Der Klassenkampf des Hugo Chavez

Adios Presidente. Nicolas Maduro wird heute Chavez Nachfolger. Binnen dreißig Tagen muss er laut Verfassung Präsidentschaftswahlen ausrufen. Geht Chavez' Revolution weiter? Wenn ja: wie?
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Ein Leben voller Schmerzen - das könne er annehmen, sagte Hugo Chavez im April 2012 in seiner Heimatstadt Barinas.

Gib mir deine Krone, Christus, gib sie mir, dass ich blute, gib mir dein Kreuz, hundert Kreuze, aber gib mir Leben. Denn mir bleiben noch Dinge zu tun, für dieses Volk und für dieses Vaterland. Nimm mich noch nicht weg, gib mir dein Kreuz, deine Dornen(krone), dein Schwert, und ich werde sie tragen, aber lebendig, Christus, mein Herr.
Dame tu corona Cristo, dámela, que yo sangro, dame tu cruz, cien cruces, pero dame vida, porque todavía me quedan cosas por hacer por este pueblo y por esta patria, no me lleves todavía, dame tu cruz, dame tus espinas, dame tu sable que yo estoy dispuesto a llevarlas, pero con vida, Cristo mi señor.

Man musste Chavez nicht mögen. Aber egal, wie sehr ihn diejenigen dämonisierten, für die eine Umverteilung des Reichtums nur von unten nach oben moralisch oder praktisch begründbar ist: die Armutsquote in Venezuela sank in den Jahren von 2002 bis 2011 von 48,6 auf 29,5 Prozent, und im Human Development Index der Vereinten Nationen rückte Venezuela von 2006 bis 2011 um sieben Positionen auf. Der durchaus abergläubische Präsident ließ sein Land nicht nur konsumieren, er ließ auch investieren. Er wird gewusst haben, dass Bildung nicht nur ein kostbares Gut ist, sondern auch ein Kriterium, mit dem die Oberschicht sich von der übrigen Gesellschaft wirkungsvoll abgrenzt.

Und trotzdem war Chavez nur ein Teil der Erfolgsgeschichte. Das gilt nicht nur, weil - wie Brecht vermutlich anmerken würde - ein großer Mann zwecks großer Taten wenigstens einen Koch bei sich haben muss. Auch Venezuelas Zivilgesellschaft trug zum Erfolg bei. Die Antwort auf Chavez' Bildungsreform 2009 lässt sich in etwa so zusammenfassen: mehr Bildung ja; Indoktrination von klein auf nein. Und auch sonst setzten ihm die Venezolaner - offenbar auch viele seiner Anhänger - Grenzen. Zwar gestand sein Volk ihm in einem Referendum zu, sich als Präsident beliebig oft neu zur Wahl zu stellen, aber eine Aufhebung der Autonomie der Zentralbank und eine präsidiale Kontrolle der regionalen Gouverneure und Bürgermeister des Landes hatte eine knappe Mehrheit gut ein Jahr zuvor, 2007, in einem Referendum abgelehnt.

Eins war klar: diese Niederlage war aus Chavez' Sicht nur eine vorläufige. Er würde es wieder versuchen.

In dem Licht drängt sich die Frage auf, ob die Präsidentschaft Chavez' zu früh oder gerade rechtzeitig endet. Das liest sich möglicherweise zynisch, trägt aber dem Rechnung, dass Chavez den Sinn seines Lebens offenbar in eben seiner Präsidentschaft sah.

Es gibt Dinge, die seine Nachfolger besser machen müssen als er, wenn der Chavismo nachhaltig erfolgreich sein soll. Die Basis seiner Reformen war die venezolanische Ölindustrie. Im Jahr 2000 förderte Venezuela drei Millionen Barrel am Tag; aber nur noch 1,7 Millionen täglich im Jahr 2011. In diese Basis des Wohlstands müssen Chavez' Nachfolger investieren.

Und wenn sie es mit der "Volksmacht" Ernst meinen, sollten sie am Konzept einer loyalen Opposition arbeiten.

Eine gute Basis dafür, dass das funktionieren kann, sind starke Gouverneure verschiedener Parteien, die auch das ganze Land führen können, wenn sie dazu gewählt werden - genau diese Gruppe potenziell starker Oppositioneller wollte Chavez 2007 an die Kette legen.

Eine Einigkeit unter den Chàvez-Erben, die vor allem darin bestünde, die Opposition zu unterdrücken, würde Venezuela nicht nützen, sondern schaden. Nur positive Ziele werden zu weiteren Verbesserungen führen.

» Ahmadinejad orakelt, 06.03.2013



Special Relationship:


» A belligerent, audacious attack, Sept 20, 2006
» You are a Donkey, Mr. Bush, 19.03.2006

10:14 08.03.2013
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Geschrieben von

JR's China Blog

Das Schlechte von gestern muss nicht das Alte von heute sein.
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