Von Russland lernen heißt Siegen lernen: warum der ukrainische Botschafter wütet

Andrij Melnyk JR erklärt die Welt der Diplomatie

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Die Ukraine kämpft nicht nur, sie darf auch hoffen. Sie rechnet also nicht nur mit der blutigen Gegenwart, sondern - Gott sei Dank - auch mit der Zukunft. Die deutsche Unterstützung im Krieg und danach hat sie eingepreist. Sie muss also nicht appellieren, sondern ihr Botschafter Melnyk darf Berlin scharf angehen. (Die Hilfe der Springer-Presse ist ihm dabei sicher.)

Wenn die Ukraine es schafft, ihre Souveränität zu verteidigen - und ihre territoriale Integrität zumindest außerhalb der Krim und des Donbas -, so wird sie chinesische wirtschaftliche Unterstützung brauchen.

Außerdem glaubt Kiew vermutlich, dass es mit der deutschen politischen Klasse erfolgreich so umgehen kann, wie es vorher Moskau tat - von Russland lernen heißt von daher in Kiew wohl auch immer noch Siegen lernen.

Wo Moskau stets behauptete, die NATO schulde ihr eine "Einflusssphäre", "Sicherheit" und ähnliches, behauptet Kiew jetzt eben auch, Berlin schulde ihm mehr, als es liefert. Funktioniert ja.

Problem Nr. 1: wenn Otto Normalverbraucher zu lesen kriegt, was Herr Melnyk auf dem Herzen hat, hat er die Schnauze gestrichen voll von ihm. Da kann die "BILD" schreiben, was sie will.

Problem Nr. 2: wenn der offizielle Vertreter der Ukraine so redet wie Melnyk, geht Otto Normalverbraucher berechtigterweise davon aus,. dass das genau der Grad an Respekt ist, den Kiew für Deutschland übrig hat. Also genauso viel, wie Moskau vorher für Deutschland übrig hatte:

Geh die Weicheier hart an, dann parieren sie und tun, was du willst.

Andererseits weiß Kiew, dass es mit solchen Tiraden bei Beijing nicht landen kann - die lassen sich davon definitiv nicht beeindrucken, und Kiew hofft darauf, nach einem halbwegs überstandenen Krieg vom Chinageschäft zu profitieren.

Würde es zwischen Kiew und Beijing zu vergleichbaren Auseinandersetzungen wie zwischen Kiew und Berlin kommen, würde die chinesische Regierung sich im übrigen nicht scheuen, sich nochmal ironisch und lautstark für die seit Jahrzehnten andauernden ukrainischen Rüstungslieferungen an das chinesische Militär zu bedanken, über die Taiwan sich bestimmt genauso freut wie Beijing. (OK, Ironie aus.)

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