"Wir sind aggressive Humanisten"

Flucht Das Zentrum für Politische Schönheit plant den "Ersten Europäischen Mauerfall". Warum dazu drastische Mittel notwendig sind, erklärt Gruppenmitglied Rainer Süssmuth
"Wir sind aggressive Humanisten"
Ein Bild von Flüchtlingen mit einem weißen Kreuz an der Außengrenze Europas, wo in den vergangenen 25 Jahren 30.000 Menschen ums Leben kamen

Foto: Patryk Witt/ Zentrum für Politische Schönheit

Vergangene Woche, kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls, klafften merkwürdige Löcher im Berliner Regierungsviertel an einem Zaun direkt neben der Spree. Zuvor hatten hier 14 weiße Kreuze gestanden, das Berliner Mahnmal für die Mauertoten. Nur wenige Tage später tauchten die Kreuze wieder auf – an den europäischen Außengrenzen, in den Händen Asylsuchender, der „zukünftigen Mauertoten“, wie es auf der Webseite des Zentrums für Politische Schönheit beschrieben wird. Das Kunst-Kollektiv hat damit anlässlich der Jubiläumsfeiern die Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“ gestartet. Auf einer fünftätigen Busreise fahren nun freiwillige Aktivisten an die europäischen Außengrenzen, um mit Bolzenschneidern und anderen Werkzeugen mit dem Abbau der Grenzzäune zu beginnen – und ein Zeichen zu setzen gegen die verfehlte Asylpolitik der EU.

Der Freitag: Das Zentrum für Politische Schönheit hat mit der Aktion große Aufmerksamkeit erregt, viele Politiker sind empört. Aber mal ehrlich: Wie haben sie das gemacht?

Rainer Süssmuth: Dazu kann ich Ihnen keine Antwort geben, das würde uns gefährden. Wichtig ist aber zu sagen, dass die Kreuze nicht verschwunden sind. Sie sind an den europäischen Außengrenzen und kehren nach dem 9. November an den Ort des Gedenkens zurück. Und sie werden sauberer sein als vorher, denn sie waren ehrlich gesagt in einem saumäßigen Zustand.

Wer ist das Zentrum für Politische Schönheit und was wollen Sie mit der Aktion bezwecken?

Wir sind keine Linksextremisten, wir sind aggressive Humanisten. Wir haben konservative Werte: Nächstenliebe, Menschlichkeit. Und wir wollen die Werte der Europäischen Union bewahren. Wir richten uns an die Mitte der Gesellschaft. An alle Bürger, von deren Steuergeldern in den letzten sieben Jahren zwei Milliarden ausgegeben wurden für den irrationalen Ausbau einer Grenzinfrastruktur.

Welche Form der Erinnerungskultur zeigt sich bei dem Mauergedenken und warum wollen Sie die durchbrechen?

Bei den Mauerfallfeierlichkeiten zeigt sich ein sehr zynischer Umgang mit dem Gedenken. Es wird eine Millionen Euro kosten, etwa damit weiße Ballons in die Luft steigen können. Und Politiker regen sich über fehlende Kreuze auf, während gleichzeitig Menschen ums Leben kommen. Am Dienstag waren es über zwanzig, bei dem Versuch, per Schiff von der Türkei nach Rumänien zu fliehen. Uns geht es gar nicht gegen ein Gedenken, aber wir wollen es weiterentwickeln. Wir wollen der Gegenwart gedenken und nicht nur der Vergangenheit. Das wollen wir aggressiv machen, aber gewaltfrei. Wir appellieren mit unserer Aktion an die Menschlichkeit und daran, was gerade passiert: die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt nach dem Verschwinden der Kreuze wegen schwerem Diebstahl. Wie gehen Sie mit den juristischen Konsequenzen um?

Da machen wir uns keine großen Gedanken. Uns ist wichtig, dass wir am 7. November möglichst viele Busse für den Ersten Europäischen Mauerfall zusammenbekommen. Wir sind schon jetzt sehr begeistert von der Anzahl der Unterstützer und Interessenten, die uns an die europäischen Außengrenzen begleiten wollen.

Einen europäischen Grenzzaun mit dem Bolzenschneider zu traktieren dürfte schwierig werden, und zu Konflikten mit den Behörden führen. Wie viel Risiko sind Sie bereit, für Ihre Aktion einzugehen?

Wir rechnen nicht damit, dass auf der Reise etwas Gefährliches passieren wird. Wir können aber dafür keine Garantie geben. Und zunächst werden wir mit Bussen durch die europäische Union fahren, dagegen ist ja erstmal nichts einzuwenden. Letztlich liegt die Verantwortung bei den Teilnehmern, denn die wissen ja nicht weniger als wir.

Es gibt eine Menge Kritik an Ihrer Aktion, vor allem an der Aneignung der Kreuze. Hugo Diederich von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus sagte: „Es geht bei unserem Gedenken um 28 Jahre Mauer, an der Leute abgeschossen wurden wie die Karnickel. Das hat mit anderen Problemen in der heutigen Zeit überhaupt nichts zu tun.“ Können Sie das nachvollziehen?

Das Gedenken wird doch am 9. November nicht verhindert, es findet ja trotzdem statt. Es ist doch zynisch, dass am Dienstag alle Zeitungen auf der ersten Seite fehlende Kreuze beklagen, von denen sicherlich die meisten Berliner überhaupt nicht wussten, dass sie existieren. Und sich Politiker darüber aufregen, während Menschen tagtäglich sterben und zwar durch Gesetze, die auch die Bundesrepublik Deutschland mitzuverantworten hat. Man muss sich mal die Relation vor Augen führen. Leider erregen 14 fehlende Kreuze mehr Aufmerksamkeit, als die Katastrophe, die vor unser aller Augen passiert.

Also nehmen Sie auch den möglichen Ärger der Angehörigen der Mauertoten für Ihre Aktion billigend in Kauf?

Nein, das tut uns wahnsinnig leid. Wir haben überhaupt nicht vor, jemanden zu verärgern. Aber ich denke, wenn die Kreuze wieder zurückkehren, werden die Angehörigen unsere Aktion verstehen. Und ich bin mir sicher, wenn die Mauertoten noch lebten, wären sie die letzten, die uns kritisieren würden.

Kann der europäische Mauerfall mehr sein als eine symbolische Aktion?

Es geht darum, überhaupt etwas zu tun. Lieber kleine Taten, die man umsetzt, als große, über die man nur redet. Es könnte auch sein, dass der Abbau der europäischen Außengrenze noch 28 Jahre lang dauert. Auch in der DDR wurden alle, die in den 60er Jahren von offenen Grenzen sprachen, belächelt.

Sie sind nach Melilla gereist und haben Flüchtlingen Kreuze der Mauertoten in die Hand gedrückt, um sie damit zu fotografieren. Haben die überhaupt verstanden, welche Parallele da gezogen wird?

Viele kannten die Geschichte der deutschen Teilung nicht und waren erstaunt, dass es innerhalb von Europa Flüchtlinge gab. Wir haben das den Flüchtlingen erklärt und sie haben uns sofort unterstützt.

Warum ist das Fehlen der Kreuze tagelang niemandem aufgefallen?

Ich vermute, weil die Gedenkstätte an dem Ort im Regierungsviertel völlig untergeht. Die Menschen haben diesen Ort nicht im Gedächtnis. Eigentlich haben wir den Kreuzen sogar einen Dienst erwiesen, weil sie jetzt viel mehr Aufmerksamkeit haben als vorher.

Was erhoffen Sie sich von der Aktion?

Wir erhoffen uns einen ersten Europäischen Mauerfall, das soll keine Utopie bleiben. Und wir wollen, dass das Bewusstsein der Menschen für die Tragödie, die sich gerade abspielt, geschärft wird.

Das Gespräch führte Juliane Löffler

Rainer Süßmuth ist Pressesprecher des Zentrum für Politische Schönheit

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:18 05.11.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 48/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 27

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community