Bradley Manning Superschurkenstar

Menschenrechte Wer Bradley Manning zur Kultfigur oder zum Erzschurken machen will, übersieht das Wesentliche

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Bradley Manning Superschurkenstar

Foto: Mark Wilson/ AFP/ Getty Images

Über Bradley Manning wird häufig geschrieben, als kenne man ihn persönlich. Über seine Rolle in den Wikileaks wird geschrieben, als sei das eine ungebrochene Heldentat, oder als sei das eine ausschießliche Pflichtverletzung (wobei die Schwere der letzteren Annahme unterschiedlich dargestellt wird, bis hin zum Verrat oder zur Hilfeleistung "an den Feind").

In Deutschland folgt man eher selten vorwiegend der zweiten Lesart. Dafür ist Mannings Kultstatus inzwischen zu groß. Es ist auch kein großes Problem für die deutsche Presse, sich mit Kritik am Manning-Kult zurückzuhalten. Für die deutsche Geheimhaltung ist Manning nicht systemrelevant - da kann man die weitverbreitete Bewunderung für ihn schon einmal gelten lassen und noch mitbedienen.

Mir scheint, dass die Übersetzung des Guardian-Artikels im Freitag, online seit dem 03.06., sich um eine differenziertere Wahrnehmung bemüht. Sie kritisiert die Strafverfolgung Mannings in den USA, ohne Manning zur Lichtgestalt zu erheben. Sie identifiziert sich nicht mit Manning, aber selbstredend identifiziert sie sich erst recht nicht mit US-Behörden, die einem Untersuchungshäftling - für den eine Unschuldsvermutung zu gelten hätte - behandeln wie einen Menschen, an dem man sich rächen müsse.

Es ist nicht gut, einen Menschen zum Idol zu erheben - egal, ob es sich um Manning, Mandela oder um den Dalai Lama handelt. Güte, die einem weltbekannten Menschen unterstellt wird, ist kein Ersatz für die eigene Güte oder für eigene Rechtsmaßstäbe, die sich üblicherweise nicht in der Weltpolitik, sondern in alltäglicheren, konkreten Situationen beweisen müssen (oder können). Ebenso wie die Rachsucht vieler Amerikaner - es sind nicht nur die Behörden - ist auch der Patriotismus vieler Amerikaner nur geliehen. Sie kopieren ihn von Autoritäten. Von zwei eher liberalen Amerikanern hörte ich nach Reagans Tod die Vermutung, der frühere Präsident sei so populär gewesen, weil man habe glauben dürfen, er sei patriotischer gewesen als der Durchschnittsamerikaner - "er war für uns patriotisch".

So kann das aber nicht funktionieren - weder bei der Vaterlandsliebe, noch bei der allgemeinen Nächstenliebe, noch bei humanistischen Prinzipien.

Manning hat ein Recht darauf, weder als Ersatzheld noch als Schurke zu gelten. Seine Anhänger wie seine Gegner täten ihm, sich selbst und uns allen einen Gefallen, wenn sie ihn zuerst einmal als Menschen gelten ließen - mit unveräußerlichen Menschenrechten.

Die Welt braucht weniger "Märtyrer", und mehr Menschen mit einer Chance auf Glück.

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Shortish Guide, NPR, 05.06.13
Sympathy abroad, AP, 04.06.13

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