Antwort aufs Monopol: Bloggen auf Umwegen

Gegenstrategien. Die Presse hat einen Anspruch auf Bezahlung - wenn sie gut genug dafür ist. Aber eine Monopolisierung der öffentlichen Meinung brauchen wir nicht zu akzeptieren.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jakob Augstein will es wissen: wo soll das Geld für den Freitag herkommen? Die Frage ist berechtigt. Die Art und Weise, in der er darauf beharrt, dass erst einmal gezahlt werden soll, bevor er (vielleicht) auf Anliegen der FC-Nutzer eingeht, ist es nicht.

Nun wäre ihm vermutlich niemand so böse, wenn er nicht ausgerechnet den Springer-Verlag als - technisch - leuchtendes Vorbild für die Zukunft der Online-Presse ins Feld geführt hätte. Und während wir (nicht alle, aber viele) ordentlich sauer auf ihn sind, sollten wir eins nicht vergessen: im Gegensatz zu vielen anderen Zeitungen will der "Freitag" zitierbar bleiben:

Wir erklären hiermit also noch einmal feierlich, dass wir uns weiterhin über jeden Link und jedes Zitat freuen. Eine Verlinkung des Freitags wird weder einer Erlaubnis bedürfen, noch wird sie je Geld kosten. Auch vor Abmahnungen muss sich niemand fürchtern, wenn er uns zitiert.

Also Kostenpflicht, aber keine Berufung aufs "Leistungsschutzgesetz". Das ist ein Anfang.

Ich finde das gut, aber nicht gut genug. Ein Freitag, den ich abonnieren will, müsste anders sein als die anderen Zeitungen. Er müsste weg von der "Mitte". Das ist kein Plädoyer für die dissidente Meinung, aber eins für ganz verschiedene dissidente Meinungen. In einem solchen Anspruch an eine Zeitung sehe ich nichts Illegitimes, und schon gar keine Schnorrermentalität.

Manche Kritik am Leistungsschutzgesetz (und an der Idee einer Paywall) erinnert mich an eine Frau oder einen Mann, der/die dem/der Partner/in nachtrauert, wo sich gerade für immer aus der sauren Beziehung abgeseilt hat. Man hatte sich lange gestritten, man hatte sich zuletzt gehasst, und jetzt sitzt der/die Verlassene heulend in der Wohnung und fragt sich, ob der/die denn überhaupt kein Herz hat, und wie er/sie nur abhauen konnte.

Denn nicht selten sind diejenigen, die das Leistungsschutzgesetz scheiße finden, eben auch gerade diejenigen, die das, was sie jetzt nicht mehr oder nur sehr in Grenzen (und keiner weiß innerhalb welcher Grenzen) zitieren dürfen, schon immer scheiße fanden.

Unbestritten: im Leistungsschutzgesetz drückt sich der Wille aus, das öffentliche "Gespräch" zu beherrschen - es zu monopolisieren.

Aber was macht man, wenn Informationen knapp werden? Sei es, weil ein Regime eine Firewall baut und Kurzwellensendungen jammt, sei es, weil ein (gerne auch demokratisch gewählter) Gesetzgeber bestimmte Information oder ein bestimmtes Buch zensiert, sei es, weil Informationen monopolisiert werden?

Man übt Kritik. Man organisiert vielleicht auch eine Gegenbewegung (obwohl Brot-und-Butter-Fragen eher zu Gegenbewegungen in der Öffentlichkeit führen dürften als die Frage, wie gut wir informiert werden oder wie wir Informationen verwenden dürfen). Das Naheliegendste aber ist, dass man sich als Blogger neue Quellen sucht.

In den 1980er Jahren verbot die Regierung Thatcher die Veröffentlichung des Spycatcher, die Memoiren eines früheren MI5-Mitarbeiters, der in Australien lebte. Australien folgte dem Verbot nicht. Und für die Briten, die seinerzeit das Buch nur von Reisen im Koffer zurückbringen konnten, sendete Radio Schweden, der schwedische Auslandsdienst, Auszüge aus dem Buch über die Nordsee.

Das war eine eher symbolische Handlung - aber es war auch eine Ohrfeige für die Freiheitskämpferin Margaret Thatcher. Ausgerechnet die Sozialisten vom Kontinent machten sich für die Informationsfreiheit stark. Jedenfalls in jenem Falle.

So lange die Rechtslage für Blogger in Deutschland so unsicher bleibt, dass sich damit kaum bloggen lässt, empfehle ich eine Veränderung des Leseverhaltens. Das ist nicht einfach. Es gibt dazu nur Hilfsmittel und keinen Königsweg. Nichts ersetzt eine für alle Geldbeutel zugängliche einheimische Presse so, dass man sich mit dem Status Quo zufriedengeben könnte.

Aber eins könnten wir tun: wir könnten die Medien, die viele von uns doch sowieso schon verachten, mit Nichtachtung strafen. Wir können sie ja auch lesen, ohne sie zu zitieren. Wir können Sachverhalte, die sie beschreiben, in der ausländischen Presse suchen und dort Grundlagen fürs Zitieren finden. Und wir können - z. B. - auch einen Blick aufs Auslandsradio werfen.

Aus dieser Liste ergeben sich heute z. B. folgende Meldungen (auf Deutsch aus dem Ausland):

Ist das nichts?

Begreifen wir das "Leistungsschutzgesetz" einstweilen als Chance. Ändern wir unser Rezeptionsverhalten. Achten wir auf Quellen, die wir bisher nicht nötig hatten - oder von denen wir nicht glaubten, dass wir sie nötig hätten.

Auch das wäre ein Anfang. Man kann die Welt auch ganz anders sehen als weite Teile der deutschen Publizistik. Das sollten wir sogar.

Die Grundidee, dass professonelle Presse sich bezahlt machen muss, sollten wir nicht grundsätzlich ablehnen. Die Frage ist, wie das realisiert wird. Und das "Leistungsschutzgesetz" sollten Blogger ohne große Kriegskasse einstweilen nicht "verletzen", sondern nach Kräften umgehen. Darin liegt auch eine Chance für die Informationsvielfalt.

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09:13 03.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
JR's China Blog

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