Warum Offenbach nicht Ferguson ist

Gewalt Der Tod von Tuğçe Albayrak bewegt die Gesellschaft – der Tod von Michael Brown löst Aufstände aus. Warum ist in Deutschland die Trauer nicht in Empörung umgeschlagen?
Ausgabe 49/2014
Tausende Menschen trauern um die Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak
Tausende Menschen trauern um die Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak

Foto: Michael Schick/imago

Brennende Kerzen beim Abschied von Tuğçe Albayrak: ein kleines Lichtermeer vor dem Offenbacher Klinikum, in dem ihre Eltern am 28. November die lebenserhaltenden Maschinen abstellen ließen, Hunderte Menschen, die an die Zivilcourage der jungen Lehramtsstudentin erinnerten. Wenige Tage zuvor und einige Tausend Kilometer weit weg: brennende Autos in Ferguson und die Wut über den Tod von Michael Brown, jener schwarze Teenager, der von einem weißen Polizisten erschossen wurde. In beiden Fällen sind zwei junge Menschen unnötig und brutal getötet worden. Hier wie dort ist die emotionale Anteilnahme mindestens so gewaltig wie das mediale Echo. Und zweimal sind Menschen zu Symbolen für jene gesellschaftlichen Werte geworden, die wir gern beschwören – und an denen wir scheitern.

Tuğçe Albayrak war am 15. November morgens in einer McDonald’s-Toilette zwei halbwüchsigen Mädchen zu Hilfe gekommen, die von einem jungen Mann belästigt wurden. Auf dem Parkplatz vor der Filiale ging der Streit weiter. Tuğçe wurde niedergeschlagen, stürzte auf den Kopf und fiel ins Koma. Zwei Wochen später starb sie. Ihr Mut und ihr Tod sind beides zugleich: ein Appell für Zivilcourage und eine Warnung vor der Gefahr, die damit verbunden ist. Doch gerade weil ihr Tod so tragisch und ungerecht ist, findet er eine so große Resonanz – aus ihm ist eine Erzählung geworden, die sich verselbstständigt hat. Für Tuğçe wurden Mahnwachen gehalten, internationale Medien berichteten, die Facebookgruppe „Tuğçe zeigte Zivilcourage, zeigen wir ihr unseren Respekt“ hat fast 200.000 Mitglieder. „Heute sind wir alle Tuğçe“, stand auf einem Bettlaken geschrieben. All das, weil sie uns die Frage stellt: Wie handelt man richtig?

Dass junge Frauen im öffentlichen Raum belästigt werden, ist viel zu alltäglich, als dass man nur von Einzelfällen sprechen könnte. Auch deshalb prüft Joachim Gauck nun, ob posthum das Bundesverdienstkreuz verliehen werden soll. Tuğçe ist uns so nah, dass wir sie nur beim Vornamen nennen. Ihr Schicksal zeigt uns die Regeln unserer gesellschaftlichen Ordnung in einer Einfachheit, die vielleicht zu simpel ist: Wer ist gut, wer ist böse? Grautöne gibt es in dieser Frage nicht. Dabei sind gerade sie wichtig, um zu verstehen, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Täter leben nicht im luftleeren Raum.

Vielleicht führt das dazu, dass in Deutschland die Trauer bisher nicht in Empörung umgeschlagen ist. In Amerika hingegen ist sie unübersehbar. Nachdem die Geschworenenjury entschieden hatte, im Fall Michael Brown keine Anklage zu erheben, weiteten sich die Proteste auf über 30 Bundesstaaten aus. Die größte Rassismusdebatte seit Jahrzehnten hob an. Der Tod von Michael Brown wurde zum Handlungssprungbrett für jene, die unter dem Machtgefälle in der Gesellschaft leiden.

Für Tuğçe Albayrak gibt es Musik, Rosen und Gedichte, für Michael Brown Demonstrationen und Straßenschlachten. Vielleicht ist das so, weil die Ungerechtigkeit, die sich hinter beiden Fällen verbirgt, nicht dasselbe Ausmaß hat. Vielleicht ist es einfacher, sich gegen eine staatliche Institution zu erheben als gegen einen Einzeltäter oder diffuse Alltagsbelästigungen. Die Mädchen, die Tuğçe verteidigt hatte, waren schon weg, als sie niedergeschlagen wurde, und meldeten sich erst jetzt bei der Polizei. Ob sie sich vorher nicht getraut hatten? Möglich. Der gesellschaftliche Rückhalt für die Schwächeren ist voller Lücken. Es wäre wohl im Sinne von Tuğçe, nicht bei der Trauer stehen zu bleiben.

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Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier

Juliane Löffler

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