JR's China Blog
08.03.2013 | 10:14 10

Der Klassenkampf des Hugo Chavez

Adios Presidente. Nicolas Maduro wird heute Chavez Nachfolger. Binnen dreißig Tagen muss er laut Verfassung Präsidentschaftswahlen ausrufen. Geht Chavez' Revolution weiter? Wenn ja: wie?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied JR's China Blog

Ein Leben voller Schmerzen - das könne er annehmen, sagte Hugo Chavez im April 2012 in seiner Heimatstadt Barinas.

Gib mir deine Krone, Christus, gib sie mir, dass ich blute, gib mir dein Kreuz, hundert Kreuze, aber gib mir Leben. Denn mir bleiben noch Dinge zu tun, für dieses Volk und für dieses Vaterland. Nimm mich noch nicht weg, gib mir dein Kreuz, deine Dornen(krone), dein Schwert, und ich werde sie tragen, aber lebendig, Christus, mein Herr.
Dame tu corona Cristo, dámela, que yo sangro, dame tu cruz, cien cruces, pero dame vida, porque todavía me quedan cosas por hacer por este pueblo y por esta patria, no me lleves todavía, dame tu cruz, dame tus espinas, dame tu sable que yo estoy dispuesto a llevarlas, pero con vida, Cristo mi señor.

Man musste Chavez nicht mögen. Aber egal, wie sehr ihn diejenigen dämonisierten, für die eine Umverteilung des Reichtums nur von unten nach oben moralisch oder praktisch begründbar ist: die Armutsquote in Venezuela sank in den Jahren von 2002 bis 2011 von 48,6 auf 29,5 Prozent, und im Human Development Index der Vereinten Nationen rückte Venezuela von 2006 bis 2011 um sieben Positionen auf. Der durchaus abergläubische Präsident ließ sein Land nicht nur konsumieren, er ließ auch investieren. Er wird gewusst haben, dass Bildung nicht nur ein kostbares Gut ist, sondern auch ein Kriterium, mit dem die Oberschicht sich von der übrigen Gesellschaft wirkungsvoll abgrenzt.

Und trotzdem war Chavez nur ein Teil der Erfolgsgeschichte. Das gilt nicht nur, weil - wie Brecht vermutlich anmerken würde - ein großer Mann zwecks großer Taten wenigstens einen Koch bei sich haben muss. Auch Venezuelas Zivilgesellschaft trug zum Erfolg bei. Die Antwort auf Chavez' Bildungsreform 2009 lässt sich in etwa so zusammenfassen: mehr Bildung ja; Indoktrination von klein auf nein. Und auch sonst setzten ihm die Venezolaner - offenbar auch viele seiner Anhänger - Grenzen. Zwar gestand sein Volk ihm in einem Referendum zu, sich als Präsident beliebig oft neu zur Wahl zu stellen, aber eine Aufhebung der Autonomie der Zentralbank und eine präsidiale Kontrolle der regionalen Gouverneure und Bürgermeister des Landes hatte eine knappe Mehrheit gut ein Jahr zuvor, 2007, in einem Referendum abgelehnt.

Eins war klar: diese Niederlage war aus Chavez' Sicht nur eine vorläufige. Er würde es wieder versuchen.

In dem Licht drängt sich die Frage auf, ob die Präsidentschaft Chavez' zu früh oder gerade rechtzeitig endet. Das liest sich möglicherweise zynisch, trägt aber dem Rechnung, dass Chavez den Sinn seines Lebens offenbar in eben seiner Präsidentschaft sah.

Es gibt Dinge, die seine Nachfolger besser machen müssen als er, wenn der Chavismo nachhaltig erfolgreich sein soll. Die Basis seiner Reformen war die venezolanische Ölindustrie. Im Jahr 2000 förderte Venezuela drei Millionen Barrel am Tag; aber nur noch 1,7 Millionen täglich im Jahr 2011. In diese Basis des Wohlstands müssen Chavez' Nachfolger investieren.

Und wenn sie es mit der "Volksmacht" Ernst meinen, sollten sie am Konzept einer loyalen Opposition arbeiten.

Eine gute Basis dafür, dass das funktionieren kann, sind starke Gouverneure verschiedener Parteien, die auch das ganze Land führen können, wenn sie dazu gewählt werden - genau diese Gruppe potenziell starker Oppositioneller wollte Chavez 2007 an die Kette legen.

Eine Einigkeit unter den Chàvez-Erben, die vor allem darin bestünde, die Opposition zu unterdrücken, würde Venezuela nicht nützen, sondern schaden. Nur positive Ziele werden zu weiteren Verbesserungen führen.

» Ahmadinejad orakelt, 06.03.2013



Special Relationship:


» A belligerent, audacious attack, Sept 20, 2006
» You are a Donkey, Mr. Bush, 19.03.2006

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (10)

h.yuren 08.03.2013 | 20:51

Man musste Chavez nicht mögen. Aber egal, wie sehr ihn diejenigen dämonisierten, für die eine Umverteilung des Reichtums nur von unten nach oben moralisch oder praktisch begründbar ist: die Armutsquote in Venezuela sank in den Jahren von 2002 bis 2011 von 48,6 auf 29,5 Prozent,...

lieber jr, deinem abschiedsblog für chavez schließe ich mich an.

es muss ungeheuer viel kraft gekostet haben, gegen den strom zu schwimmen. das gewässer war zudem vergiftet...

andrerseits ist eine ein-mann-show, wie sie in politik und gesellschaft üblich ist, immer eine überforderung - für die person an der spitze der hierarchie wie für die chargen darunter.

köpfe können geköpft werden. die struktur bleibt bestehen. es ist die struktur, die sich als praktisch erwiesen hat in der staatlichen ära, in der ära der kriege. ein zentrales kommando für den commandante ist wirkungsvoll.

was du zur opposition schreibst, ist in amerika und eigentlich überall bedenklich, finde ich. der zivile kampf der demokratischen verfassung unterstellt, dass die kämpfenden um die beste lösung der gesellschaftlichen probleme streiten. in wirklichkeit spielen auch allzu menschliche und inhumane motive eine große rolle.

latein-amerika hat keine wahl. es muss sich befreien. chavez hat zur befreiung einen großen beitrag geleistet. und sich bei gewissen leuten unbeliebt gemacht.

hoffen wir, dass venezuela und ganz latein-amerika weiterhin fortschritte auf dem weg zur menschenwürdigen gesellschaft machen.

grüße, hy

JR's China Blog 08.03.2013 | 21:16

Das stimmt - Lateinamerika muss sich befreien, und es steht dabei erst am Anfang. Allerdings gab es z. B. zwischen Chávez und seinem ecuadorianischen Amtskollegen - nach dem, was ich nebenbei im lateinamerikanischen Radio mitgehört habe ;-) - durchaus auch Differenzen zwischen ihnen. Rafael Correa hat die Zivilgesellschaft demnach auf dem Zettel - Chávez hatte möglicherweise durchaus das Zeug zu einem totalitären Staatsmann.

Zuviel Vertrauen in die Möglichkeiten zivilgesellschaftlichen Verhandelns ist bedenklich - das ist auch wahr. Aber das gilt mindestens genauso für Erziehungs-, Transformations- und sonstige Diktaturen. Wer mit einer Oligarchie wie der venezolanischen fertigwerden muss, der muss zwar zeitweise zerstören und verstören. Aber die Frage ist, wer diese Phasen wieder beendet. Charaktere wie Chávez wissen meistens nicht, wann es genug war - Mao Zedong hat China menschlich weit schlimmer verwüstet, als man das heute auf den ersten Blick glauben würde. Die Herrschaft der KP Chinas basiert nicht nur auf den wirtschaftlichen Erfolgen der vergangenen Jahrzehnte, sondern auch auf der kollektiven chinesischen Erfahrung mit dem maoistischen Terror: man weiß, wozu die Führung im Konfliktfall fähig ist.

Ich zweifle an den Führungsqualitäten Maduros & Co. Aber bei allem Respekt vor dem Urteilsvermögen, das das venezolanische Volk in den letzten fünfzehn Jahren im Umgang mit seinem populären Präsidenten gezeigt hat: auf Dauer wäre das in eine Diktatur abgeglitten. Es gibt keine brutale Abkürzung zu einer menschenwürdigen Gesellschaft.

Kurz gesagt: mir scheint, die Chancen, dass die revolutionäre Mischung in Venezuela heute "stimmt", könnte größer nicht sein als mit Chávez' Präsidentschaft und mit seinem menschlich gesehen viel zu frühen Tod.

Aber der Wandel war unter Chávez gefährdet, und er bleibt - ab jetzt aus anderen Gründen - gefährdet. Hoffen wir, dass Chávez keine Märchenstunde bleibt wie der Peronismus, sondern dass man sich an ihn in einigen Jahren als Pionier erinnern wird.

h.yuren 08.03.2013 | 21:40

Ich zweifle an den Führungsqualitäten Maduros & Co.

was sind große führungsqualitäten? in meinen ohren klingt das lange wort nicht gut, lieber jr.

du deutest auch an, dass chavez vielleicht vom weg der politischen tugend abgekommen wäre, wenn er noch ein jahrzehnt regiert hätte. das dilemma in allen staaten ist das gleiche: die alten strukturen der herrschaft nützen gegen innere und äußere feinde. sie stehen aber auch einer entwicklung in eine humane und harmonische gesellschaft im wege.

grüße, hy

JR's China Blog 08.03.2013 | 21:58

in meinen ohren klingt das lange wort nicht gut, lieber jr.

Das mag wohl sein. Aber ich finde, verglichen mit dem kurzen Wort Chavez klingt es schon wieder richtig gut.

Führungsqualitäten: robustes Durchsetzungsvermögen gegen Restaurateure des Vor-Chavez-Status, Moderationsvermögen und Vermittlungskunst (innerhalb und außerhalb der Chavez-Erbengemeinschaft), Mut zur Modernisierung der ökonomischen Basis und Mut zur Demokratisierung.