"Wir sind nicht gegen Zusammenarbeit"

Halbwahrheiten Ein BBC-Interview mit dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad ergab nicht viele neue Informationen. Aber das Interview drückt eine sich verändernde Konstellation an
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"Wir sind nicht gegen Zusammenarbeit"
Bashar al-Assad

Bild: JOSEPH EID/AFP/Getty Images)

Jeremy Bowen, langjähriger Nahostkorrespondent der BBC, stellte die Fragen in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit dem syrischen Präsidenten Assad. Es war nicht das erste Interview, das Assad seit dem Beginn des Kriegs in Syrien einem westlichen Fernsehsender gab, und manche der Fragen waren ebenfalls allenfalls Variationen über ein altes Thema: wie schuldig ist das Regime in Damaskus?

Bowen fragte nach der Verwendung von Faßbomben durch Truppen oder Hilfstruppen Assads und unterfütterte den Vorwurf der unterschiedslosen Bombardierung von Kombattanten und Zivilisten mit Fassbomben mit Vorwürfen von Human Rights Watch und des UN-Sondergesandten Staffan de Mistura.

Der hatte am 15. Januar erklärt, es sei eine wirkliche Tragödie, dass Menschen überall in Syrien unter der ständigen Furcht vor Fassbomben, Mörserangriffen, Raketen, Bombardierungen aus der Luft, Autobomben, Entführungen und außergerichtlichent Tötungen leben müssten. Allerdings war das kein ausdrücklicher Vorwurf gegen die syrischen Regierungstruppen oder Regierungsloyalisten gewesen.

Aber auch wenn die Fragen Bowens denen ähnelten, die Assad seit über vier Jahren gestellt werden, stellten sie sich doch in einem anderen Licht als bisher. Bowen wies auf eine sich verändernde Position Washingtons gegenüber Damaskus hin, mit einer Äußerung US-Außenminister Kerrys als Indiz, der eine andere Politik, aber kein neues Regime mehr verlangt habe. Bowen:

Now, if you stopped barrel bombing, and it does happen, would you not help your own case internationally? There are people now who are saying that you are a potential partner in the fight against the Islamic State and that you could be part of the solution, not part of the problem, and it would be quite an easy thing, wouldn’t it, simply to order your generals, to say “look, no more of these attacks,” and that would be… that would no doubt would improve your international standing, would it not?

Allerdings hatte Assad schon zuvor die Bedeutung relativiert, die eine Veränderung der amerikanischen Position zu seinen Gunsten haben würde, sofern es sie gebe - und er bezweifelte die Klarheit und Verbindlichkeit der Aussage. Nachfrage Bowen:

But you must… surely… Syria has been very isolated. You’re under sanctions here, people can’t use credit cards, you’ve been cut off from a lot of the commerce of the world. I mean, you must surely welcome a situation which might get you back into the family of nations in a way that you haven’t been since 2011.

Assad:

We’re not against cooperation with any country, we’ll never be. We didn’t start this conflict with the others. They started, they supported terrorists, they gave them the umbrella. It’s not about isolating Syria now; it’s about embargo on the Syrian population or the Syrian citizens. It’s different from isolation. It’s completely different.

Daraus ergab sich die Frage danach, ob es eine unmittelbare Kooperation zwischen US-Luftwaffe und der syrischen Luftwaffe gebe - beide operierten schließlich im syrischen Luftraum und seien sich bisher nicht in die Quere gekommen, so Bowen. Assad:

No, because they [Amerika] don’t talk to anyone unless he’s a puppet, and they easily trampled over the international law, which is about our sovereignty now. So, they don’t talk to us, we don’t talk to them.

Allerdings bemüht sich Damaskus um Kommunikation - und Zusammenarbeit - mit Amerikas Verbündeten bzw. "puppets". So verurteilte das syrische Außenministerium Anfang Februar die mutmaßliche Ermordung des jordanischen Piloten Moaz al-Kasasbeh durch die IS und drängte Amman zur Zusammenarbeit gegen Terrorismus.

Mit Washington aber kommuniziere man über Dritte, so Assad - unter anderem über irakische Behörden -, aber nie direkt. Es werde Information gegeben, aber es gebe keinen Dialog, und auch keine taktischen Informationen (also keine Informationen über konkrete Gefechtsfelder):

Bowen:

You don’t say, “Look, if you see Syrian helicopters over a certain area at this hour, please don’t shoot them down?”

Assad:

No. That’s I mean, there’s no tactical cooperation, or through third party cooperation.

"Lügen eines Tyrannen", befand der "Guardian" noch am Dienstag, und hob den Anteil des Regimes am Kriegselend des Landes hervor, inklusive der Verwendung von Fassbomben.

Ein Sympath war im Interview in der Tat nicht aufgetreten, und sicherlich auch kein Wahrheitssucher. Aber das unterschied Assad nicht von allen anderen stakeholdern in dem Krieg, der Syrien nun im fünften Jahr verwüstet.

Etwas von der Frustration, die den Leitartikel des "Guardian" beherrscht, fand sich auch in Bowens Frage danach wieder, ob nicht Assad von der IS profitiere und mehr Aufmerksamkeit darauf verwandt habe, den bewaffneten Teil der moderaten Opposition zu zerstören, als den IS:

When you talk about terrorism versus what you represent, I mean, you know the accusation that has been made, that you have concentrated your forces in recent years against the non-jihadist parts of the armed resistance, the armed opposition to you, and that you have tried to give the Syrians, essentially, a false choice between you and between the likes of Al Qaeda and Islamic State, by trying to eliminate the middle ground. Perhaps it’s worked well as a political tactic, hasn’t it? Was that your idea?

Mehr oder weniger grinsend wurde Bowen darauf hingewiesen, dass Obama selbst das Warten auf eine gemäßigte Opposition in Syrien als fantasy bezeichnet habe.

So hatte Obama das zwar offenbar gar nicht gesagt, aber die Halbwahrheit blieb im Raum stehen, ebenso wie Bowens Andeutung, Staffan de Mistura habe die Verwendung von Fassbomben ausdrücklich, oder einseitig, dem syrischen Regime zur Last gelegt.

Wie nach einem wichtigen Interview üblich, versuchte Bowen, sein Gespräch mit dem syrischen Präsidenten politisch und anderweitig einzuordnen. Assad habe gesagt, die Armee kämpfe weder mit Hilfe von Fässern noch von Kochtöpfen. Das sei eine leichtfertige Antwort gewesen, so Bowen, in der sich Gefühllosigkeit, ein ungelenker Humorversuch oder auch eine Loslösung Assads von der Realität ausdrücke.

Von Realitäten und Wirklichkeiten ist im Interview ein rundes Dutzendmal die Rede, und jedesmal ist es Assad, der auf - aus seiner Sicht - Realitäten hinweist. Vielleicht hatte Bowen nach Abschluss des Interviews in dieser Hinsicht Nachholbedarf.

Damit aber personalisiert Bowen die Realitätssicht oder - je nach Urteil - Realitätsferne des syrischen Präsidenten auf eine Art, die die Natur des Regimes und seiner kulturellen und politischen Umgebung außer Acht lässt.

Oder was hätte Bowen zu einem Gesprächsprotokoll wie diesem gesagt?

Damaskus. Der Vorsitzende des Allgemeinen Verbandes der Arbeitergewerkschaften, Jamal Qadiri, erörterte gestern mit dem Botschafter der Demokratischen Volksrepublik Korea in Damaskus, Jang Myong Ho, die Wege der Weiterentwicklung der gewerkschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Quadiri brachte seine Hochschätzung der konstanten und prinzipiellen Haltung der Demokratischen Volksrepublik Korea gegenüber Syrien und ihre Unterstützung für Syrien in seinem Krieg gegen die terroristischen Organisationen zum Ausdruck. Al-Qadiri brachte auch seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Volksrepublik Korea eine bedeutende Rolle beim Wiederaufbau Syriens in der kommenden Etappe haben würde. [...]

Radio Damaskus, Deutscher Dienst, 09.02.15

Wenn Assad spinnt, dann spinnt jedenfalls auch die übrige syrische Elite - Nordkorea jedenfalls hat sich bisher nicht als Entwicklungshelferland hervorgetan. Aber das ist keine Loslösung von der Realität. jedes Land kann nur unter denen wählen, die als Partner wirklich zur Verfügung stehen. Auch das ist eine der Realitäten, denen Amerika und die EU nicht ins Auge sehen möchten - ebenso wenig wie der Tatsache, dass das Fallenlassen der moderaten syrischen Opposition eine bewusste politische Wahl des Westens war. Man kann nicht alles haben. In welcher Realität lebt der Westen?

Für die tendenziell immer noch schwächere Seite - das syrische Regime - gilt weiterhin ein Grundsatz ganz besonders: show no pain.

Ein weinender Diktator, der im Interview seine Verbrechen bekennt oder die Anderer anklagt, wäre sicher nach dem Geschmack des "Guardian".

Es wäre ein toter Diktator.

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Notes

Für mich geht nichts übers Geschriebene. Da ich ein Transcript des Interviews, das einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, nur bei der syrischen Nachrichtenagentur SANA gefunden habe, beziehe ich mich vor allem darauf. Hinweise auf etwaige Differenzen zwischen dem Wortlaut der online verfügbaren Videos und dem SANA-Transkript sind willkommen.

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War Powers draft, 11.02.15

11:02 11.02.2015
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