1995: Mystik trifft politisches Bewusstsein

Annemarie Schimmel Viele Intellektuelle lernten 1995 Annemarie Schimmel kennen. Es war keine freundliche Begegnung. Sponsor des Shitstorms war der Börsenverein des deutschen Buchhandels.
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Am 4. Mai 1995 gab der Börsenverein des deutschen Buchhandels die Trägerin des Friedenspreises 1995 bekannt - die Orientalistin Annemarie Schimmel.

Schimmel, geboren 1922 in Erfurt, begann ihr Studium laut "Harvard University Gazette" siebzehnjährig, im Jahr 1939. Die Werke des persischen Poeten Jalal Ud-din Rumi (1207 - 1273) "trafen sie wie ein Blitz. Sie erfasste intuitiv die in seiner Dichtung enthaltenen Ideen und ließ sie nie wieder los".

Ein womöglich noch früheres Leseerlebnis war für sie der fränkische Dichter, Übersetzer und Orientalist Friedrich Rückert gewesen.

Von 1941 bis 1945 arbeitete Schimmel in einer Dechiffrierungsabteilung des auswärtigen Amtes, wurde 1945 von der US-Armee interniert und habilitierte 1945 oder 1946 in Marburg.

1953 oder 1954 begann ihre Professur an der Universität Ankara. Sowohl in ihrer Autobiografie als auch in ihrer Dankesrede bei der Annahme des Friedenspreises 1995 fand diese Professur besondere Erwähnung - offenbar sah sie darin die Chance zu einem Durchbruch, die sie in Deutschland nicht erhalten hatte. Ab den späten 1960er Jahren lehrte sie in Harvard.


Annemarie Schimmel diskutiert Rumi (mit offenen Augen)

Ehrgeizig war sie ohnehin, wobei die Frage, ob jener Ehrgeiz vor allem persönlich oder von der jeweiligen wissenschaftlichen Sache motiviert war, wohl von verschiedenen Gutachtern ganz unterschiedlich beantwortet wurde: sie hatte begeisterte Anhänger unter Studierenden und Lehrenden, aber sie hatte auch ihre Kritiker. Vielleicht reichte schon ihre Art des Vortrags dazu hin, die Empfänger ihrer Botschaften in Freunde und Feinde zu spalten:

She was also a much sought-after lecturer, and her style of delivery was famous: she would clasp her purse with both hands, shut her eyes, and speak for exactly the amount of time allotted to her. She maintained that she could lecture without a manuscript in German, English and Turkish, or with a manuscript (and open eyes) in French, Arabic, Persian and Urdu.

Anfang der 1990er Jahre kehrte sie dauerhaft nach Deutschland zurück und lebte von da an in Bonn. Und sie beriet die Politik. "Der Spiegel", September 1995:

Reisende tun gut daran, sich kundiger Führung zu bedienen; das öffnet Herzen sowie Türen.

Als, im April dieses Jahres, Bundespräsident Roman Herzog Staatsvisite im islamischen Pakistan machte, da pries er, neben den "starken beiderseitigen Wirtschaftsinteressen", auch einen "Sondergast" in seiner Suite: Annemarie Schimmel, die "führende deutsche Pakistan-Expertin" und "in Ihrem Land wahrlich keine Unbekannte".

Schwer zu sagen, jedenfalls für einen morgenländischer Angelegenheiten wenig kundigen Menschen, wie viele boshafte Zitate diese zwei Absätze wohl enthalten mochten.

"Eine alte Dame", spottete der "Spiegel",

die besser in ihrem Gelehrtenstübchen aufgehoben wäre, ist zum Politikum geworden - durch Äußerungen, die teils dusselig, teils naiv waren, offenbar aber aus einem Weltbild sprossen, das der Geist der Aufklärung nicht durchweht: Allah ist für sie wirklich groß und Mohammed sein Prophet.

Vielleicht. Vielleicht ließ sie aber auch nur gelten, was andere glaubten. Laut "New York Times" blieb sie ihr Leben lang lutherisch.

Politische Eindeutigkeit - womöglich eine Eindeutigkeit der Art, die in ihrem öffentlichen Leben als Konstante wahrnehmbar gewesen wäre, schien es bei Schimmel allerdings nicht zu geben. Tagespolitik war erklärtermaßen nicht ihr Ding.

Aber auch bei fundamentaleren Fragen ging ihr die Fähigkeit zur klaren Parteinahme eher ab.

Der "Spiegel" und die von ihm genannten Kritiker Schimmels sahen seit rund vier Monaten Anlass zur Kritik. Am 4. Mai 1995 hatte der Börsenverein des deutschen Buchhandel bekanntgegeben, dass Annemarie Schimmel seine Wahl für den Friedenspreis sei, der im Oktober verliehen werden solle. Auf die "alte Dame" im "Gelehrtenstübchen" fiel nun das Licht der bundesdeutschen Öffentlichkeit, und am gleichen Abend wurde sie in einem "Tagesthemen"-Interview von Sabine Christiansen wie folgt befragt:

Christiansen: Andererseits gibt es natürlich die Morddrohungen Taslima Nasrin, Salman Rushdie. Hat das Ihr Verhältnis zum Islam ein wenig in Frage gestellt?

Schimmel: Nein, es hat sich nicht verändert. Denn ich weiß, aus welchen Gründen diese Schriftsteller angegriffen worden sind. Eine Morddrohung ist natürlich immer etwas Gräßliches. Aber ich glaube auch hier, dass vieles überzogen ist, und wenn man die Mentalität kennt, ich habe gesehen, wie erwachsene Männer geweint haben, als sie erfahren haben, was in den 'Satanischen Versen' steht. Und das ist nach meiner Meinung eine sehr üble Art, die Gefühle einer großen Menge von Gläubigen zu verletzen. Das kann ich auch nicht schätzen.

"Was der deutsche Laie über islamische Mystik weiß", schrieb Arno Widmann in der "Zeit",

weiß er von Frau Schimmel. Sie hat wissenschaftliche Standardwerke verfaßt, Nachdichtungen und eine Reihe populärer Darstellungen. Ihre Arbeiten sind, so gesehen, wichtige Beiträge zur "Verständigung der Völker.

Aber wer sich zu Morddrohungen so äußere wie Schimmel, desavouiere sich selbst, so Widmann. Die Frage, ob man die religiösen Gefühle anderer Menschen beleidigen dürfe, lasse sich nur mit "Ja" beantworten.

Die Religionshistorikerin sei daran erinnert: Auch Mohammed hatte sie seinerzeit nicht anders beantwortet. Niemand verletzt so sehr die religiösen Gefühle seiner Mitmenschen wie der Begründer einer neuen Religion.

Widmanns Forderung, Schimmel den Friedenspreis abzuerkennen, erschien vier Tage nach dem oben genannten "Spiegel"-Artikel. Am 1. September hatte die Zeitschrift "Emma" Beweise vorgelegt: Annemarie Schimmel sei Mitarbeiterin bei staatlichen iranischen Propaganda-Organen und überzeugte Fundamentalistin. Es waren die letzten Hurras der Kritiker, bevor am 15. Oktober die Orientalistin den Preis erhielt.

Die Laudatio hielt Roman Herzog. Er hielt Schimmels Kritikern entgegen, der Wert der Schimmelschen Leistung bestehe darin, das Wissen der Völker und Kulturen übereinander zu mehren, und jede solche Leistung ist preiswürdig, wenn sie nur groß genug ist.

Vor diesem Befund allerdings hatten die bis dahin wenig konturierten öffentlichen Positionen Schimmels offenbar ein paar kräftige Massagen erhalten. So konnte der Bundespräsident nun in seiner Laudatio auf Annemarie Schimmel erklären:

Wenn wir in einen Dialog mit anderen eintreten, bringen wir einige Essentials mit, die nicht verhandelbar sind. Dazu gehört die Freiheit der Rede und dazu gehört vor allem, daß niemand wegen seiner Überzeugung zu Schaden gebracht werden darf. Eine lange, oft blutige und grausame Geschichte hat uns Europäer gelehrt, daß diese Rechte niemals mehr zur Disposition stehen dürfen. Deswegen kann hier niemand Todesdrohungen für ein Buch akzeptieren. Wer diesem Satz nur eine partikuläre, westliche Überzeugung zuschreiben will, die sich zu Unrecht universale Geltung anmaße, dem sage ich: Einen Dialog gibt es nur, wenn niemand befürchten muß, wegen einer Äußerung gefangen genommen, gefoltert oder ermordet zu werden. Diese Spielregel ist weder westlich noch östlich noch sonst irgendwie geographisch relativierbar. Sie ist die begriffliche Grundvoraussetzung für ein Gespräch überhaupt.

Und Schimmel selbst brachte ihre Sicht der Dinge folgendermaßen in Form:

Von Augustinus stammt das Wort »Restantum cognoscitur quantum diligitur« (»Man versteht etwas nur so weit, wie man es liebt«). Und unsere mittelalterlichen Theologen wußten, daß »Liebe das Auge des Intellektes« ist.

Nun kann leicht gesagt werden, daß solche Liebe blind macht. Aber ich glaube, daß tiefe Liebe zugleich die Augen öffnet; man sieht nämlich die Fehler, die Sünden, die ein geliebtes Wesen begeht, mit tieferem Kummer als die eines Unbekannten.

Wenn wir, die wir unser Leben damit verbracht haben, die Welt des Islams in ihrer Vielfalt zu erforschen und ihre positiven Seiten einer Öffentlichkeit vorzustellen, die kaum Ahnung von dieser Welt hat, dann ist es für uns ein um so größerer Schock, die Entwicklungen zu sehen, die sich während der letzten Jahrzehnte in Teilen der islamischen Welt vollzogen haben.

Es schien bereits 1995 schwierig, bei Debatten über eine Lebensleistung von der Frage abzusehen, ob man einen Menschen beispielsweise integer, sympathisch oder persönlich glaubwürdig fand. In die Frage, ob Schimmel den Friedenspreis des Börsenvereins "verdiene", spielte immer wieder ein Faktor mit hinein, der sich vielleicht am besten im Begriff "Vorbildrolle" zusammenfassen lässt.

Für weite Teile der deutschen Intellektuellenwelt in den 1990er Jahren nahm Schimmel diese Rolle allenfalls mangelhaft wahr. Und ohne die Bereitschaft - in ihrer Dankesrede - zu für jene Welt hinreichend klaren Ansagen gegen religiös motivierte Morddrohungen hätte sie den Preis vielleicht nicht erhalten.

Dass sie von vornherein von einer Morddrohung gesprochen hatte und nicht von einer Fatwa, hatte ihre Position offenbar nicht hinreichend geklärt.

In etwa geklärt ist aber inzwischen wohl, ob die Entscheidung Roman Herzogs vor zwanzig Jahren, die Laudatio auf Annemarie Schimmel zu halten, einer der wichtigsten und vielleicht folgenreichsten Entschlüsse seiner bisherigen Amtszeit sei. Emma zitierte den Bundespräsidenten mit den Worten, das sei wahrscheinlich eine Übertreibung.

Wahrscheinlich war es eine. Beim "MiGazin" jedenfalls konnte sich sechzehn Jahre später, im Dezember 2011, offenbar kaum noch jemand an Herzogs Beschlüsse erinnern:

Christian Wulff hat es wie sonst keiner vor ihm geschafft, diesem Amt ein bisher noch nie dagewesenes Gewicht zu verleihen,

bescheinigte der Chefredakteur dem Niedersachsen.

Aber vielleicht waren Herzog und Schimmel dem "MiGazin" auch einfach nur zu altbacken, als dass man sich an sie hätte erinnern mögen.

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09:11 20.02.2015
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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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