Auf dem Weg zum perfekteren Bund?

Konföderiertendenkmäler. Seit einer Woche streitet sich die Weltöffentlichkeit darüber, ob Trump "genug gesagt" habe. Hoffentlich hat Amerika Wichtigeres zu tun.
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Am 12. August 2017 sagte US-Präsident Donald Trump:

We condemn in the strongest possible terms this egregious display of hatred, bigotry and violence, on many sides. On many sides. It's been going on for a long time in our country. Not Donald Trump, not Barack Obama. This has been going on for a long, long time.

In schärfster Form verurteilen wir diese unerhörte Ausstellung von Hass, Bigotterie und Gewalt, auf vielen Seiten. Auf vielen Seiten. Das geht in unserem Land schon lange so. Nicht Donald Trump, nicht Barack Obama. Dies geht schon sehr, sehr lange so.

Das Problem war, dass er dies nach einem Anschlag sagte, der offenbar - so jedenfalls wurde es weithin wahrgenommen - von einem Angehörigen seiner Klientel ausgeführt worden war. Will sagen: Trump wandte sich dem Problem der Teilung seines Landes offenbar erst in einem Moment zu, als er es nicht mehr vermeiden konnte - weil der Täter seiner Wählerschaft zugerechnet wurde. Zuvor - im Präsidentschaftswahlkampf - hatte er von der Teilung seines Landes profitiert.

Wie weit die Teilung Amerikas in Nord- und Südstaaten, in Unions- und Konföderiertenstaaten - ein gültiges Symbol der derzeitigen gesellschaftlichen Teilung Amerikas sein kann, ist schwer zu beanworten. Geht man nach dem öffentlichen Empfinden, ist es gültig, weil der Bürgerkrieg der 1860er Jahre im amerikanischen Mainstream dafür gilt. Zumindest diese Wahrnehmung eint Befürworter und Gegner der Denkmalsentfernungen.

Nun versucht Trump einen Spagat zwischen seiner zum Teil rechtsextremen Klientel und denen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Südstaatengeneral Robert E. Lee vom Sockel zu holen. Gelegenheit zum Bildersturm gibt einige, wie dieser Artikel von CNN zeigt, und nicht jeder ist bereit, dafür auf Stadtratsbeschlüsse zu warten.

General Lee war eine Figur in der Geschichte der Südstaaten, an der man sich mit Symbolpolitik abarbeiten kann - man muss es aber nicht. Und man sollte wissen, dass die Aktionen gegen die Konföderiertendenkmäler von manchen Weißen als Aktion gegen eine ohnehin schon geschlagene Allianz verstanden werden.

Insoweit, wie sie sich diese Weißen gesellschaftlich abgehängt fühlen, kann das kränkend wirken - so, wie eine "positive" Denkmalspflege manche Nachfahren der Sklaven kränkt.

Das ist aber eben ein lagerübergreifendes Problem mit der Symbolpolitik: sie ist "postfaktisch", und sie wird von Freund und Feind angewendet. Was hingegen fehlt, sind Angehörige der politischen und der intellektuellen Klasse, die sich den geschichtlichen und aktuellen Problemen nicht nur mit glaubhafter professioneller Integrität zuwenden, sondern sich dabei auch öffentliches Gehör verschaffen könnten.

Die Mainstreampresse wird ihnen dabei jedenfalls nicht helfen. Ihr Verhaltensmuster ist dem Trumps ähnlicher, als sie selbst es zugeben würde: sie wendet sich Problemen meistens dann zu, wenn sie wirkungsmächtige Bilder und Worte liefern. Die Berichterstattung über Trumps Wahlkampf, in den vorigen Jahren, ist selbst ein Beispiel dafür. Je rassistischer oder sexistischer, je menschlich abstoßender und gemeiner sich der Kandidat verhielt, desto ausführlicher wurde über ihn berichtet.

Ein Leitmotiv Barack Obamas war "a more perfect union". In einer Rede Anfang 2008 sagte er:

Throughout the first year of this campaign, against all predictions to the contrary, we saw how hungry the American people were for this message of unity. Despite the temptation to view my candidacy through a purely racial lens, we won commanding victories in states with some of the whitest populations in the country. In South Carolina, where the Confederate Flag still flies, we built a powerful coalition of African Americans and white Americans.

Das ganze erste Jahr dieser Kampagne hindurch, entgegen allen gegensätzlichen Vorhersgagen, haben wir erlebt, wie hungrig das amerikanische Volk für diese Botschaft der Einigkeit war. Der Versuchung zum Trotz, meine Kandidatur durch eine ausschließlich rassische Brille zu sehen, gewannen wir eindrucksvolle Wahlsiege in Staaten mit einigen der weißesten Bevölkerungen im Land. In South Carolina, wo die Konföderiertenflagge noch weht, bauten wir ein mächtiges Bündnis von Afro-Amerikanern und weißen Amerikanern.

Man könnte hinzufügen: und wo die Konföderiertendenkmäler noch standen.

Es ist legal, solche Denkmäler per Stadtratsbeschluss abbauen zu lassen. Es handelt sich außerdem - und das könnte seine Anhänger trösten, wenn sie sich denn trösten wollten - um ein Denkmal, das General Lee selbst vermutlich gar nicht gewollt hätte.

Aber darum geht es den aufs Äußerste Gekränkten beider Seiten nicht. Sie wollen nicht verstehen, sondern sie wollen endlich siegen. Und unter denjenigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sie eigentlich informieren sollten, haben viele ebenfalls nichts Besseres zu tun, als für ihren Sieg zu arbeiten.

Manchmal würde man sich wünschen, die Helden der Vergangenheit könnten ohne fremde Hilfe von ihren Sockeln heruntersteigen - aber nicht, um zu verschwinden, sondern um uns zu sagen, was sie zu ihren Lebzeiten schon zu sagen hatten, und woran wir uns nicht mehr erinnern wollen. Aber es würde nichts nützen. Die Menschen hinter den Kameras und Mikrofone würden sie vielleicht als Sensationen bewundern, aber nicht als Zeugen ihrer Zeit anhören wollen.

Der Bürgerkrieg wurde geführt, und die Union behielt den Süden. Siege verpflichten zur Rücksicht - jedenfalls da, wo diese Rücksicht den Siegern zugemutet werden kann. Barack Obama, 2008:

Ich würde nicht für das Präsidentenamt kandidieren, wäre ich nicht aus ganzem Herzen überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner genau dies für unser Land will. Mag sein, dass unser Bund niemals perfekt sein wird, aber eine Generation nach der anderen hat gezeigt, dass er immer weiter verbessert werden kann.

Charlottesville ist keine Endstation.

10:26 17.08.2017
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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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