"China tanzt nach amerikanischer Pfeife"

Nordkorea China solle aufhören, Nordkoreas Nuklearpolitik zu kritisieren, forderte am 3. Mai ein Kommentar der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA.
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"China tanzt nach amerikanischer Pfeife"
Das Verhältnis zwischen China und Nordkorea war auch schon mal besser
Foto: MARK RALSTON/AFP/Getty Images

Der König Qi Xuan fragte: "Gibt es einen Weg im Umgang mit benachbarten Königreichen? Menzius sagte: "Es gibt ihn. Aber nur ein Mensch von Charakter kann mit einem großen Land einem kleinen Land dienen. So konnte Tang Ge dienen, und König Wen den Kun Yi. Und nur der Weise kann mit einem kleinen Land einem großen Land dienen. So diente König Tai den Xunyu, und Gou Jian diente Wu. Wer mit einem großen Land einem kleinen dient, lebt unbeschwert. Wer mit einem kleinen Land einem großen dient, fürchtet den Himmel. Wer unbeschwert lebt, beschützt, was unter dem Himmel ist. Wer den Himmel fürchtet, beschützt sein Land. Das Buch der Lieder sagt: die Macht des Himmels fürchten heißt, den Willen des Himmels zu beschützen.

Mencius - Liang Hui Wang II

Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA veröffentlichte am vorigen Mittwochabend Ortszeit einen Kommentar, der das chinesische Parteiorgan "Volkszeitung" und die staatseigene "Huanqiu Shibao" kritisierte. Laut "Huanqiu" - die Zeitung reagierte gleich am nächsten Morgen mit einer Kritik an der nordkoreanischen Kritik - hatte die KCNA in jüngster Zeit bereits zweimal chinesische Nordkoreabeobachter und die chinesische Medienberichterstattung kritisiert, aber am Mittwoch tat sie das erstmals unter ausdrücklicher Erwähnung Chinas:

Die "Volkszeitung" und die "Huanqiu Shibao" gelten als Medien, die die amtlichen Standpunkte der chinesischen Partei und des chinesischen Staates vertreten. Sie haben letzthin Kommentare enthalten, die behaupten, der Zugang der DVRK stelle eine Bedrohung der nationalen Interessen Chinas dar. Sie schoben die Verantwortung für die Verschlechterung der Beziehungen zwischen der DVRK und China vollständig auf die DVRK und lieferten armselige Rechtfertigungen für das chinesische Tanzen nach der amerikanischen Pfeife.

Übel nahm die nordkoreanische Nachrichtenagentur chinesischen Nordkorea-Interpreten nicht zuletzt den Vorwurf, Pyongyang liefere Amerika mit seiner Nuklearisierungspolitik einen Vorwand zur verstärkten Präsenz in Ostasien:

Mancher in China vertritt den absurden Standpunkt, der Besitz der DVRK von Nuklearwaffen verschlimmere die Lage in Nordostasien, und liefere Amerika Vorwände für verstärkte strategische Dislozierungen in dieser Region, aber diese begannen lange vor dem Kernwaffenbesitz der DVRK, und ihr erstes Ziel war zunächst China.

China sollte also vielmehr aufrichtig den nunmehr siebzig Jahren im schweren Kampf gegen Amerika an der Frontlinie anerkennen, in denen die amerikanischen Aggressionen und Verschwörungen zu Fall gebracht wurden, und anerkennen, wer es war, der Chinas Frieden und Sicherheit schützte. Es wäre angebracht, der DVRK zu danken.

Der KCNA-Kommentar sprach auch einen Konflikt an, der den unterschiedlichen Sichtweisen Pyongyangs und Beijings zu Grunde liege: es sei ignorant zu behaupten, die traditionellen Beziehungen zwischenden beiden Ländern hätten auf gemeinsamen Interessen beruht. Der reaktive Leitartikel der "Huanqiu Shibao", dem kurz darauf auch noch eine englische Fassung folgte, bestätigte das "nationale Interesse" Chinas und erläuterte, dem KCNA-Kommentar lasse sich entnehmen, dass Pyongyang die wirkliche Bedeutung eines "nationalen Interesses" nicht verstanden habe, soweit es "das große Ganze" der chinesischen Diplomatie betreffe.

Die KP Chinas sieht sich - spätestens in den letzten Wochen - von Pyongyang auf einer Domäne überholt, auf der sie selbst normalerweise tonangebend ist: als Opfer (oder jedenfalls Ex-Opfer) imperialistischer Machenschaften. KCNA:

Einige dummschwätzende chinesische Politiker reden davon, "seinerzeit haben die Interessen der beiden Länder zusammengepasst". Sie sollten ersteinmal ihre geschichtlichen Begriffe klären, bevor sie weiter theoretisieren.

Ihr Ruf danach, schärfere Sanktionen zu verhängen, wenn die DVRK nicht die Nuklearisierung aufgebe, und obendrein nicht vor der Erwähnung militärischer Einmischung zurückzuschrecken, ist nichts anderes als hegemonialer Großmachtchauvinismus, der für die Interessen Chinas nicht nur die strategischen Interessen,sondern auch die Souveränität und das Existenzrecht der DVRK opfern will.

Allerdings ist der Wirkungsgrad der nordkoreanischen Propaganda, die vom Auslandsradio "Stimme Koreas" auch auf Deutsch verbreitet wird, sehr begrenzt: keines der fünf Länder, die an den "Sechs-Parteien-Gesprächen" zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel beteiligt sind, hat ein Interesse daran, mit Pyongyang über Ideologien zu reden, die es einmal mit Beijing teilte - oder Pyongyanger Argumenten gar eine globale Öffentlichkeit zu verschaffen.

Größere Schwierigkeiten ergeben sich für die chinesische Inlandspropaganda. Zwar genießt das nordkoreanische Regime unter Chinesen offenbar weithin wenig Ansehen, weil es als wirtschaftlich rückständig gilt, aber die Vorstellung, die Kim-Dynastie könne amerikanischen oder südkoreanischen Forderungen geopfert werden, wäre vermutlich sehr unpopulär.

Allerdings dürfte in dieser Hinsicht ohnehin nicht viel Gefahr für Pyongyang bestehen. Über den "Verrat", den angesichts einer gemeinsamen ideologischen Vergangenheit zumindest manche Chinesen in einer Preisgabe des Regimes sehen könnten, käme man hinweg. Aber was erhielte Beijing im Gegenzug?

Und wo bliebe - auf der Gegenseite - die Rechtfertigung für eine starke US-Präsenz in Ostasien, wenn Pyongyang als Panikstifter ausfiele? (Ob Präsident Trump und das politische und militärische Establishment sich in dieser Hinsicht schon auf wünschenswerte Szenarien geeinigt haben, sei einstweilen dahingestellt.)

In der zweiten Frage steckt vielleicht ein Teil der Antwort auf die erste. Wenn China daran interessiert wäre, den amerikanischen militärischen Faktor zurückzudrängen, müsste es die Sicherheitsinteressen zumindest Südkoreas - und letztlich auch Japans - gegenüber Nordkorea berücksichtigen.

Einstweilen aber spielt Beijing auf Zeit. Zum einen finden am 9. Mai in Südkorea Präsidentschaftswahlen statt, und der Nachfolger der amtsenthobenen früheren Präsidentin Park Geun-hye könnte gegenüber dem Norden eine Entspannungspolitik versuchen - es wäre nicht der erste Versuch dazu.

Und wenn sich auf dem Gebiet keine Fortschritte ergeben, wird Beijing die Nerven Pyongyangs ausführlicher testen als bisher. Achtzig Prozent seines Außenhandels wickelt Nordkorea mit China ab, und auf dem Gebiet ist noch viel Raum für Experimente. Immerhin versicherte Kim Jong-un vor fünf Jahren in seiner ersten Rede als "respektierter Führer" des Landes, sein Volk dürfe nie wieder in die Lage geraten, "den Gürtel enger zu schnallen". Hier kann Beijing ihn möglicherweise empfindlich treffen.

Sollte das Regime in Pyongyang jedoch gefährdet erscheinen, würde der Druck aus Beijing nachlassen. Wirtschaftlich mögen die nordkoreanischen Genossen peinliche Loser sein; militärisch sind sie für China von bleibender Bedeutung. So lange Beijing eine amerikanische Intervention in der Taiwan-Straße fürchte, spiele Nordkorea eine Rolle bei der Bindung amerikanischer Streitkräfte, zitierte 2009 der "Economist" den chinesischen Amerikaexperten Shen Dingli.

Die KCNA veröffentlicht ihre Berichte und Beiträge auf Koreanisch, Englisch, Chinesisch, Russisch, Spanisch und Japanisch. Hinweis: die von mir verwendeten englischen und chinesischen KCNA-Versionen sind nicht in allen Teilen wortgleich.

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18:28 08.05.2017
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JR's China Blog

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