Wer ist das Volk?

Migration Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zeigt BRD und DDR als Einwanderungsländer. Dabei fehlt jedoch die Haltung

Bei all den kontroversen Debatten um die derzeitige Flüchtlings- und Integrationspolitik wird schnell vergessen, dass Deutschland nicht erst seit vergangenem Sommer ein Einwanderungsland ist. Und doch hat der Widerstand gegen Geflüchtete im letzten Jahr weiter zugenommen. Die Stimmen des Hasses sind lauter als jene, welche die Zuwanderung als Gewinn sehen. „Deutschland den Deutschen“, brüllen die einen auf der Straße, gleichzeitig starten Dutzende Branchenriesen eine Integrationsinitiative mit dem Namen „Wir zusammen“. Wenn selbst Großkonzerne progressiver auftreten als Demonstranten auf der Straße, wird klar, dass etwas gewaltig schiefläuft in der Debatte.

Es scheint also eine gute Idee, wenn das Deutsche Historische Museum in Berlin der Immigrationsgeschichte seit 1945 eine Ausstellung widmet und sowohl daran erinnert, dass vor nicht allzu langer Zeit Italiener, Türken, Spanier, Polen oder Vietnamesen von der Bundesregierung mit Anwerbeabkommen eingeladen wurden und einen maßgeblichen Teil zum hiesigen Wohlstand beigetragen haben, als auch daran, dass, trotz aller Konflikte, die Immigration mit sich bringt, Menschen selbstverständlich in den Alltag hineinwachsen können. Mit rund 800 Objekten möchte die Ausstellung die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nachzeichnen und ist dabei vor allem informativ, manchmal auch überraschend – etwa wenn Bilder des Fotografen Matthias Rietschel den Arbeitsalltag vietnamesischer Gastarbeiter in der DDR zeigen und daneben Schnittmuster für gefakte Levi’s-Jeans liegen, welche diese nach der Arbeit für den Schwarzmarkt anfertigten.

Deutung des Deutsch-Seins

Allein den Anschluss an die derzeitige Situation sucht man in der Ausstellung mit dem Titel Immer bunter – Einwanderungsland Deutschland vergebens. Stattdessen drückt sie sich um eine Haltung. Mehr noch: Die Schau atmet bisweilen einen unangenehmen Geist der 90er Jahre. Das zeigt sich etwa daran, dass in den Exponatsbeschreibungen konsequent Begriffe wie „Ausländer“ oder „Multikulti“ gebraucht werden. Worte also, von denen sich sogar konservative Feuilletons schon verabschiedet haben, weil sie in eine andere Zeit gehören. In der Mitte der Ausstellung ist unbefangen ein großer Weihnachtsbaum ausgestellt, von dem man befürchten muss, dass er als Symbol der sogenannten deutschen Leitkultur dienen soll. Daneben liegen Christbaumkugeln aus Papier, auf denen die Frage „Das wichtigste Fest ist für mich ...“ vervollständigt werden kann. „Oktoberfest natürlich“ hat ein Besucher darauf geschrieben. Das Fest also, auf dem es vor allem darum geht, sich ungestört zu besaufen und das jährlich die Vergewaltigungsstatistik nach oben drückt.

In einem Exponatekasten zur türkischen Kultur in Deutschland ist hingegen in einer Beschreibung zu lesen: „Die lange Trennung von ihren Frauen kann Gastarbeiter in Versuchung führen. Deutsche Männer sehen sie auch als Konkurrenz. In Bars sind sie daher nicht erwünscht“, daneben das Foto einer für „Ausländer“ geschlossenen Bar. Der Gedanke, was diese deutsche Leitkultur sein soll und dass die derzeitige Migration eine gute Gelegenheit sein könnte, diese Frage neu zu überdenken, fehlt.

Geflüchtete als Guides

Das könne eine Ausstellung nicht leisten sagt der Präsident der Stiftung des Hauses der Geschichte Hans Walter Hütter auf die Frage, ob das DHM mit Immer bunter einen Beitrag gegen den Hass auf den Straßen bieten will. Das Haus in Bonn hatte die Ausstellung als Leihgabe nach Berlin gebracht. Dass sie das allerdings sehr wohl könnte, zeigte die Ausstellung Das neue Deutschland – Von Migration und Vielfalt, welche 2014 im Hygienemuseum in Dresden zu sehen war. Im Ausstellungskatalog wird das Bild betender Muslime neben dem einer Bikramyogaklasse gezeigt. Leiber dicht an dicht und Popos, die sich nebeneinander in die Höhe recken: Warum ist die eine Religion fremder, gar bedrohlicher als die andere, wird so mit einem Augenzwinkern gefragt.

Das DHM hingegen stellt kommentarlos die nicht explodierte Kofferbombe von dem 2006 vereitelten Terroranschlag in Köln in jenen Raum, der dem Thema der heutigen Integration gewidmet ist. Auch wenn dort Sätze zu lesen sind wie: „Allgemein wächst die Erkenntnis, dass Zuwanderung notwendig ist“ – Ängste abbauen kann man so nicht. Das ist schade, weil immer wieder deutlich wird, wie aktuell vergangene Debatten sind. Auf einem großformatigen Foto hält ein Mann auf einer Protestaktion von 1990, auf der in Berlin gegen Ausgrenzung und Benachteiligung demonstriert wird, ein Plakat in die Höhe: „Wir sind auch das Volk“. Es wirkt wie ein Kommentar zur derzeitigen Situation, in der um Deutungshoheit des „DeutschSeins“ gekämpft wird.

Ganz ausgeklammert wird der Rassismus gegen Einwanderer in Deutschland aber nicht. Ein Raum dokumentiert die Pogrome der 90er Jahre wie in Rostock-Lichtenhagen, ein Video zeigt zudem die Reportage des WDR Gute Nachbarn? Deutsche äußern sich gegen Ausländer von 1976 aus Berlin. „Haben Sie Angst?“, fragt die Reporterin eine Frau aus Berlin. „Ausgesprochene Angst“, antwortet sie. „Wovor?“ – „Man hört ja so viel von den Messerstechereien. Täglich sind die Zeitungen voll davon.“ Und ein junger Mann erzählt: „Du siehst keine Deutschen mehr.“ Es wirkt wie Pegida im Reinsprech. Die aber wiederum tauchen in der Ausstellung gar nicht erst auf, was die Frage hinterlässt, inwiefern es überhaupt sinnvoll ist, über Migrationsgeschichte zu sprechen, wenn man aktuelle Ereignisse nicht mitthematisieren möchte.

Gleichzeitig bleibt offen, welche Gewichtung man solch rassistischen Parolen gibt, wenn man sie unkommentiert in eine Aufreihung stellt – und ob man ihnen damit nicht eine Gleichwertigkeit zuteil werden lässt, die sie nicht verdienen. Wollte man jedoch einen sinnvollen Debattenbeitrag leisten, hätte man sich den Geschichten der Menschen mit mehr nähern müssen als mit einem Interesse an scheinbar wahllos ausgewählten Vorzeige-Integrationsgeschichten. Etwa einem Karnevalshut des ersten schwarzen Karnevalsprinzen, der in einem Glaskasten zu sehen ist. Kurz vor dem Ausgang sind drei Videoprotokolle von Geflüchteten aus Syrien und dem Irak zu sehen. Doch auch sie bleiben als nüchterne Auflistung der Fluchtrouten seltsam unbelebt, in der Form tausendfach nachzulesen in der Tagespresse.

Erst in der Betrachtung einzelner Geschichten, bei denen auch die Widerstände aus Deutschland und der Alltagsrassismus im Zusammenleben thematisiert werden, kann jedoch Empathie erwachsen. Und erst so kann aus der kaum begreifbaren Masse an Einzelschicksalen mehr erkennbar werden als die Überforderung durch „die Flüchtlingswelle“. Diesen Anspruch an ein Museum zu stellen, ist nicht zu viel verlangt. Dass es zu leisten ist, zeigte das DHM am Wochenende selbst. Dort wurde im Rahmen einer Aktionswoche von der Staatsministerium für Kultur und Medien ein dotierter Sonderpreis an Integrationsprojekte verliehen. Einer der Gewinner war das Projekt Multaka, welches Geflüchtete als Guides in die Museen bringt. Sie in der Ausstellung zu haben, hätte man sich für Immer bunter gewünscht, weil womöglich ein ernsthafter Dialog über Migration entstanden wäre. Stattdessen hat sich die Ausstellung entschieden, den Weg der Auseinandersetzung großzügig zu umfahren.

Info

Immer bunter – Einwanderungsland Deutschland Deutsches Historisches Museum Berlin, 21. Mai bis 16. Oktober

06:00 08.06.2016
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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