Wer ist hier übergriffig?

Aktivismus Das Zentrum für Politische Schönheit bekommt für die Aktion "Die Toten kommen" eine Menge Kritik. Aber muss Populismus nicht erlaubt sein, wenn es um Menschenleben geht?
Juliane Löffler | Ausgabe 26/2015 15
Wer ist hier übergriffig?
Ein Zeichen gegen die Flüchtlingspolitik auf dem Platz der Republik

Foto: IPON/imago

Plötzlich war die Stimmung gekippt, hinter dem Kanzleramt in Berlin, und es kam zu diesen unheimlichen Momenten, die entstehen, wenn eine große Menschenmenge einen gemeinsamen Gedanken artikuliert. Scheppernd hatten einige Demonstranten den hohen Zaun rund um den Platz der Republik niedergerissen und strömten zu Tausenden über die frisch gesäte Rasenfläche Richtung Reichstag, während die Polizei hilflos zusehen musste. Und innerhalb einer Stunde wurde aus einer repräsentativen Kulisse für Touristen ein Gräbermeer.

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), eine Kunstaktivismusgruppe aus Berlin, hatte zum „Marsch der Entschlossenen“ aufgerufen, Höhepunkt einer Aktion, mit welcher sie das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer thematisieren. Auch, indem sie nach eigener Aussage in Massengräbern verscharrte Leichen aus Südeuropa identifizierten, exhumierten und in die deutsche Hauptstadt brachten, um sie erneut zu beerdigen. Würde und Öffentlichkeit, das sollte im Zentrum ihrer mehrtägigen Aktion stehen. Leichen durften bei dem Marsch freilich nicht mitgeführt werden, genauso wenig wie die angekündigten Bagger, um eine Gedenkstätte für die ertrunkenen Flüchtlinge auszuheben. Die Aktion war von Anfang an dazu bestimmt, symbolisch zu bleiben – und sich zu verselbstständigen. Denn sosehr das ZPS auch darauf beharrt, als Kunstgruppe zu agieren, so wenig kann es Einfluss nehmen auf die Teilnehmer seiner Aktionen. Und die verstehen sich in erster Linie als politische Bürger und nicht als Performer.

So war die Aktion an diesem Sonntag in Berlin dann auch weniger eine Inszenierung, sondern viel mehr eine Demonstration, auf der rund 5.000 Menschen zusammenkamen, um ihrem Unmut über die europäische Flüchtlingspolitik Ausdruck zu verleihen – gewaltsame Zusammenstöße mit der Polizei inbegriffen. Wie jede politische Gruppierung kommen auch sie nicht ohne Symbole aus – und so scharrten sie die vielen Gräber, welche vom ZPS angedacht waren, kurzerhand selbst, füllten sie mit Blumen, Kreuzen, Parolen. „Grenzen töten“ oder „Stoppt das Morden“ war auf den symbolischen Gräbern zu lesen, die sich derzeit zu einem Meme entwickeln – auch über die bundesdeutschen Grenzen hinaus.

Politische Pornografie?

Die mediale Debatte, welche die Aktion des ZPS begleitet, geht jedoch in eine ganz andere Richtung. Von „politischer Pornografie“ war da zu lesen, von „einer übergriffigen Kampagne“ oder „Sich-selbst-Abfeiern“. Verständlich ist, dass das ZPS sich, wenn es sich als Kunstgruppe bezeichnet, auch an dem öffentlichen Kunstdiskurs messen lassen muss. Und zugeben muss man auch, dass die Aktion der Gruppe tatsächlich Kampagnencharakter hat, mit einer klaren moralischen Bewertung, wie richtiges und falsches Handeln in der Flüchtlingsdebatte aussieht. Dafür setzt sie klassische Stilmittel ein: theatrale Sprache, radikale Inszenierung, Überzeichnung. Die Frage, welche die Kommentatoren vieler Medien jedoch ausblenden, ist: Muss Populismus nicht erlaubt sein, wenn damit auf eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit aufmerksam gemacht wird? Und ist es umgekehrt nicht zynisch, geschmäcklerische Fragen über die Grenzen von Kunst, Politik und Eitelkeiten zu stellen, während die Zahlen der Opfer an den europäischen Außengrenzen jeden Monat weiter nach oben schnellen?

Die Flüchtlingsdebatte bewegt sich ohnehin in einem hochsymbolischen Feld. Es geht nicht nur darum, wer wo stirbt, sondern darum, wie offen die Gesellschaft sein soll, in der wir leben. Das wiederum ist auch eine konkrete politische Frage. Das ZPS führt beide zusammen und bietet den Menschen ein Handwerkszeug dafür, sich zu organisieren. Genau wie bei ihrer letzten Aktion, als 200 Aktivisten an die bulgarisch-türkische Grenze reisten, um dort den meterdicken Stacheldraht abzubauen – wozu es freilich gar nicht erst kam.

Doch während der Aktionen des ZPS entstehen wirksame Bilder, welche über die sozialen Netzwerke verbreitet werden und ein großes mediale Echo erzeugen. Das kann man Instrumentalisierung für die eigene Sache schelten. Die Kunst des ZPS wird jedoch in keiner Galerie verkauft. Sie ist eine fünfmonatige Recherche auf Sizilien und in Griechenland. Sie ist ein Auslöser. Und sie äußert sich als politische Handlung von Bürgerinnen und Bürgern, die auf den Zug des ZPS aufspringen. Und ihn dann selbstständig weiterfahren.

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13:00 24.06.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 44/2020

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