Die Israelis vorschicken

Schlag gegen Teheran? Die niederländische ING-Bank geht davon aus, dass es bereits in den nächsten Wochen eine Blitzattacke gibt

Früher wurde man im Westen von der örtlichen Friedensgruppe oder der DKP per Flugblatt über anstehende Kriege informiert, heute bekommt man eine elektronische Warnung vom Finanzinstitut, bei dem man seine Reserven angelegt hat. In diesem Fall ist es die niederländische ING-Bank, unter deren Dach auch die deutsche Direktbank (DiBa, früher Quelle-Bank) firmiert. Sie hat schon am 9. Januar ein Dossier mit dem Titel Attacking Iran veröffentlicht, das kaum beachtet oder beflissentlich bagatellisiert wird. Die Welt spülte es zu der Formulierung weich, die Holländer warnten "vor deutlich zunehmenden Spannungen in der Golfregion".

Spannungen? Die Studie selbst ist deutlicher. "Die Finanzmärkte nehmen an, dass ein israelisch-amerikanischer Angriff auf den Iran unwahrscheinlich ist. Die kriegerische Rhetorik aus Israel und der aktuelle Truppenaufbau der US-Armee in der Golfregion legen jedoch nahe, dass sie schockartig überrascht werden könnten." Und weiter: "Wir skizzieren ein Szenario, bei dem Israel fünf oder sechs iranische Nuklearanlagen Ende Februar oder im März 2007 angreift, die Schläge könnten in Stunden, Tagen oder maximal Wochen beendet werden. Wir gehen davon aus, dass eine direkte Beteiligung von US-Streitkräften möglich ist, aber dass sie eher als Schild agieren werden, um den Iran von eskalierender Vergeltung ... abzuhalten."

Was auffällt, ist der nüchterne Ton der 24-Seiten-Expertise. Es geht den Autoren nicht um Warnung oder Protest, sondern um Kundenberatung: Wie kann man sein Vermögen schützen, wenn es im Nahen Osten zu einem kriegerischen Zusammenstoß kommt? "Buy Oil/Russia/Gold and Sell Turkey/Israel", lautet kurz gefasst die Empfehlung. Ganz generell heißt es, Aktien dürften abstürzen, Rohstoffwerte profitieren. Aber die Banker bleiben gelassen: "Die Dauer dieser Auswirkungen hängt vom Ausmaß der iranischen Vergeltung ab; bleibt die Antwort begrenzt, sind sie von kurzer Dauer." Die Tankerrouten abzuschnüren, das sei Teheran schon in den achtziger Jahren beim Krieg gegen den Irak nicht geglückt.

Ausführlich setzen sich die Analysten damit auseinander, dass es ähnliche Prognosen über einen Iran-Krieg schon in den Vorjahren gab. Sie räumen ein, dass die Gegenargumente dieses Mal noch stärker sein könnten: Die Regierungen in Jerusalem und Washington seien durch ihre militärischen Pleiten im Libanon und im Irak geschwächt. Nach den Kongresswahlen im November wurde der aggressive Verteidigungsminister Rumsfeld durch den moderaten Robert Gates ersetzt. Und Kriegsrhetorik aus Israel gehöre zum verbalen "Schattenboxen" mit Teheran, das seit über 20 Jahren andauere.

Trotzdem halten die Banker ihr Szenario für plausibel, vor allem wegen des augenblicklichen Truppenaufbaus der US-Armee. So liegt seit Dezember der Flugzeugträger Eisenhower im Persischen Golf, eskortiert durch eine kleine Armada von Raketenkreuzern. Ende Februar werden diese Kräfte durch einen zweiten Flugzeugträgerverband unter Führung der USS John Stennis verstärkt. Blicke man zurück - so die Analysten - habe eine solche Massierung rund um den Schatt El Arab fast immer zum Losschlagen geführt: 1991 war sie Auftakt zum ersten, 2003 zum zweiten Golfkrieg. 1996 und 1998 waren die Kriegsschiffe das Rückgrat für die Operationen Desert Strike und Desert Fox - tagelange Luftangriffe von Amerikanern und Briten, um die Waffenkontrolle im Irak durchzusetzen. Nur einmal waren zwei Flugzeugträger vor Ort, ohne dass gebombt wurde: Im Mai 1998, als Saddam Hussein schließlich nachgab und den UN-Inspekteuren erweiterte Zugangsmöglichkeiten gewährte. Nota bene: Dem letzten Manöver mit Flugzeugträger John Stennis im November 2006 lag mit Blick auf Teheran das Planspiel zugrunde, "eine neu gewählte Regierung gegen fortdauernde Aufstände zu unterstützen."

Zu den Truppenverstärkungen, die gegen Iran gerichtet sein könnten, gehört die Entsendung eines Expeditionskorps von Marines nach Bahrein und von britischen Minenräumern in die Straße von Hormuz. Zudem erhalten die Golfstaaten US-Raketen vom Typ Patriot - zur Abwehr iranischer Geschosse, wie es heißt. Bedeutend sind auch die personellen Veränderungen, etwa die Ablösung des zuständigen CENTCOM-Oberbefehlshabers und des Oberkommandierenden von Bagdad im Dezember - beide hatten den Abzugsplan der Iraqi Study Group von James Baker unterstützt. Stattdessen beginnt gerade die Aufstockung der Besatzungsstreitmacht um 21.000 Mann - für die ING-Bank eine logische Maßnahme, will man schiitische Aufstände im Irak nach einem Angriff auf den Iran niederhalten.

Die Studie sieht die spürbare Antikriegsstimmung im US-Kongress nicht als Hindernis für eine mögliche Aggression. Dies werde lediglich dazu führen, dass Amerika die israelische Luftwaffe vorschicke. Da viele Demokraten wie Nancy Pelosi, die neue Frontfrau im Repräsentantenhaus, zu den unbedingten Unterstützern Israels gehören, würden sie in diesem Fall keine Einwände erheben. Sollten die USA eingreifen, um Gegenschläge auf Tel Aviv und Jerusalem zu verhindern, könnten die Demokraten das noch weniger kritisieren, glauben die ING-Analysten und weisen darauf hin: das United States Air Force´s Institute habe im Juli 2005 eine Auswertung des israelischen Angriffes auf die Baustelle des irakischen Atomkraftwerks Osirak im Jahr 1981 vorgelegt. Genauso könnte es auch dieses Mal ablaufen. Freilich gebe es zwei Unterschiede: Die Israelis müssten sich darauf vorbereiten, die Operation auf mehrere Tage oder gar Wochen auszudehnen. Und sie könnten Atomwaffen einsetzen - auch wenn das "sehr überraschend" wäre.

Friedensbewegung und Linke bereiten sich derzeit eher gemütlich auf das Big Event im Juni vor, den G 8-Gipfel in Heiligendamm. Was aber, wenn sich die Gegenseite bei ihren Kriegsplänen nicht an unseren Kalender hält?


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