Das Schreckgespenst Hartz IV.

Jobcenter-Realität Hartz IV, ALG II, ein Thema, das mit Angst und Schrecken sowie Vorurteilen besetzt ist. Aber nicht, weil die finanzielle Not so groß ist.
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Schnell liegt uns das Wort Hartz-IV im Mund, etwa um Menschen abzuwerten, quasi als Persönlichkeitsmerkmal zur näheren Beschreibung einer Gruppe oder eines Einzelnen, zur Beschimpfung von ganz rechten und ganz linken, von Abendspaziergängern und Müttern, die nach der Ablieferung ihrer Brut im Kindergarten noch Stunden Zeit haben, vor der Einrichtung zu tratschen, aber nicht mit dem Multivan gekommen sind, sondern mit den Öffis.

Vielseitig verwendbar dient es aber auch zur Untermauerung unserer Vorwürfe an die Politik, um soziale Ungleichheiten deutlich zu machen und als Kennzeichen des Versagens der jeweiligen Regierungspartei.

Kurzum: Jeder kann etwas damit anfangen und jeder beschäftigt sich damit. Gerne in Verbindung gebracht mit Faulheit, der Dreistigkeit, sich Geld unter den Nagel zu reißen, für das andere schuften müssen, aber auch mit einer gewissen Schmuddeligkeit und Dummheit.

Auf der anderen Seite die Horrorgeschichten des Professors, der Akademiker, die von ALG-II leben müssen, um uns deutlich zu machen, dass in diesem Land nichts vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg schützt.

Aber wie läuft es wirklich ab und wo ist das Problem? Das Geld ist es sicher nicht. Von 399 € kann man wirklich gut leben. Eigentlich ist es sogar zu viel. Geht es bei Hilfen in Notlagen nicht darum, die Grundbedürfnisse zu sichern? Ist es nicht so, dass ein Dach über dem Kopf, eine Heizung, die funktioniert, genug Geld für Nahrung und Kleidung sowie eine Krankenversicherung diese Grundbedürfnisse deckt? Von diesen 399 € muss keine Miete mehr gezahlt werden, lediglich die Stromkosten fallen hier noch an. Fakt ist, in unserem Land kann man mit ALG-II eine Internetflat, einen Handyvertrag und auch Bio-Nahrung sowie Markenschuhe bezahlen. In einer Familie, in der man von einem Durchschnittsgehalt lebt, bleibt abzüglich der Miete, der Kosten für Auto und der Beiträge, die für Kinderbetreuung und ähnliches fällig werden, oftmals weniger übrig. Was zum Teil daran liegt, dass es für Bezieher von Sozialleistungen Vergünstigungen und teilweise kostenlose Angebote in Musikschulen, Volkshochschulen und im öffentlichen Nahverkehr gibt. Trotzdem kann die Durchschnittsverdienerfamilie nicht unbedingt aufstocken, da diese Vergünstigungen nicht berücksichtigt werden (können).

Tauschen will aber niemand.

Die Angst vor der Arbeitslosigkeit ist groß und genau das soll sie wohl auch sein. Man könnte unterstellen, das Ganze sei nur ein Instrument um die arbeitenden Kleinverdiener vom Protest abzuhalten. Ein großer Teil derer, die ein Mal in diesen Apparat rutschen, schaffen es nicht wieder heraus. Das macht Angst.

Eine Weile mit weniger Geld auskommen, das wäre wohl für viele kein Problem, vielmehr liegt die große Angst in einer Zukunft, in der kein Weg zurück mehr möglich scheint.

Ein weiteres Problem ist das, was passiert durch die Arbeitslosigkeit. Ich unterstelle, dass niemand freiwillig arbeitslos ist, damit meine ich, dass ich es für ein Bedürfnis jeden Menschens halte, seinen Tag mit einer sinnvollen Tätigkeit zu füllen. Aber je länger eine Zeit der Untätigkeit andauert, desto mehr sinkt die Arbeitskraft und desto größer wird die Hürde, sich wieder acht Stunden aufzuraffen. Fernsehen und Internet verhelfen einerseits dazu, sich die gähnende Leere zu vertreiben, sorgen aber auch für ein völlig verändertes Zeitgefühl, verändern den Rhythmus. Wer mal studiert hat, ohne in den Semesterferien arbeiten zu müssen, weiß, was damit gemeint ist und wie schwer es sein kann, wieder in den normalen Uni-Rhythmus zu finden. Wer lange krank war oder Urlaub hatte, kennt das Phänomen, gefühlt nicht genug Zeit zu haben, um Dinge zu schaffen, während in einem normalen Tagesrhythmus mit verhältnismäßig viel Arbeit immer noch genug Energie übrig ist, um noch etwas zu schaffen. Zu dem uns bekannten "Burn-Out" sprechen Neurologen und Psychiater mittlerweile von einem "Bore-out", gleiche Stresssymptome und Erschöpfung wie beim überforderten ausgebrannten Patienten, jedoch hervorgerufen durch das Fehlen einer sinnvollen Beschäftigung, durch das Nichtstun. Nichtstun macht müde.

Im Gespräch beim Jobcenter wird jedoch zunächst jedem mehr oder weniger unterstellt, statt einer Arbeit nur die Leistungen zu wollen.

Das System ist verschachtelt und undurchsichtig. Ich bin oft dort, begleite Menschen bei ihren Anträgen. Mittlerweile zieht man oftmals eine Nummer, um in die Anmeldung zu komment. Eigentlich ist das eine Art Sekretariat, jedoch hat man des Öfteren den Eindruck, man sitze schon vor der Teamleitung. Es wird aussortiert, um die Zahl derer, die eine Stufe weiter in die Antragsaufnahme zu gelangen, zu minimieren. Wer hier gesagt bekommt, an der falschen Adresse gelandet zu sein, muss mit leeren Händen gehen. Dass er das schriftlich benötigt, um bei der nächsten Adresse vorzusprechen, interessiert oftmals nicht. Man wird weggeschickt, es sei denn man hat professionelle Hilfe im Gepäck. Die nächste Instanz ist ein Mitarbeiter, der den Antrag offiziell aufnimmt, der Fragen stellt zu Vermögenswerten, Mietkosten usw. Hier geht man mit einem Stapel Papiere heraus, selbst wenn alle Unterlagen schon vorliegen. Was vom Grundsatz her unnötig ist, da ein Antrag auch mündlich direkt am PC aufgenommen werden kann. So bekommt das Prozedere aber eine beeindruckende Wichtigkeit. Um nämlich in einer Frist von zwei Wochen den ausgefüllten Antrag zurückzubringen, muss man erst mal einen Termin machen. Oder sehr lange warten. Warten ist ein gezielt eingesetztes Mittel, um einen Vorgeschmack auf die Zukunft zu liefern. Ein erster Antrag kann durchaus drei Stunden andauern, wobei diese Zeit hauptsächlich durch das Warten im Flur gefüllt ist. Nachdem der Antragsteller in Phase zwei nun auch noch die Vereinbarung zur Mitwirkung unterschrieben hat, die später zur Argumentation dient, um Leistungen zu kürzen, folgt unter Umständen noch Phase Drei, der Fallmanager oder persönliche Berater, je nachdem.Hier geht es nicht mehr um Geld, sondern um die beruflichen Fertigkeiten, die Ziele und Möglichkeiten. Und hier trennt sich definitiv die Spreu vom Weizen. Manche dieser Fallmanager denken wirklich, es gäbe für all ihre Probanden Stellen, so lange man sich nicht vor der Arbeit drücken will. Es gibt durchaus auch welche, die wissen, wie unrealistisch die Chance auf Arbeit für eine große Gruppe der Leistungsnehmer ist. Je realistischer der Fallmanager, je mehr er über die Situation der Kunden sowie den Arbeitsmarkt weiß, desto hilfreicher die Beratung. Man hat den Eindruck, die Hilfe und die Möglichkeiten hängen ganz allein von dieser Person ab. Das Ergebnis ist aber das gleiche: Es gibt für viele Personengruppen keine Möglichkeit zu arbeiten. Diejenigen, die eben nicht so leistungsfähig sind wie der Durchschnitt. Wo in früheren Zeiten ungelernte Kräfte eingestellt wurden, werden nun Abschlüsse und Ausbildungen verlangt, wo mal Mütter vormittags arbeiten konnten, bspw. im Supermarkt, wird heute schon vor Ladenöffnung Ware eingeräumt und bis 22.00 Uhr gearbeitet, was eben diese Mütter zu unattraktiven Arbeitskräften macht.

Der Druck, der auf dem durchschnittlichen Berufstätigen lastet, besser zu sein, leistungsstark zu sein, schließt große Personengruppen aus, die trotz großer Bemühungen einfach nicht den Anforderungen entsprechen können, jedoch (noch) nicht in den Bereich derer fallen, die spezielle Reha-Ausbildungen oder geförderte Jobs bekommen.

Trotzdem findet regelmäßig ein Gespräch beim Berufsberater oder Fallmanager statt, um die berufliche Situation zu besprechen, meist mit dem gleichen Ergebnis. Ein paar ausgedruckte Stellenausschreibungen, auf die man sich bewerben muss, wohl wissend, dass eine Absage folgen wird.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich noch diejenigen, die mit einem erschreckenden Anspruchsdenken durch die Welt laufen. Die in eine "Hartz-IV-Familie" geboren werden, die entweder ganz realistisch oder fälschlicherweise wissen, wo in der Gesellschaft sie stehen und wie viel Geld sie vermutlich ihr Leben lang "Einkommen" nennen, erst ALG-II, dann irgendwann Grundsicherung. Einmal daran gewöhnt, gibt es sicher viele, die nicht einsehen, warum sie für etwas mehr Geld ihre ganze Freizeit aufgeben sollten. Die sich eben in diesem finanziellen Rahmen eingerichtet haben und deren einzige Idee, mal zu mehr Geld zu kommen, in einer diffusen Zukunft liegt oder einer Castingshow.

Schon 1991 hat Wolf Wagner (Angst vor der Armut. Eine Einführung in Sozialpolitik. Rotbuch, Hamburg 1991, ISBN 3-88022-043-3) unser Sozialsystem als ein umgedrehtes Sicherheitsnetz beschrieben, in dem der Weg fast ausschließlich nach unten führt, angefangen bei den Versicherungsleistungen bis zur letzten Stufe, den Sozialleistungen, damals noch Sozialhilfe, heute ALG II oder Grundsicherung. Aus dem hervorging, dass es politisch nicht anders gewollt ist, eine Gruppe von Menschen, die nicht aus der Hilfsbedürftigkeit herausfinden wird, platt formuliert, benötigt, um die, die unter schlechten Bedingungen arbeiten, ruhig zu stellen und an ihre Arbeit zu binden.

Auch heute ist dieser Gedanke aktuell und nachvollziehbar, wobei ich mich nicht einem großen Gejammer und dem Mitleid anschließen will, denn Fakt ist und bleibt, dass die Sorge nicht ist, hier in diesem Land zu verhungern und zu erfrieren. Das Problem, welches ich in Arbeitslosigkeit sehe, hat nichts mit Geld zu tun und ist auf politischer Ebene kaum lösbar. Da die Politik keinen Vorteil darin sehen kann, diese Systemfehler zu beheben, und wahrscheinlich kein politisches Vorgehen einen Richtungswechsel erreichen kann, ohne die Demokratie auszuhebeln, liegt die Verantwortung meines Erachtens bei jedem Einzelnen. Bei denen, die Angst vor Arbeitslosigkeit oder das Empfinden von Armut innehaben, genau hinzusehen, wo Grundbefürfnisse aufhören und Luxus anfängt. Bei uns allen, nicht auf das zu sehen, was der neben uns besitzt, uns nicht zu messen mit Standards, die vielleicht nicht unsere sind. Die Denkweise in eine Richtung zu lenken, in der wir arbeiten, nicht, um angemessen bezahlt zu werden, sondern weil es unserer psychischen Gesundheit dient. Ein Gehalt wirkt deshalb oft nur so gering oder sogar "unmenschlich", weil wir unsere Erwartungen zu hoch stecken und uns mit einer Masse vergleichen, die unnötigen Konsum betreibt, die Kinder wie Luxusgüter ausstaffiert und trotz Allem immer unzufrieden bleibt. Gegen soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen und gegen die Stigmatisierung von Personengruppen, ist sinnvoll und richtig, aber es ist die eigene Sichtweise und auch der Blick über den Tellerrand dorthin, wo Menschen echte lebensbedrohliche Armut kennen, der darüber bestimmt, wie zufrieden wir uns in unserem Leben einrichten können.

11:28 25.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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