Beijing steht zu seiner Brandmauer

Signal. China drückt seine Bündnistreue zu Nordkorea mit einer Personalie aus.
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Deng Yuwen, ein führender Mitarbeiter der chinesischen Parteizeitschrift Study Times, ist Berichten zufolge zur Zeit beurlaubt.

Die südkoreanische Zeitung Chosun Ilbo zitiert aus einem Telefoninterview mit Deng, das chinesische Außenministerium habe "eine Strafexpedition" zur Parteihochschule, der Herausgeberin der Zeitschrift, geschickt. Grund soll ein Artikel gewesen sein, den Deng am 27. Februar in der britischen Financial Times veröffentlicht hatte. Deng hatte sich in seinem damaligen Artikel für eine Neubewertung der chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen ausgesprochen und nahegelegt, eine koreanische Wiedervereinigung anzustreben. Zwar seien sowohl China als auch Nordkorea sozialistische Länder, aber die Differenzen zwischen ihnen seien größer als die zwischen China und dem Westen.

Dabei ignorierte Deng nicht, dass es eine gemeinsame Bündnisgeschichte gebe, wies aber darauf hin, dass Nordkorea weit weniger Gewicht auf diese "durch Blut besiegelte Freundschaft" lege als China.

Deng war nicht der einzige chinesische Akademiker, der das in den letzten Monaten so oder ähnlich sah. Shen Dingli, Direktor des Center for American Studies an der Fudan-Universität in Shanghai, hatte vierzehn Tage vor Deng - in einem regelrechten Wutbeitrag für die amerikanische Zeitschrift Foreign Policy - erklärt, China habe einen Punkt erreicht, an dem es Zeit sei, den Schaden zu begrenzen und sich von Nordkorea abzuwenden. Allerdings erklärte er im gleichen Artikel, warum das voraussichtlich nicht passieren werde.

Regelrecht zum Abschuss freigegeben wurde Nordkoreas Regime hingegen aus Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hunan Hubei. Qiao Xinsheng, Rechtsprofessor an der dortigen Zhongshan-Universität, gab seiner Ansicht Ausdruck, selbst bei einer UN-Resolution gegen Nordkorea, die eine Gewaltklausel beinhalte, solle China sich im Weltsicherheitsrat enthalten. Und ähnlich wie Deng sah er in einer koreanischen Wiedervereinigung keinen Grund zur Sorge für China, denn mit seinem provokativen Verhalten stelle Nordkorea ohnehin keine "Brandmauer" mehr dar. Mehr noch: die freundschaftlichen Beziehungen mit Südkorea hätten es ergeben, dass China die auf der koreanischen Halbinsel stationierten US-Truppen nicht fürchte, und auch keine kolossalen Nachteile aus einer Wiedervereinigung Koreas zu befürchten habe. Tatsächlich bilde die Verschlechterung der Situation auf der koreanischen Halbinsel einen Vorwand für die sich verstärkende amerikanische Präsenz in Ostasien.

Allerdings veröffentlichte Qiao seine Ansichten zu Nordkorea in einer inländischen Zeitung, der Huanqiu Shibao - und weder Qiao noch Shen schrieben ihre Artikel als unmittelbare Mitarbeiter der KP Chinas oder eines Parteiorgans.

Unbeliebt hatte sich Deng auch in der Vergangenheit schon mit Parteikritik in einer Parteizeitung gemacht. Sein Problem mit seinem Nordkorea-Artikel in der Financial Times besteht aber vermutlich darin, dass er seinen Artikel als leitender Redakteur einer Zeitschrift der Parteihochschule - und obendrein zur Veröffentlichung durch eine ausländische Zeitung - schrieb. Unabhängig davon, dass die Bündnistreue auch führender chinesischer Kommunisten zu Nordkorea sicherlich unterschiedlich ausgeprägt ist, wurde hier offenbar nach einer Korrektur in der öffentlichen - auch ausländischen - Wahrnehmung verlangt.

Sollte das Hauptmotiv für Dengs Probleme in diesem Korrekturbedarf liegen, darf man wohl davon ausgehen, dass sie nicht allzu lange anhalten werden. Er erhalte weiterhin sein Gehalt, wisse aber noch nicht, wann und in welcher Verwendung er wieder eingesetzt werde.

Shen Deng schrieb generell nicht nur für seinen Arbeitgeber, die Study Times. In der Volkszeitung - das Organ der KP Chinas - hatte er im September 2010 mehr Rechtssicherheit für chinesische Journalisten gefordert.

Auch jenem - innenpolitischen - Ziel ist er seitdem offenbar nicht nähergekommen. Und Nordkorea bleibt einstweilen Chinas unverzichtbare Brandmauer.

Chinas Nordkorea-Politik bleibt auf Zickzack-Kurs. Momentan steht man sich wieder etwas näher.

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Geschrieben von

JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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