Wie Peitschen

Performance Das Berliner Festival Tanz im August zeigt, dass Bewegung politisch sein kann – und Twerking als Protestform taugt

Gleich zum Auftakt des Tanz-im August-Festivals fragt die künstlerische Leiterin Virve Sutinen: Ist jetzt die richtige Zeit für ästhetische Fragen? Jetzt, da Nationalismen erstarken, Gewalt gegen Minderheiten zunimmt und es einen Backlash in den Genderdebatten gibt? Das größte europäische Tanzfestival bietet in diesem Jahr denn auch ein auffällig politisches Programm. Themen wie Rassismus oder Homophobie bekommen viel Platz, der syrische Choreograf Mithkal Alzghair verhandelt das Thema Flucht.

Eine ganz andere Frage ist jedoch, ob Tanz auch wirklich politisch sein kann, weil er als Ausdruck ja weit uneindeutiger funktioniert als andere Kunstformen. Er kann. Das zeigt etwa niv Acosta mit der Show Discotropic. Bunte Discolichter leuchten den Raum aus, überall stehen Palmen als augenzwinkernder Verweis auf vermeintliche Exotismen. Eine Disco zwischen Bildern der Vergangenheit und Körpern der Zukunft. Das Publikum läuft langsam um vier schwarze Stellwände einer begehbaren Installation. Dazwischen „twerken“ vier Tänzerinnen und Tänzer. Das ist eine Bewegung, bei der die Hüften heftig geschüttelt werden. Oder salopp gesagt: eine professionalisierte Form des Arschwackelns.

Nicht mehr erotisch

In knappen Netz- und Lederoutfits twerken sie gegen die Wände, auf dem Boden, gegen des Publikum. Twerking, das wird diffus im Umfeld schwarzer Popkultur verortet und inzwischen mal mehr (Serena Williams im Beyoncé-Video), mal weniger (Miley Cyrus auf einem Konzert) kunstvoll im Mainstream sichtbar. Acosta macht daraus eine Möglichkeit der Aneignung: „Wir schieben die Leute mit unseren Ärschen aus dem Weg. Wir nehmen die Autorschaft in unsere Hand. Das Publikum denkt, wir machen das zu ihrem Vergnügen, aber es geht nicht um sie“, sagt Acosta im Interview mit dem Magazin im August.

Acosta ist transsexuell und schwarz, besitzt einen Körper, auf dem immer schon Zuschreibungen ruhen. Es ist ein gefährdeter und unterdrückter Körper, der sich hier im Raum seine Kraft zurückholt. Wie Peitschen lässt Acosta die langen Haare kreisen, jemand johlt, Acosta erobert sich Platz zwischen dem Publikum für eine Voguing-Performance. Mit dem Blick fest nach vorne gerichtet gleiten die Arme über dem Kopf in die Luft, lässt sich Acosta immer wieder in die Hocke fallen und trippelt den Weg nach vorn, der Lederlatz gibt den Blick auf den Oberkörper frei.

Das wiederholte Twerking, selbst wenn ein Hintern sich direkt vor der eigenen Nasenspitze bewegt, ist nicht mehr erotisch – es ist intim. Bei Acosta geht es um Hierarchien und Sichtbarkeit. Eine Videoleinwand zeigt kurze Porträts von schwarzen US-Amerikanern, die von der Polizei getötet wurden; die Performerinnen sind auf eine kleine Bühne gewandert und rappen, während sie auffordernde Blicke ins Publikum werfen: „I consider yourself as reflective of you. But not seeing me. I am not going nowhere.“ Wer blickt hier wie auf wen, fragt Acosta. Und tatsächlich kommt, während zu lauten Discobeats durch den Raum getwerkt wird, leise die Frage auf, ob man jetzt mitfeiern kann – oder das eine erneute Aneignung wäre.

„Schwarze gehören ebenso zum Ballett, wie Weiße glauben, dass sie zum Hip-Hop gehören“, sagte die Kulturhistorikerin Brenda Dixon Gottschild, die während des Festivals immer wieder als Moderatorin auftritt, dem Tagesspiegel. Das ist auch eine Strategie: die Hierarchien der Körper einfach als überflüssig zu erklären, indem sie gar nicht erst thematisiert werden. So etwa hält es auch Everyness vom Duo Wang Ramirez, wo Bewegungen aus Ballett, Hip-Hop, Breakdance und Capoeira mit zeitgenössischem Tanz kombiniert werden. Energisch zuckende Brustkörbe und Köpfe, die sich in weichen Bögen entspannen, Ellenbogen, die in die Luft ausharken und sich dann mit den Körpern kreisartig in den Boden schrauben, wieder aufbäumen und mit hohen Beinen hinter dem Rücken durch die Luft fliegen. Das ist eine enorm sehenswerte Erweiterung des Stilrepertoires.

Über den Köpfen schwingt immer wieder eine große weiße Stoffkugel zu dröhnendem Sound, eine Art Gefühlsballon, der sich mal leuchtend aufbläht und dann wieder schlaff in sich zusammensackt. Thematisch geht es bei Everyness um Beziehungen: um Eifersucht, eine beste Freundschaft, ein ausgedehntes Wer-mit-wem. Wo Acosta das Persönliche öffentlich macht, weil der Körper anders gar nicht sichtbar werden kann, zieht sich Wang Ramirez in eine private Erzählung zurück – auch wenn diese vielschichtig und uneindeutig bleibt.

Fast ungehalten reagieren Wang Ramirez dann im Publikumsgespräch auch auf die Frage, ob ihr Stilmix eine politische Dimension habe. Man arbeite nicht nach Labels, sagt Ramirez, und sie kämen alle von der Straße, rechtfertigt sich die zur Primaballerina ausgebildete Wang, die ihre Karriere in einem Berliner Jugendzentrum begann. Kurz schillern die Gräben zur politischen Performanceszene auf. Was würde Acosta jetzt dazu sagen? Dass das Festival diese verschiedenen choreografischen Ansätze nebeneinander gelten lässt, ist eine Bereicherung. Wünschenswert wäre noch, dass sie in einen Dialog miteinander treten.

Info

Tanz im August läuft bis 4. September an verschiedenen Spielstätten in Berlin

12:00 02.09.2016
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler
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