JR's China Blog
19.06.2017 | 17:56 42

Damned if you go, damned if you don't

Anti-Terror-Demo Hingehen oder nicht?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied JR's China Blog

Ich weiß nicht, wie ich es halten würde, wenn ich Moslem wäre. Es gibt Gründe, die gegen das Mitmachen sprechen, und andere, die →dafür sprechen.

Öffentlich vernehmliche Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft sind darauf konditioniert, deutschen oder in Deutschland lebenden Muslimen Vorhaltungen zu machen. Ob es eine Mehrheit in der Mehrheit ist, die dazu tendiert, weiß ich nicht - oft kommt es wohl darauf an, mit welchen Formulierungen Menschen propagandistisch angepiekst werden. Symbolisch aufgeladene Begriffe können bei Befragten ganz unterschiedliche Filme ablaufen lassen.

Meinem Eindruck nach drücken sich Probleme der Mehrheitsgesellschaft mit auffallend frommen Minderheiten insbesondere in rituellen "Integrations"-Forderungen der Politik aus, wobei ich nicht weiß, ob die Politik (inklusive eingängigem Mediensound) das Huhn ist, und die Öffentlichkeit das Ei, oder umgekehrt.

Vielleicht sollten muslimische Normalverbraucher "politisch" denken, und schon darum ein Zeichen setzen - also an einer Demo teilnehmen. Das mag wohl sein. Aber dabei wären ganz unterschiedliche persönliche psychologische Hürden zu nehmen (Konformismus, kränkende Alltags- und Rückzugserfahrungen, etc.), und die Hürden einer "unpolitischen" Grundhaltung.

Politisch zu denken allerdings ist ohnehin nicht des Deutschen Größe, ob nun abend- oder morgenländischer Provenienz, ob Mehr- oder Minderheit, ob atheistisch, christlich, muslimisch oder anders. Politik - darauf können Mehr- und Minderheiten sich ganz idealistisch einigen - ist ein schmutziges Geschäft.

Insofern ist es abwegig, wenn die Mehrheitsgesellschaft Forderungen an islamische Minderheiten stellt. Aber die Macht der Gewohnheit lässt irgendwann jede Abwegigkeit aussehen, als wäre sie eine Notwendigkeit.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (42)

Magda 19.06.2017 | 19:23

Politisch zu denken allerdings ist ohnehin nicht des Deutschen Größe, ob nun abend- oder morgenländischer Provenienz, ob Mehr- oder Minderheit, ob atheistisch, christlich, muslimisch oder anders. Politik - darauf können Mehr- und Minderheiten sich ganz idealistisch einigen - ist ein schmutziges Geschäft.

Ein schmutziges Geschäft, das nur durch Erklär-Gummi-Bärchen gemildert werden kann. :-)))

Insofern ist es abwegig, wenn die Mehrheitsgesellschaft Forderungen an islamische Minderheiten stellt. Aber die Macht der Gewohnheit lässt irgendwann jede Abwegigkeit aussehen, als wäre sie eine Notwendigkeit.

Diese Mehrheitsgesellschaft fordert ständig das Ablegen von Glaubensbekenntnissen, obwohl man doch so aufgeklärt ist.

Ich denke, dass es innerhalb der muslimischen Gemeinschaft Menschen gibt, die sich qua Bildung, persönlichem Hintergrund und auch Geschlechtszugehörigkeit, besonders für Integration aber auch Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, in der sie leben, engagieren. Die zu ermutigen ist wichtig. Aber, das sind halt weniger, als man denkt. Und wenn man dann noch in das Räderwerk politischer Machtkämpfe gerät, dann wird es wirklich schwierig, Menschen zusammenzubringen.

Achtermann 19.06.2017 | 20:40

Nehmen wir

Gesicht Zei­gen! ermu­tigt Men­schen, aktiv zu wer­den gegen Frem­den­feind­lich­keit, Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und rechts­ex­treme Gewalt. Der Ver­ein agiert bun­des­weit. Er greift in die aktu­elle poli­ti­sche Debatte ein und bezieht öffent­lich Stellung.

Wird unterstützt von zwei Bundesministerien, Vattenfall, Commerzbank, Lotto-Stiftung Berlin...

Richten wir den Blick auf die UEFA, die über sich schreibt:

Die UEFA wird einmal mehr mit Hilfe ihrer hochkarätigen Wettbewerbe ihre Unterstützung im Kampf gegen den Rassismus demonstrieren.

Da sollte doch eine Demonstration wie die in Köln keine exotische Veranstaltung sein, ob politisch oder doch nicht so politisch.

gozilla 19.06.2017 | 21:26

Auch ich schliesse mich dem Kommentar und Dank von Urmel gerne an. Habe einiges zum Thema an anderer Stelle geäußert und will es auch dabei belassen. War ein gutes Übungsfeld für das Lernen und Praktizieren von Ambiguitätstoleranz😉

Abschließend ein Link zu "Es gibt Gründe, die gegen das Mitmachen spreche....hier zu lesen

Eine Absage an den Aufruf zum Friedensmarsch gegen Gewalt und Terror

Zentrale Aussage:

"Wer daher als Muslima oder Muslim hofft, durch Beteiligung an der Demonstration der Pflicht zur öffentlichen Distanzierung von Terrorismus und Gewalt Genüge getan zu haben und weiteren Verdächtigungen und Forderungen zu entgehen, dürfte dies rasch als Irrtum erkennen müssen. Was von ihnen erwartet wird, ist weder durch tausend noch zehntausend noch hunderttausend TeilnehmerInnen zu erfüllen und das Hamsterrad weiterer Forderungen und vergeblicher Bemühungen wird nach dem 17. Juni weiter rotieren wie zuvor.

JR's China Blog 19.06.2017 | 23:23

Dalai Lama sagt: "gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden"

Ich glaube, es kann helfen, wütend zu werden, wenn man ein Ziel damit verfolgt. Aber um sich einfach nur Luft zu machen, gibt es bessere Mittel:

Ab und zu schreiben halt Leute etwas Dummes ins Internet.

Joachim Petrick 19.06.2017 | 23:53

Danke für den Link. Hier ein anderer :

"Onkel-Tom-Türken", die, anders als WirtschaftsverbändeUEFA FIFA gegen Terrorismus demonstirieren sollen, wenn ja, warum?
http://www.spiegel.de/forum/member-108162.html
Kommentar Joachim Petrick Heute, 16:51
108. Drohen wir alle zu "Onkel-Tom-Türken" für Wohlverhalten zu werden?

Es ist ein "Onkel-Tom-Türken" Phänomen, wie Jakob Augstein pointiert schreibt, aber nicht nur das. Es geht um die Trennung von Kirche und Staat im Namen der Stärkung unserer säkularen Zivilgesellschaft, die alle Bundesbürger*nnen betrifft und angeht, gleich ob sie in religiösen Vereinen organisiert, konfessionslos, atheistisch oder sonst was sind
Terrorismus ist, neben einem politisches, sozialem, ein wirtschaftliches Phänomen mit ungeahnten Ausfächerungen in das Business einer gloabal aufgestellten Security- und Versicherungswirtschaft mit ihren Verbänden und eben kein religiöses konfliktschwangeres Gewächs. Haben Regierungen hierzulande in Bund und Landern jemals Verbandsmitgliieder. -vertreter genannter Verbände u. a. Wirtschaftsverbände - s. Waffensystem- , Rüstungsindustrie - aufgefordert, gegen den Internationalen Terrorismus zu demonstreren? Nein. Dabei ist der Internationale Terrorismus doch ursächlich ein Problem asymmetrischen Wirtschaftens, asymmetrischer Währungssystemem der G 20 Länder zu Lasten der restlichen 180 Länder und mehr


Auf Biegen und Brechen säkular zivilgesellschaftlicher Mentalitätspflänzchen werden hierzulande exemplarisch Muslime/a in gesellschaftspolitischen Fragen, wie jetzt bei der Aufforderung, nicht als Angehörge deutschenr Zivilgesellschaft, sondern als bitte schön bekennende Mitglieder*nnen islamischer Religionsverbände in Köln zu demonstrieren und so ins Abseits des Relgiösen abgedrängt und marginalisisrt.

Der türkische beherrschte Islamverband Ditib weiss schon, warum er sich diesen Rufen entzog, - darauf verwies dass der Terrorimsmus komplexer ist, als es hierzulande vermittelt wird - , Steckt doch darin das vergiftete Angebot, an muslimische Verbände, Moscheevereine hierzulande, sich von türkischer Vorherrschaft und Moneten zu berfreien, weil in Bund und Ländern der deutsche Staat mit Staatsverträgen, denen der crisltichen Kirchen gleich, im Fall von öffentlich demonstriertem und zitierbarem Wohlverhalten lockt. Denn der deutsche Staat betreibt weiter ohne gesellschaftspolltisches Mandat in Bund und Ländern - was ein Bundetagswahlkampftheme 2017 wäre - adminsitrativ die Untergrabung der grundgesetzlich versicherten Trennung von Staat, säkularer Zivilgesellschaft und Kirchen aller religiösen Farben.
https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/mach-mir-angst-und-bange-also-bin-ich

janto ban 20.06.2017 | 00:58

|| Insofern ist es abwegig, wenn die Mehrheitsgesellschaft Forderungen an islamische Minderheiten stellt. ||

Ja, Forderungen sind abwegig. Aber jede/r erwartet von allem und jedem irgendwas. Und sei es nichts. Selbst das ist eine Erwartungshaltung.

Oder sagen wir mal, nach dem Trommeln und den Berichten im Vorfeld der ausdrücklichen Nichtdistanzierungs-Demo stellte man sich irgendwas vor. Spielte vielleicht sogar mögliche Extreme durch:

Niemand kommt. Halb D reist an. Es findet ein islamistischer Anschlag auf die Demo statt. Es findet ein anderweitig rechtsextremer Anschlag auf die Demo statt. Die Demo fällt aus, weil Kaddors Name auf irgend einer der Listen falsch geschrieben wurde...

luddisback 20.06.2017 | 17:42

wäre ich muslim, ich wäre im leben nicht zu dieser demo gegangen. ich würde mir folgendes gedacht haben.

deutsche politiker fordern, dass ich zu dieser demo gehe. die rassistenkartoffeln werden mich auch nach 1001 demos noch für einen terroristen halten (hautfarbe, sprache, religion, geburtsort des urgroßvaters). trotzdem wollen sie am liebsten non-stop bekenntnisse von mir hören, die aber nur zu weiterer stigmatisierung beitragen, statt die situation zu verbessern. komme ich ihnen entgegen, bestätige ich ihren rassismus, nicht meine friedfertigkeit. egal was ich sage.

gozilla 20.06.2017 | 20:33

Nö, aber es macht mir mehr Sorgenfalten als ich es mir leisten kann und will😉Ernsthaft: Mir fällt auch nichts konstruktives ein, was diesem kritischen und spalterischen Trend in der Gesellschaft entgegengesetzt werden kann. Wie es gelingen könnte, dass hat mein sehr geschätzter Raul Zelik aufs Papier gehämmert. Aber Papier ist bekanntlich sehr geduldig....

Solidarität ist unteilbar.

JR's China Blog 21.06.2017 | 08:25

Das trifft nicht zu. Solidarität hat unter anderem immer wieder bedeutet, das einzelne oder viele ihre Haut zu Markte trugen - also alles einsetzten, was sie hatten -, weil sie an eine bestimmte Art des Fortschritts glaubten.

Das tut nicht jeder, und schon gar nicht alle Tage. Aber Fortschritt verdankt sich nicht den falschen Rechenkästen des "gesunden Menschenverstandes", die die jeweilige "INSM" der Saison für lau bereitstellt, auf dass sich die Massen argumentativ daraus bedienen - gegen ihr eigenes Interesse.

Die Vorstellung, menschenwürdig zu leben sei ein Nullsummenspiel, stimmt nur unter sonst gleichbleibenden Bedingungen - wenn die Reichen kontinuierlich reicher werden, und die Ärmeren kontinuierlich ärmer.

denkzone8 22.06.2017 | 10:11

im ersten absatz negieren Sie meine aussage vehement,

das trifft nicht zu. gegen meine behauptung,

daß solidarität aus vernünftigen erwägungen erwächst

und ihre grenzen hat.

anstatt die behauptung zu widerlegen,streichen sie die besonderen anstrengungen solidarischer aktionen heraus.

(die ich nicht infrage gestellt habe).

was der zweite und dritte absatz mit meiner these zu tun hat ,

ist (mir) ein geheimnis.

JR's China Blog 22.06.2017 | 10:44

Also, ich gehe jetzt mal davon aus, dass sie meinten, mein Satz →irritiere Sie, Denkzones. Ansonsten müssen Sie mir widersprechen.

Meinerseits Widerspruch zu Ihrem Kommentar.

Sie schrieben nämlich am →Dienstagabend nicht, "dass Solidarität aus vernünftigen Erwägungen erwächst und ihre Grenzen hat", sondern

"solidarität kommt immer portioniert vor, wenn sie praktisch wird. welt-umspannend kommt sie nur als traum oder phrase vor."

Und das trifft, wie ich schon bemerkt habe, nicht zu. Solidarität kommt nicht "immer" portioniert vor (es sind auch schon Menschen dafür gestorben), und sie ist mitunter trotzdem sehr praktisch - mittlerweile drückt sie sich auch in einigen Institutionen aus, und zwar durchaus weltumspannend.

Wer's mag, soll das mit überaus zweideutigen →Ansagen wie durchhalten-bis zum sieg-einstellung abqualifizieren - die Eindeutigkeit des Satzes leidet übrigens unter dem unbestimmten Artikel.

PS: Was ist an "Das trifft nicht zu" vehement?

denkzone8 22.06.2017 | 11:11

mein ehrgeiz, ihnen zu folgen , ist begrenzt.

nur soviel:

solidarität, die selbst-aufgabe einschließt,

führt sich selbst ad absurdum.

und für diesen weg gibts andere namen.

auch wenn damit die aura der unbegrenzten

opfer-bereitschaft kratzer bekommt:

solidarisches handeln hat etwas mit vernünftigen

überlegungen/abwägungen zu tun und ist zu unterscheiden

von starren: koste-es-was-es-wolle...