"Zerfall der Tyrannei"

Radio und Internet Chinesisches Untergrundradio aus Südkorea: jemand hat's bemerkt. Radio aus der Eifel mit Programmen aus aller Welt, fast alles auf Deutsch. Und Krisenmusik aus Italien
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"Zerfall der Tyrannei"
Foto: Putu Sayoga/Getty Images

1. China-Dissidentenradio aus Südkorea

Ich kenne niemanden, der sie gehört hätte, aber was besagt das bei einer potenziellen Milliarde Zuhörern? Ein Sonderkorrespondent des amerikanischen Auslandsradios "Radio Free Asia" (RFA) jedenfalls hat auf die eine oder andere Art Kenntnis von einer Sendung genommen, die chinesische Demokratie-Aktivisten am 4. Juni von Südkorea aus auf einer Amateurfunkfrequenz ausgestrahlt haben sollen.

Der RFA-Korrespondent zitierte am 5. Juni nichtamtliche Statistiken, denen zufolge etwa achthunderttausend Festlandchinesen in Südkorea lebten, von denen die meisten lediglich über eine jährlich zu erneuernde Aufenthaltsberechtigung verfügten, und die entsprechend auf ein sauberes Vorstrafenregister zu achten hätten.

Insofern handle es sich bei der Radiosendung - die der KP Chinas mit einem nahenden Tag der Abrechnung drohte - um "einen Durchbruch in einer restriktiven Umgebung", so RFA: womöglich auf Veranlassung der chinesischen Botschaft in Seoul habe die Kontrolle der Aktivitäten chinesischer Demokratie-Aktivisten in Südkorea durch die dortigen Behörden deutlich zugenommen.

Anstatt, wie bei früheren Jahrestagen des Massakers vom 4. Juni 1989, Broschüren in der südkoreanischen Öffentlichkeit zu verteilen oder der Presse Interviews zu geben, hätten daher Angehörige der Demokratischen Partei Chinas in Südkorea auf die Kurzwelle als öffentliches Medium zurückgegriffen. Damit habe man Aufmerksamkeit für die Forderung nach der Rehabilitierung der Demokratiebewegung vom Frühling 1989 geworben:

Die Lebensspanne des kommunistischen Regimes, junge Freunde, nähert sich ihrem Ende, und hoffentlich werdet ihr auf der gerechten Seite stehen, wenn die Zeit für den Zerfall seiner Tyrannei gekommen ist.

In Mitteleuropa wäre eine Kurzwellensendung als Medium zur Erreichung eines jungen Publikums wohl wenig geeignet: was nicht per App gehört werden kann, hat kaum eine Chance. In China kann das - je nach Gegend - durchaus anders aussehen. Sofern die Ausstrahlung auf einer Amateurfunkfrequenz mit rundfunkgerechter Modulation erfolgte, wird sie in China einige Zufallshörer ganz unterschiedlicher Altersklassen erreicht haben.

Bei der mutmaßlichen Aktivistensendung, die einschließlich Testsignal und -empfang etwa eine Stunde gedauert haben soll, dürfte es sich um eine Ordnungswidrigkeit gehandelt haben. Damit allerdings setzten die mutmaßlichen chinesischen Radiodemokraten in Südkorea eine Tradition fort, die auch dem staatlichen chinesischen Radioauslandsdienst nicht fremd ist: in den 1970er Jahren - meiner Erinnerung nach auch noch in den 1980ern - sendete "Radio Beijing" ("heute China Radio International") häufig auf Frequenzen außerhalb der international definierten Rundfunkbereiche, und das nicht nur eine Stunde lang.

2. Weltradio aus Kall-Krekel

22 Uhr- ein Korrespondent des Schweizer Radios erklärt, warum der Kreml den tschetschenischen Präsidenten beim Nemzow-Prozess nicht zu nahekommen wollte. Weitere Beiträge zur Patentierung konventionell gezüchteter Pflanzen in der EU und zur italienischen Flüchtlingspolitik folgen: informativ, ausgewogen betrachtet und dabei in erstaunlicher Kürze. Nach knapp dreißig Minuten "Das war der Tag" ist alles gesagt.

Der polnische Rundfunk erklärt ab etwa 22:30 Uhr, warum viele Polen Auslandsurlaub am liebsten mit polnischen Speisen, polnischer Bedienung, polnischem Fensehen und unter anderen Polen verbringen, und was für Hilfe direkt in Syrien anstelle einer Aufnahme von Flüchtlingen spricht.

Und während die vorigen Sendungen ganz oder teilweise aus der Dose kamen und dabei recht wortzentriert sind, folgt ab 23 Uhr ein Live-Programm aus Buenos Aires: die einzige Mitarbeiterin der deutschsprachigen Redaktion beim argentinischen Auslandsradio präsentiert Nachrichten, ein Schwerpunktthema und viel argentinische Musik - nicht zuletzt Tangos. An Samstagen und Sonntagen entfällt das Programm aus Argentinien.

Um Mitternacht folgt noch Radio Belarus, dessen Eingangsansage seltsamerweise "Liebe Zuschauer" lautet. Das Alleinstellungsmerkmal des Senders besteht darin, dass er Einblicke in die politischen und wirtschaftlichen Belange von Staaten früherer UdSSR-Staaten bietet; allerdings strikt aus Sicht des Regimes in Minsk.

Auf Frequenzsuche muss man zwischen den einzelnen Programmen nicht gehen; sie werden nacheinander auf der Kurzwellenfrequenz 3985 kHz ausgestrahlt. Die Sendeanlage befindet sich auf dem Gelände einer früheren Polizeifunkstelle bei Kall-Krekel.

Eingebetteter Medieninhalt

In ländlichen Gegenden vom norddeutschen Flachland bis an die deutsch-österreichische Grenze scheint der Empfang der Sendungen derzeit recht gut zu sein - am besten, man probiert es einfach aus.

Und in einer Umgebung, in der das nicht recht funktionieren will, lassen sich die Programminhalte auch online abhören; sei es über die Website des "Shortwave Service" (rechte Spalte), oder - authentischer - z. B. über den Remote-Empfänger der Universität Twente in den Niederlanden.

3. Zahl des Monats

Eingebetteter Medieninhalt

60,7 Prozent der jungen Erwachsenen in Italien sind nicht in Vereinen, Verbänden, Parteien oder ähnlichen sozialen Gruppierungen organisiert, 45,8 Prozent pflegen auch keine regelmäßigen Kontakte mit informellen Gruppen,

schreibt "Rotherbaron".

Aus deutscher Landeiersicht unvorstellbare Zahlen. Aber wenn der Facebook-Herrgottswinkel keine informelle Gruppe ist ...

13:15 30.06.2017
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Geschrieben von

JR's China Blog

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