in der Form waren. Sie waren Studentin – Studierende nur dann, wenn Sie gerade der Beschäftigung des Studierens nachgingen.
Da Sie aber sehr wohl der deutschen Sprache mächtig sind, diese aber bewusst falsch benutzen, entsteht eine Diskrepanz im Denken, die klare Grenzen verwischt. Wer sich kontinuierlich durch die Verwendung des Begriffs *Studierende* attestiert, zu studieren, bemerkt nicht mehr, dass ein Selbstbetrug vorliegt – Sie sehen sich im Prozess einer kontinuierliche Tätigkeit, der Sie aber in der Form nicht nachgehen.
Schlussendlich führt das dann zu dem von Frau Florin beschriebenen: *Ihr geht nicht zur Gewerkschaftskundgebung für den Mindestlohn, aber vielleicht zum Flashmob »Stürmt die nächste McDonald’s-Filiale«* (was sie hier nicht explizit hinzuschreibt: …. und haltet das für eine Demonstration.).

Mit freundlichen Grüßen

P.S.: Ich schreibe diese Zeilen nicht aus Böswilligkeit, sondern in der Hoffnung, dass Sie einen Ansatz finden können, Frau Florin zu verstehen.

foeniks 03.06.2012 | 21:40

die Wortbildungen auf *ierende sind geschlechtsneutrale analogons zu den *enten und werden an der Uni tagtaeglich gebraucht. Feinsinnige Wortunterschiede kann man da wohl reininterpretieren wenn man mag, aber die meisten Leute benutzen es einfach als Abkuerzung fuer Studentinnen und Studenten bzw. Dozentinnen und Dozenten.
Infsofern nehmen sie hier etwas auf, was die 68er einst angestossen haben.

Um das ganze mal mit der inkompetenz eines Studierenden zu analysieren ;)

Wer studiert? Ein Studierender
Wer friert? Ein Frierender
Wer schreit? Ein Schreiender
Wer weint? Ein Weinender
Wer lebt? Die Lebenden

Wie man sieht hat unsere Sprache also die Moeglichkeit Verben zu Substantivieren, und Handelnde (Studierende) durch die Handlung (studieren) zu bennenen.

Somit ist bei genauerer Betrachtung bezeichnet der Dozent dann die Berufsbezeichnung und der Dozierende ist der, der tatsaechlich lehrt, so wie der studierende der ist, der ueber einem Buch bruetet und lernt.

Jappis geistiger Salto kommt nun irgendwie so daher: Wenn man sich als Studierend bezeichnet, dann ist das taeuschung, weil man nicht permanent am studieren sein kann. In irgend einer weise wuerde sich das vom Student sein unterscheiden (weil ein Student nicht studieren muss???? verstehe ich nicht so ganz, scheinbar sit Student sein keine Kontinuierliche Taetigkeit sondern erlaubt es auch nicht zu studieren, damit liege keine Selbsttaeuschung vor und somit seien selbsternannte studenten dann ehrlicher und studierender als selbsternannte studierenden?).

Zitat >>Sie haben Ihre Grundhaltung – die Correctness (politisch wie sich selbst gegenüber) - derart verinnerlicht, dass Sie den Kern der Kritik nicht verstehen (können?).

jop, Studierende ist ein Begriff der PC, aber welche Generation (wenn wir hier mal den Ring schon freigemacht haben fuer den Generationenkonflikt). welche Generation hat denn PC angestossen?

Aber diese Debatte lenkt jetzt vom Thema ab. Ich glaube der Vergleich beider Generationen wie er hier gefuehrt wird hinkt. Die 68 hatten mehrere praegende Ereignisse wie etwa den Konflikt mit der Elterngeneration, Aufarbeitung der Kriegsjahre ("Was hast du gemacht?"), die Ost-West Teilung vor Augen und alle damit verbundenen Fragen.

Unsere Generation waechst in einer Welt auf, in der es viele alte aber wenig neue Debatten gibt.

Die Debattenkultur ist herabgewirtschaftet (und daran kann die junge Generation nun wirklich nicht Schuld sein) und beschraenkt sich auf proportional besetzte Fernsehtalkrunden mit fast schon drehbuchartiger Vorhersehbarkeit.

Fuer unsere Generation ist die Welt globalisiert und komplex geworden. Wenn uns vorgeworfen wird, wir Streiten nicht gerne, liegt es auch daran, dass wir uns darueber im Klaren sind, dass es verdammt schwer ist in dieser Welt feste Standpunkte zu finden. Zu komplex, zu undurchsichtig ist so vieles.

Das heisst eben nicht, dass wir uns nicht dafuer interessieren und nicht bereit sind uns damit auseinanderzusetzen.

Ich glaube wir lassen uns mehr Zeit mit der Meinungsbildung und sind vorsichter mit absoluten Standpunkten. Diese Generation ist relativer.

PS: Die Wasserflaschcen habe ich immer noch nicht ganz verstanden. In den Hoersaelen der 60er wurde geraucht. Ist das nun politischer?

DrLecter 04.06.2012 | 05:09

Ihr Hinweis, dass jemand nur weil er derselben Generation angehört auch gleich für Bologna mitverantwortlich sei, der spricht Bände über das was sie unter Denken verstehen.
Und unter Solidarität verstehe ich auch etwas anderes, wie mir scheint wesentlich Sinnvolleres. Ich bin mit denen solidarisch die ohne eigene Schuld an den Umständen leiden. Jemand der sich diesem System anpasst und um der materiellen Vorteile Willen mitspielt, der stärkt das System und wird von mir sicher keine Solidarität erfahren.

DrLecter 04.06.2012 | 05:12

"Das klingt ziemlich tranig, wenn sich da aus dem Lehrkörper über Studierende einer Generation Praktikum beschwert wird, dessen Lage einem nichteinmal ansatzweise bewußt zu sein scheint."

Die Umstände sind mir durchaus bewusst. Diese zu akzeptieren und sich dem Vorgegebenen anzupassen ist keiner Diskussion würdig. Wer das akzeptiert, der erbringt lediglich den nachwies, dass er um der eigenen Karriere Willen jeden Dreck fressen wird. Genau solche Menschen wollen die Merkels dieser Welt. Viel Vergnügen!

Jappie 04.06.2012 | 16:26

Hallo foeniks,

da finde ich einiges in der Argumentation unstimmig, z.B.:

*…Studierende ist ein Begriff der PC, aber welche Generation … hat denn PC angestossen?*
Das klingt sehr nach Ausrede: Haftbar ist primär immer die ausübende Person – wenn überhaupt, dann erst im Nachgang der/die Anstifter.

*Unsere Generation waechst in einer Welt auf, in der es viele alte aber wenig neue Debatten gibt. …Die Debattenkultur ist herabgewirtschaftet*
Dann startet doch einfach eine neue Debatte. Wer, wenn nicht junge und unvoreingenommene Menschen, kann so etwas angehen. Oder könnt Ihr das nicht, etwas Eigenes machen? Geht nur anschauen, konsumieren, runterladen?

*Wenn uns vorgeworfen wird, wir Streiten nicht gerne, liegt es auch daran, dass wir uns darueber im Klaren sind, dass es verdammt schwer ist in dieser Welt feste Standpunkte zu finden.*
Wer nicht streitet, kann sich keinen Standpunkt bilden! Standpunkte entstehen im Diskurs und nicht durch Meditieren, still und allein im Kämmerlein. Standpunkte entstehen im Miteinander (oder auch gegeneinander), aber niemals aus einem Selbst heraus. Und: Wer nicht streitet, lernt nicht zu diskutieren. Und wer nicht diskutieren kann, kann sich keinen eigenen Standpunkt bilden – nur nachplappern.
Wer erst einen festen Standpunkt bezieht und dann diskutiert ist ein betonköpfiger Hardliner, der nur seine Dickschädlichkeit anderen überhelfen will!
Wenn Ihr mit Eurer Meinungsbildung warten wollt, bis alles bedacht, abgewogen, ökologisch korrekt, noch mal gewendet und dann (aber nur evtl.) ausgereift ist, seit ihr eher Tod, als dass Ihr Euch einen Standpunkt gebildet habt!

* Zu komplex, zu undurchsichtig ist so vieles.*
Ja, und? Als ob das zu Zeiten der 68er für die damals junge Generation anders gewesen wäre.

All das passt in die Kritik des Zeit-Artikels: Lebensmittel mit Bio-Label ist besser, Kleidung mit Fairtrade-Logo ist besser, Computertechnik mit Apfel-Logo sowieso – stimmt das Label, ist alles OK. Hinterfragen ist nicht cool. Zu kritisieren könnte bedeuten, politisch unkorrekt zu handeln oder, noch schlimmer, sich als jemand zu outen, der nicht mainstream ist. Und anstelle was zu machen wird gejammert oder es werden Rechtfertigungsreden gehalten. Was gemacht zu haben könnte sich schlecht im Lebenslauf machen – Gejammer steht da nicht drinnen. Und, ja, der Lebenslauf: Hauptsache, der gute Schein ist gewahrt. Etiketten-Denken halt.

Sünnerklaas 06.06.2012 | 10:03

Es ist die nackte Zukunftsangst, die viele Studenten treibt. Und das hat durchaus seinen Grund: die sogenannten 68er lösten innerhalb einiger Kreise einen Schock aus, der diesen heute noch in den Knochen steckt.

Studenten und Akademiker aus Deutschland haben vielerorts in unserem Land heute noch den Ruf, aufrührerisch, subversiv, und unangenehm kritisch - ja eigentlich irgendwie "links" zu sein. Und da fallen sehr schnell Namen als Synonym für Absolventen der deutschen Hochschulen: von Rudi Dutschke über Ulrike Meinhof bis Mohammed Atta. Für den Rest gilt der sogenannte "Faulheits-" und "Schmarotzer"-Generalverdacht. Und all diejenigen, auf die das nachweislich nicht zutrifft gilt: Zu Teuer.

papillio 07.06.2012 | 01:37

Eine engagierte Replik auf einen verfehlten Artikel von Frau Florin. Doch es scheint mir, als wird sich hier den vorgegebenen Verhandlungsfeldern von *politisch* gebeugt, welche die ZEIT Autorin vorgibt, anstatt eigene und alternative Perspektiven zu eröffnen. Warum Wasserflaschen als Kritikfelder annehmen? Adornos Auflehnen und Beugen lässt grüßen..
Ich empfehle den Blogeintrag „Ein Leben zwischen Campbell-Dosen“ für solch gewandtere Reflektion: www.freitag.de/community/blogs/gedankenstimme-/ein-leben-zwischen-campbell-dosen--kommentar-zu-meiner-generation