Die neue Dimension des Stammtisches

Pegida verstehen? Die Frage ist, ob man sich mit dem auseinandersetzen muss, was nur durch Zufall mehr als fünf Leute hören, weil die Kneipe heute Facebook heißt ...
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Die neue Dimension des Stammtisches
Diskussionswürdig? Die Medienaufmerksamkeit haben zu zumindest: PEGIDA-Sprecher Lutz Bachmann und Kathrin Oertel

Foto: Matthias Rietschel/AFP/Getty Images

Seit Wochen ist die PEGIDA ein Thema, ich kann mich nicht entscheiden, ob es mir zu den Ohren herauskommt oder ob ich mich bewusst weiter damit beschäftigen will.

Auf der einen Seite will ich nicht ernst nehmen, was ich sehe, lese, höre. Die Interviews mit Abendspaziergängern, natürlich ausgesucht diejenigen, bei denen man entweder vor Scham im Boden versinken oder laut lachen möchte. Dass Menschen tatsächlich eine Islamisierung befürchten, kann ich nicht glauben. Kann ich nicht ernst nehmen. Ich versuche mir ihre Sprache zu übersetzen, denke, sie sind nichts anderes als Globalisierungsgegner, was ihnen nur niemand gesagt hat.

Zu glauben, die Politiker haben sich mit der Presse und nebelumwobenen Geheimdiensten verbündet, es scheint so lachhaft. Aber eine Aufklärung ist nicht möglich. Kritische Kommentare auf der PEGIDA-Seite werden regelmäßig entfernt, vorher mit Totschlagargumenten bekämpft, untermauert mit Links zu erfolgten Terroranschlägen und dem Vorwurf, naiv zu sein, ein Gutmensch, ein Antifa. Es wird auf das Positionspapier verwiesen, ich habe es mehrfach gelesen, was soll darauf geantwortet werden? Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem Positionspapier und dem, was die Leute wirklich wollen, wie sie auftreten.

Ich glaube, es hat sich Wut angestaut, die mit der WM 2006 in Deutschland vielen erst aufgefallen ist. Die Freude darüber, mit Deutschlandfahnen durch die Straßen zu fahren war gleichzeitig etwas Erlösendes für viele. Stolz auf sein Land sein zu dürfen, damit haben wir nicht viele Erfahrungen. Die deutsche Erbsünde ist fühlbar. Für jeden. Und wurde dann besonders deutlich, als wir uns gefeiert haben, unseren Fußball. Die Frage ist nur, wen wir jetzt verantwortlich machen sollen. Wer ist denn schuld an alldem? Die Pegida ist sauer auf die Gutmenschen, weil sie in ihnen die Schuld dafür sehen, dass man nicht offen sagen darf, dass deutsch sein ein Grund ist, stolz zu sein. Auf die Antifa, die sie sogleich als Nazis bezeichnet. Es schwingt ein Neid auf andere Länder mit. Wieso darf man in Frankreich rassistischer sein als bei uns, warum dürfen die Dänen nationalistisch sein? Warum darf die Schweiz nur Menschen hereinlassen, die was mitbringen? Was an einen riesigen Sandkastenstreit erinnert, ist schon ewig und drei Tage ein typisches Stammtischthema. Sätze die mit "Wenn man nur mal ausspricht, was alle anderen denken..."anfangen und mit "aber hier darf man ja nicht laut seine Meinung sagen, ohne gleich ein Nazi zu sein." enden. Männer beim Skat.

Nun, Globalisierungsgegner hin oder her, sie haben einen Gewinn durch social media, ihr Stammtisch ist mittlerweile um 150.000 Menschen größer geworden.

Ich würde ihnen gerne den Mund verbieten, ich fühle mich wie die Mutter eines schlecht erzogenen Kindes, aber alle haben schon gemerkt, dass es meins ist.

Das ist nur ein Gefühl, keine politische Forderung. Weil ich ein naiver Gutmensch bin.

Ich will ihnen aber nicht den Mund verbieten, weil ich mich bedroht fühle, sondern weil ich nicht wahrhaben will, was ich eigentlich schon weiß. Das entgegen dem, was offziell für Deutschland und deutsch-sein steht, nämlich demokratisch, bunt, liberal, vielleicht ein bißchen träge und kuschelig, wir ein Land sind, in dem es wie in vielen anderen auch eine nicht unerhebliche Menge an Menschen gibt, die keinen Bock auf Unbekanntes und Fremdes haben.

Die der Meinung sind, hier geboren zu sein, müsse deutliche Vorteile mit sich bringen gegenüber dem, der hier zugewandert ist. Ich habe es nicht gerne, ich würde gerne glauben, wir seien ein ausschließlich tolerantes Land, aber diese Zahlen lassen sich nicht leugnen, egal was mit Pegida passiert, es wird sie weiter geben, die Menschen, die die Dinge anders sehen als ich.

Dass dies ausgerechnet mit dem Islam verknüpft ist, halte ich einerseits für einen Zufall, andererseits auch nicht verwundernswert. Wenn ich nun wieder die Mutter dieses ungezogenen Kindes namens PEGIDA wäre, so würde ich ein Fernsehverbot erteilen. Ich würde all die Geheimdienstserien verbieten und die Filme, in denen immer islamistische Terrorattentäter die Bösen spielen müssen. Wer zu viel "Homeland" gesehen hat, kann nur noch Angst vor dem Islam haben. Wer hier nicht zwischen der Realität und Fiktion unterscheiden kann, verwickelt sich in Verschwörungstheorien. Seht euch Nazifilme an. Nach einer Woche bekommt man Angst vor Deutschen. Man stellt sie sich vor wie Menschen, die sadistisch sind, die einen Spaß daran haben, andere erst zu erniedrigen und dann zu erschießen, Menschen in grau gekleidet. Ich leugne nicht, dass Terror passiert, ich leugne nicht, dass ich selbst große Angst habe vor der Willkür und der Unberechenbarkeit dieser Anschläge. Aber sich in Angst hineinzusteigern hat noch niemandem was gebracht. Wenn ich etwas über den Islam wissen will, spreche ich mit Moslems, lese im Koran. Dann suche ich keine Antworten in Hollywood.

Ich kann das Gegenüberstellen dieser Religionen nicht tolerieren, ich halte uns Deutsche nicht für besonders christlich. Ich frage mich, was gemeint ist mit abendländischer Kultur? Was greift unsere "abendländische Kultur" denn an? Die Moslems, die ich kenne, praktizieren ihren Glauben immerhin, ich kenne kaum Christen, die das tun. Die Kirchen sind nur an Weihnachten gefüllt, vielleicht auch an Ostern, Weihnachten ist ein Fest der Demut, der Bescheidenheit, eine Zeit, in der zwei Menschen mit nichts durch die Weltgeschichte wandern mussten, um in einem Stall ein Kind zu bekommen. Die gefüllten Geschäfte zur Weihnachtszeit und die Überlastung der Post sprechen nicht dafür, dass wir das besonders christlich angehen. Unser Umgang mit Kommerz, mit Fernsehen, mit Geld, unsere Wertschätzung und unser Konsumverhalten verwischt christliche Werte und abendländische Kultur, zwingt diejenigen, die an diese Werte glauben, achtsam zu sein und sich stark abzugrenzen, zu disziplinieren. Berufliche Anforderungen, Druck, das Gefühl, funktionieren zu müssen, Angst vor der Rente, Sorgen unserer Zeit. Und glaubt wirklich irgendjemand bei der PEGIDA, dass diese Probleme verschwänden, wenn die Politik dieses Positionspapier umsetzen würde?

Oder wenn es keine Moscheen in Deutschland geben würde?

Meine Gedanken hierzu haben mich nicht weiter gebracht, ich weiß immer noch nicht, ob ich es lohnenswert finden soll, sich mit der PEGIDA auseinanderzusetzen.

Als es noch ein kleiner Stammtisch mit Skatspielenden Männern war, hat mir ja auch schon keiner zugehört.

11:02 21.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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